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Kein Gas über Nord Stream 1: Warum das keine Routine ist

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Von: Thomas Schmidtutz

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Die Pipeline Nord Stream 1 ist wegen Wartungsarbeiten erst mal dicht. Viele Beobachter sehen die Lieferunterbrechung als Menetekel für schwere Zeiten. 

Lubmin - Seit Montag fließt wegen Wartungsarbeiten kein Gas mehr durch die Pipeline Nord Stream 1. Das sorgt für wachsende Nervosität bei Haushalten, Unternehmen und in der Politik.

Wieso wird Nord Stream 1 gewartet?

Die Wartung von Gasleitungen ist rechtlich vorgeschrieben und ähnelt etwa der TÜV-Prüfung bei Autos. Dabei wird einmal jährlich geprüft, ob die Leitungen dicht sind oder ob es Risse oder gar Leckagen gibt. Außerdem werden auch andere Bereiche wie der Brand- und Gasschutz gecheckt. Zudem wird die Software aktualisiert und geprüft, ob im Notfall alles per Knopfdruck abgeschaltet werden kann. Die Arbeiten finden laut Bundesnetzagentur aber nicht an der eigentlichen Leitung, sondern an den Verdichterstationen statt, etwa in Lubmin bei Rügen. Danach prüft der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfachs (DVGW), also der Pipeline-TÜV, die Arbeiten und gibt die Anlagen wieder frei.

Wie viel Gas floss zuletzt durch die Pipeline?

Das russische Staatsunternehmen Gazprom hatte im Juni bereits die Liefermenge durch die mehr als 1200 Kilometer lange Nord-Stream-1-Pipeline deutlich gedrosselt und auf Verzögerungen bei Reparaturarbeiten verwiesen. Zuletzt war die Röhre laut Bundesnetzagentur nur noch zu etwa 40 Prozent ausgelastet.

Warum liefert Russland weniger Gas?

Zur Begründung für die gedrosselten Gaslieferungen verweist der Kreml auf eine fehlende Turbine. Sie wurde in Kanada gewartet, durfte aber wegen der Sanktionen zunächst nicht geliefert werden. Inzwischen hat Kanada aber auf Drängen der Bundesregierung grünes Licht für den Transport gegeben. Der Kreml erklärte, man werde die Gaslieferungen wieder erhöhen, wenn die Turbine wieder eingebaut sei. Beobachter hegen aber große Zweifel an der Bereitschaft Moskaus, die vereinbarten Liefermengen auch künftig wieder einzuhalten.

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Könnte das Gas auch über andere Pipelines umgeleitet werden?

Theoretisch schon. Auch 2018 und 2019 waren Teile der Gaslieferkapazitäten über die Ukraine nach Deutschland geleitet worden. Doch 2020 und 2021 hat Russland von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch mehr gemacht. Auch in diesem Jahr hätte Moskau auf die beiden Festlandpipelines Jamal bzw. Transgas ausweichen können, diese Option aber nicht gezogen. 

Wie versucht Deutschland, die geringeren Liefermengen auszugleichen?

Deutschland hat die Lieferkapazitäten aus den Niederlanden zuletzt von 30 auf 60 Millionen Kubikmeter pro Tag erhöht. Norwegen liefert derzeit täglich 130 Millionen Kubikmeter und damit 30 Prozent mehr als sonst. Unter dem Strich bleibt damit aber eine Lücke, die über die Gasbestände in den Speichern gedeckt werden muss. Sollten sich die Lieferausfälle auf die geplanten zehn Tage beschränken und die Gashähne danach wieder geöffnet werden, könnten die angepeilten Füllstände für die deutschen Gasspeicher wohl erreicht werden, erklärte etwa Andreas Schröder vom Marktanalyst Icis gegenüber dem Handelsblatt. Danach sollen die deutschen Gasspeicher bis zum 1. August zu 65 Prozent gefüllt sein, bis zum 1. Oktober zu 80 Prozent. Andernfalls wäre dies wohl kaum noch zu schaffen.

Welche Folgen hätte ein dauerhafter Lieferstopp für die Gaspreise?

Kurzfristig dürfte die laufende Wartung und die damit verbundene Lieferunterbrechung am Markt eingepreist sein. Sollte sich die Wartung jedoch verzögern oder Gazprom die Lieferungen auch nach dem Wartungsende nicht wiederaufnehmen, dürfte der Gaspreis steil ansteigen - mit weitreichenden Folgen für die Versorgungssicherheit und die Preise. Schon jetzt müssen viele Unternehmen ihre Lieferungen zu teils deutlich höheren Preisen am Markt einkaufen. Auch private Verbraucher müssen sich laut Bundesnetzagentur auf deutlich steigende Gaspreise einstellen. (utz)

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