1. hallo-muenchen-de
  2. Kino & TV

Musik-Ikone rockt ARD-Krimi: Feiertags-Tatort mit Udo Lindenberg - „Zuschauer sollten offen sein“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Katja Kraft

Kommentare

Kommissarin Lindholm (Maria Furtwängler) ist verwirrt: Was sollen die ganzen Udo Doubles? Und das Blut am Morgenmantel?
Kommissarin Lindholm (Maria Furtwängler) ist verwirrt: Was sollen die ganzen Udo Doubles? Und das Blut am Morgenmantel? © Bild: NDR/Frizzi Kurkhaus

Am zweiten Weihnachts-Feiertag sendet die ARD den Krimi „Alles kommt zurück“. Regisseur Detlev Buck über seinen „Tatort“-Film mit Musiker Udo Lindenberg als Stargast.

Hamburg - Mitte der Neunziger wollten sie es schon einmal tun. Udo Lindenberg und Detlev Buck. Sänger und Regisseur. Beide vereint in ihrer Liebe zum Norden und gesegnet mit lässiger Schnodderigkeit. Udo sagt also zu Detlev: „Lass uns mal was zusammen machen.“ Aber Buck weiß selbst gerade nicht, was er als Nächstes machen will. So machen sie nichts zusammen – und jeder für sich sein Ding.

Dreißig Jahre später pfeifen die coolen (grünen) Socken noch immer auf das, was die andern sagen, doch ziehen nun endlich ein Ding gemeinsam durch. Und was für eins. Den „Tatort“, noch dazu den, der am zweiten Weihnachtstag um 20.15 Uhr in der ARD laufen wird. Die Kritik zu „Tatort: Alles kommt zurück“ lesen Sie hier. Der Deutschen heilige Fernsehkuh am Feiertag. Weiß Buck eigentlich, worauf er sich da eingelassen hat? Kräftiges Lachen auf der anderen Seite der Leitung.

Tatort mit Udo Lindenberg: ARD schickt Kommissarin Lindholm auf eigentümliche Reise

Ein Interview per Telefon, wie so oft in diesen Tagen. Der Regisseur, bekannt durch Filme wie „Männerpension“ oder zuletzt „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, nimmt die Herausforderung Sonntagskrimi gelassen an, wie er alles gelassen zu nehmen scheint. „Das wird kein normaler Charlotte-Lindholm-Film. Man sollte da als Zuschauer offen sein für etwas weg vom klassischen Krimi-Schema. Wenn man nicht offen ist, sollte man nicht gucken.“

Das war schließlich der Wunsch des Senders: die Verletzlichkeit der Lindholm zum Vorschein zu bringen. „Das ist eine Frau über 50, die sagt: Ich weiß, da ist noch eine Leidenschaft in mir – die ich aber im Alltag unter Beobachtung von Mutter und Sohn nie leben könnte.“ Und deshalb schicken Buck und Drehbuchautor Uli Brée die Kommissarin (Maria Furtwängler) auf eine Reise. Ins Hotel Atlantic Hamburg. Genau, das Atlantic. In dem Udo Lindenberg wohnt. In der Realität und im Film.

Es war Buck und Brée eine sichtliche Freude, mit der Kultfigur Lindenberg zu spielen. „Der hat geschafft, was nur wenige schaffen. Wie Otto. Ein Mythos, besser: eine Konstante zu werden, die die Menschen beruhigt in dieser schnelllebigen Welt.“ Letztlich wie der „Tatort“ jeden Sonntag*. Eine der letzten Sendungen im linearen TV, über die noch diskutiert, manches Mal leidenschaftlich gestritten wird. Buck findet’s herrlich. Sollen sie sich ruhig auch angesichts seines ersten Films der Reihe kräftig echauffieren. Ist doch ein gutes Ventil, wenn man schon seit drei Tagen weihnachtsbedingt aufeinander hockt.

ARD-Tatort als Ritual: Regisseur Buck und der Unterschied zu heutigen „Suchtpatienten“

„,Tatort‘ ist ein Ritual. Das passiert immer zu einer bestimmten Zeit auf einem bestimmten Sender. Das mag ich, wenn die Leute sich so zusammentun. Und nicht nur vereinzelt schauen.“ Dann schraubt Buck seine Stimme in eine nervige Tonlage und imitiert einen der vielen „Bingewatcher“, die marathonartig bei Netflix und Co. Serien anschauen. „Ich hab das nachts bis vier Uhr durchgeguckt – ich darf dir aber nicht sagen, was mit der Omma in der letzten Folge passiert“, äfft Buck Seriengucker von heute nach und lacht dann wieder sein sympathisch lautes Lachen. „Wie Suchtpatienten, die immer neuen Stoff brauchen.“

„Tatort“ also. Im Atlantic. Gedreht während des Lockdowns. Das Haus an der Alster fast menschenleer. „Das war lustig irgendwie. Da schlumpt man so durch die Gänge und ab und zu trifft man Udo“, erzählt der Regisseur. Und verfällt wieder in die Imitation. Diesmal mit Lindenberg-Stimme: „Komm ma’ vorbeeei“, hätte der ihm bei ihren kurzen Begegnungen zugeraunt. „Dann geht man bei ihm vorbei, redet über Gott und die Welt und schlumpt danach wieder über die langen, leeren Gänge in sein Zimmer, guckt auf die Alster. Und denkt: Das ist schon echt schräg jetzt.“

„Tatort: Alles kommt zurück“: Kriminalfall in Hamburgs bunter Lollipop-Welt

So schräg wie der Film. Etliche Lindenberg-Doppelgänger huschen darin durchs Hotel – und machen Lindholm konfus, der vorgeworfen wird, in einen Mord verwickelt zu sein, und die auf eigene Faust ermittelt, um ihre Unschuld zu beweisen. Der Star des Films ist neben Udo – als Schlagzeuger der „Tatort“-Titelmelodie von Beginn an mit der Reihe verbunden – das Hotel. Buck gelingt es, die Atmosphäre, die gerade in geschichtsträchtigen Häusern wie dem Atlantic herrscht, spürbar zu machen. „Im Hotel ist man weg, kann sich – und wenn auch nur für eine Nacht – neu erfinden. Ich liebe Hotelbars, was dort passiert, ist zufällig, denn das ist kein abgeschlossener Raum. Da kannst du beobachten und Fantastisches erleben“, schwärmt er.

Und dann die Nähe zu Bahnhof und Kiez, als Kontrast zum herausgeputzten Atlantic. Reeperbahn und ein Bordell im Umland gestaltet Buck als bunte Lollipop-Welt. Er selbst spielt einen schrägen Bordellbetreiber. Und sorgt damit für Witz in diesem Mix aus Mystery, Thriller, Liebesdrama. „Da halte ich es mit Hitchcock: ,Man braucht Komik, um das Brutale zu verarbeiten.‘“ Und: Musik. Die liefert Udo höchstselbst. So wird dieser unkonventionelle „Tatort“, den manche – Weihnachtsfriede hin oder her – verteufeln werden, zum Geschenk für alle, die den Panikrocker lieben. Und Hamburg. Und nordische Lässigkeit. Mit einer Spur Schrulligkeit. Und einem Schuss Eierlikör. O du Fröhliche.

Kürzlich waren wie so oft nach einem Tatort-Sonntag zahlreiche Beiträge auf Twitter zu finden. Beim letzten Bremen-Fall war sich das Publikum besonders einig: Der Überblick ging verloren.* *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Auch interessant

Kommentare