3. Corona-Welle

„Handelt endlich!“: RKI-Zahlen falsch - Intensivmediziner geht von Inzidenz deutlich über 150 aus

DIVI-Prognose-Modell: Simulation der Intensivbettenauslastung für COVID-19 in Abhängigkeit von der Infektionsdynamik und dem zu erwartenden Impfeffekt.
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DIVI-Prognose-Modell: Simulation der Intensivbettenauslastung für COVID-19 in Abhängigkeit von der Infektionsdynamik und dem zu erwartenden Impfeffekt.

Seit Ostern stochert Deutschland bei den Corona-Fallzahlen im Nebel. Das Robert-Koch-Institut (RKI) spricht von weniger Tests. Die Zahl der Patienten auf der Intensivstation liegt dagegen vor.

Berlin - Weniger Menschen sind über Ostern zum Arzt gegangen, es gab weniger Test und auch bei den Gesundheitsämtern könnte es zu Verzögerungen gekommen sein. Das Robert-Koch-Institut (RKI) weist seit Tagen bei den Corona-Fallzahlen daraufhin. „Oster-Delle“ - wird das Phänomen gerade gern bezeichnet. Allerdings wirft genau das Fragen auf. Schließlich hängt momentan vieles vom Infektionsgeschehen und vor allem von der 7-Tage-Inzidenz ab.

Corona: Hin und Her bei der Inzidenz-„Notbremse“

In München beispielsweise gab es nach Ostern kurzzeitig eine Ausgangssperre, die allerdings - weil ja drei Tage der Werte unter 100 lag - wieder aufgehoben wurde. Viele schüttelten über dieses Vorgehen nur den Kopf. Selbst bei dem Hinweis, das hier nach der Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung gehandelt wird. Sind die Corona-Fallzahlen nun tatsächlich richtig oder schummelt hier einer bei der Inzidenz für Lockerungen? Die bayerische Landeshauptstadt München weist solche Gedanken vehement zurück: „Die Vorwürfe, dass wir mit unseren Zahlen wahlweise Panik schüren oder verharmlosen, hören wir seit einem Jahr. Wir melden schlicht und einfach die Fallzahlen, die uns übermittelt werden. Täglich nach dem gleichen Muster und für jeden nachvollziehbar“, twittert die Stadt München.

Alles spricht für Corona-Lockdown - DIVI-Prognosen eingetroffen

„Es brennt“, sagte DIVI-Präsident Gernot Marx am Freitag auf einer virtuellen Pressekonferenz der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Sie fordern einen harten Lockdown und warnen vor einer dramatischen Corona-Lage in Deutschland. Es ist nicht das erstmal. Für eine Lockdown-Verlängerung bis zum 1. April sprachen sich die Experten schon Anfang März aus. Um ihre Forderungen zu unterstreichen, stellten die Intensivmediziner damals ein DIVI-Prognose-Modell vor.

„Die Prognosen sind eingetroffen“, so Marx. Die Patienten auf den Intensivstationen sind real. Bei der Zahl der Covid-Fälle ist keine „Oster-Delle“ zu beobachten. Intensivbetten werden knapp. Die Zahl der Covid-19-Patienten steigt seit Wochen rasant. Anfang Januar 2021 hatte die Zahl der Corona-Intensivpatienten mit mehr als 5.500 Fällen einen Höhepunkt in der Corona-Pandemie erreicht. Dann flaute die zweite Corona-Welle ab. Im März verzeichnete das DIVI-Intensivregister weniger als 3.000 Patienten. Inzwischen müssen 4.501 Patienten intensivmedizinische behandelt werden - Stand 9. April.

Corona in Deutschland: 7-Tage-Inzidenz weit über 100

Das DIVI-Prognose-Modell dient zur Vorhersage der Auslastung der Intensivbetten. Mit dem Modell lassen sich unterschiedliche Szenarien mit Faktoren, wie Impfquote, Ausbreitung einer Corona-Mutation sowie Lockdown-Maßnahmen berechnen. Die tatsächliche Auslastung der Intensivbetten ist in der Grafik als hellgrüne Linie dargestellt. Bislang deckt sie sich mit den Erwartungen.

„In unserem Prognose-Modell liegt die Inzidenz schon weit über 100 - wahrscheinlich 150 oder 160“, sagt Prof. Dr. med. Christian Karagiannidis, wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters. Das würde sich deutlich zeigen. Dabei räumt der Intensivmediziner ein, dass in der Modell-Berechnung die „Notbremse“ ab einer Inzidenz von 100 eingerechnet wäre. In einigen Teilen Deutschlands sei diese allerdings teils ausgesetzt. Auch wenn sich herausstellt, dass die Corona-Mutation B.1.1.7 deutliche kränker mache, müsse das Modell weiter angepasst werden.

DIVI-Prognose-Modell: Simulation der Intensivbettenauslastung für COVID-19 in Abhängigkeit von der Infektionsdynamik und dem zu erwartenden Impfeffekt.

Corona-Fallzahlen nicht aussagekräftig

Laut RKI liegt die 7-Tage-Inzidenz am Freitag bei 110,4 (Vortag: 105,7) - also noch weit entfernt von 150 oder 160. Das RKI weist ausdrücklich darauf hin, dass dieser Wert wenig aussagekräftig sei. Dabei hatte das RKI vor Ostern vor einem dramatischen Anstieg der 7-Tage-Inzidenz nach den Feiertagen gewarnt. Angesichts der Lage eine verzwickte Situation. SPD-Politiker Karl Lauterbach findet in der Talkshow bei „Markus Lanz“ (ZDF) deutliche Worte: „Es ist ein Skandal, dass wir nach einem Jahr noch immer an den Feiertagen keine brauchbaren Zahlen haben.“ Lauterbach legte noch einen drauf und schockte damit vor allem Lanz: „Jeder weiß, dass die Zahlen, die wir jetzt haben, nicht zuverlässig sind.” 

„Bitte handelt endlich!“, twitterte Prof. Dr. med. Christian Karagiannidis, wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters am Donnerstag. Virologe Christian Drosten teilte seinen Post mit dem Kommentar: „Dies ist ein Notruf.“ (ml) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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