Er lag drei Tage lang im Koma

„Ich war drei Minuten tot“ - Biathlon-Trainer Wolfgang Pichler über seinen Herzinfarkt - er macht schon wieder Sport

Biathlon-Legende Wolfgang Pilcher erlitt einen Herzinfarkt.
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Biathlon-Legende Wolfgang Pilcher erlitt einen Herzinfarkt.

Er treibt schon wieder Sport: Biathlon-Erfolgstrainer Wolfgang Pilcher erzählt zwei Monate nach seinem Herzinfarkt, wie er sich zurück ins Leben kämpft.

München – Wolfgang Pichler ist den Freunden des Biathlonsports vor allem als temperamentvoller, unerschütterlicher Urbayer bekannt. Umso schockierender war Ende September die Nachricht, dass der Erfolgstrainer aus Ruhpolding bei einer Radtour mit einer schwedischen Eisschnellläufern in der der Nähe des Waginger Sees einen lebensgefährlichen Herzinfarkt erlitt. Nun, gut zwei Monate später, erzählte der 65-Jährige im Interview mit dem Münchner Merkur*, wie er wieder zurück ins Leben fand. Inzwischen treibt Pichler sogar wieder Sport, geht in die Berge – das heißt aber nicht, dass nun alles wieder so wäre, wie es vorher war.

Wolfgang Pichler, wie geht es Ihnen?

Ich kann nur sagen: gut. Ich hatte Riesenglück. Ich bin zurück. Derzeit muss ich nur aufpassen, dass ich nicht zu viel mache.

Man hat sich große Sorgen um Sie gemacht. Wie schlimm stand es um Sie?

Ich war tot. Und dann im Koma.

Tot?

„Ich war drei Minuten tot. Das sagen die Ärzte. Dann haben sie mich mit Reanimation zurück ins Leben gebracht.“

Ich war drei Minuten tot. Das sagen die Ärzte. Dann haben sie mich mit Reanimation zurück ins Leben gebracht. Die ersten drei Tage war ich im Koma. Mitbekommen habe ich davon nichts. Aber für meine Frau, meine Kinder und meine Brüder war’s halt brutal. In der Früh fahre ich mit dem Rad los, später steht plötzlich die Polizei vor der Tür und sagt zu meiner Frau: Wahrscheinlich ist Ihr Mann tot.

Gott sei Dank ist es gut ausgegangen. Wann ist Ihnen denn erstmals so richtig bewusst geworden, wie knapp das war?

Das dauerte so eine Woche etwa. Als ich nach drei Tagen aus dem Koma erwacht bin, war es zunächst auch noch für mich hart.

Können Sie diesen Zustand beschreiben?

Man halluzioniert da, sieht zunächst Geister. Die erste Woche war grausig.

Wolfgang Pilcher: „Ich bin schon demütig geworden. Und zwar richtig demütig“

Wie haben Sie es denn geschafft, in relativ kurzer Zeit wieder auf die Beine zu kommen?

Wichtig war, dass meine Familie so zusammenstand, sich so um mich gekümmert hat. Und dann bin ich ein optimistischer Mensch und habe nur nach vorn geschaut. Das habe ich übrigens in Russland gelernt, als ich dort als Trainer gearbeitet habe: Man soll nicht zurück, sondern nur nach vorn schauen. Das hat mir viel geholfen. Hinzu kam, dass ich gut trainiert war und dadurch relativ schnell zurückgekommen bin. Durch meine Hochleistungssporterfahrung habe ich auch einen entsprechenden Kampfgeist. Ich habe mich nicht hängen lassen, sondern mir gesagt: Auf geht’s, jetzt packen wir’s an.

Haben Sie durch diese Grenzerfahrung einen anderen Blick aufs Leben bekommen?

Ich bin schon demütig geworden. Und zwar richtig demütig.

Inwiefern?

Mir ist klar geworden, dass ich enorm viel Glück hatte. Wenn mir das passiert, wenn ich allein unterwegs bin, dann ist’s vorbei. Wenn du so etwas überlebst, dann glaubst du an etwas, du wirst gläubig.

Wolfgang Pilcher: „Allein schon, dass der Notarzt nach nur acht Minuten da war, war nicht normal“

Wie meinen Sie das?

Ich glaube schon an Gott. Und glaube auch: Ich war einfach noch nicht so weit. Ansonsten gibt es das nicht, dass so viele Zufälle, die mich gerettet haben, zusammenkommen. Allein schon, dass der Notarzt nach nur acht Minuten da war, war nicht normal.

Es haben ja sehr viele Anteil genommen, als bekannt wurde, dass Sie sich mit einem Herzinfarkt auf der Intensivstation befinden. Ist das zu Ihnen vorgedrungen?

Ja. Noch am gleichen Tag haben zum Beispiel die Russen angerufen und gesagt, sie übernehmen alle Kosten für meine Behandlung, sie kümmern sich um alles. Das Olympische Komitee der Schweden hat jeden Tag angerufen und sich nach mir erkundigt. Wenn sich so viele Gedanken um einen machen, freut und bestärkt das einen. Das ist schon auch eine Anerkennung.

Sie sind 65, könnte es sein, dass Sie sich sportlich zu viel zugemutet haben?

Nein. Die Ärzte haben gemeint, dass so etwas immer passieren kann. Das ist manchmal so, das kann man nicht voraussehen. Der Grund für meinen Infarkt war mein hoher Cholesterinspiegel.

Machen Sie inzwischen wieder Sport?

Ja, ich mache fast alles. Ich fahre mit dem Rad, rudere, bin schon viereinhalb Stunden am Stück in die Berge gegangen. Und dann habe ich Qigong für mich entdeckt. Das ist so eine leichte asiatische Gymnastik. In der Kur habe ich damit angefangen. Es macht mir richtig Spaß. Und es bringt mir psychisch auch was. Ich muss es aber alleine machen, weil meine Frau, wenn sie mich bei den Qigong-Übungen sieht, immer lachen muss.

Wolfgang Pilcher: „Grundsätzlich werde ich nicht mehr sagen: Das mache ich später einmal“

Wird sich etwas in Ihrem Leben ändern?

Ich brauche zwar keinen Luxus, aber ich werde nicht mehr so sparen und sagen: Das ist für später. Ich hab’s ja gesehen: Wenn ich Pech gehabt hätte, dann wäre jetzt eh alles vorbei. Grundsätzlich werde ich nicht mehr sagen: Das mache ich später einmal. Sondern: Wenn ich etwas machen möchte, dann mache ich es jetzt.

Was wäre das zum Beispiel?

Ich setz’ mich mit meiner Frau ins Wohnmobil, und wir beide fahren dann los.

Werden Sie als Trainer oder Berater in den Sport zurückkehren?

Ich bin bereits voll am Arbeiten. Beim Biathlon-Weltverband IBU gehöre ich einer Gruppe an, die eine Akademie für Trainerausbildung aufbauen soll. Und dann habe ich weiterhin einen Direktorenposten im schwedischen Olympischen Komitee. Da bin ich für verschiedene Sportarten zuständig. Und bei den schwedischen Biathleten habe ich auch noch einen Beratervertrag.

Wann wird man Sie wieder an der Biathlon-Strecke sehen?

Man weiß ja gar nicht, wo man während der Corona-Krise hingehen könnte. Es sollen ja so wenig Leute zur Mannschaft wie möglich. Wenn wir den Sport aufrechterhalten wollen, dann müssen alle miteinander Disziplin einhalten. Ich bin nicht so wichtig, dass ich zum Beispiel im Dezember zum Weltcup nach Hochfilzen müsste. Ich hoffe natürlich, dass sich das im nächsten Jahr wieder normalisiert. Für den Sport ist diese Situation eine Katastrophe. Aber so ist es halt. Das muss man durchstehen. Und wenn man so etwas gehabt hat wie ich, sieht man das ohnehin anders: Ich bin froh, dass ich den Lockdown überhaupt erlebe.
- Interview: Armin Gibis - *Merkur.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

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