Ein Gespräch mit Überraschungen

Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul über das Jahr 2019: „So überrascht, das war kaum zu toppen“

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Sein bisher größter sportlicher Moment: Zehnkämpfer Niklas Kaul jubelt am 3. Oktober in Doha, nachdem er sensationell Weltmeister geworden ist.

Bei der Wahl zum Sportler des Jahres lag er gerade erst ganz weit vorn. Kein Wunder, schließlich hat Niklas Kaul die schönste Sportgeschichte 2019 geschrieben. 

  • Rückblick auf das Jahr 2019 mit Sportler Niklas Kaul.
  • Niklas Kaul hat 2019 die schönste Sportgeschichte geschrieben.
  • Jüngster Zehnkampf-Weltmeister der Geschichte.

Mit 21 Jahren kürte sich der Zehnkämpfer in Doha mit 8691 Punkten nach einer fulminanten Aufholjagd am zweiten Tag zum jüngsten Zehnkampf-Weltmeister der Geschichte wie HNA* berichtet. Im Interview schauen wir mit Kaul auf das Jahr zurück. Ein Gespräch über Überraschungen.

Herr Kaul, mögen Sie Überraschungseier?

Ungern, das ist zu viel kleiner Plastikmüll, den man wegschmeißt. Aber von der Schokolade her schon. Hin und wieder ist die erlaubt. Es ist normal, dass man sich auch mal was gönnt und nicht nur in kompletter Askese lebt.

Mögen Sie denn Überraschungen?

Wenn es gute sind, klar. Negative eher weniger, wenn beispielsweise trotz Vorbereitung ein schlechtes Ergebnis unter der Klausur steht, weil der Professor sich doch andere Aufgaben überlegt hat als angekündigt. Aber Scherz beiseite. Meine schönste Überraschung war natürlich das Gold in Doha, weil es so groß ist und so eine Riesenbedeutung hat.

Wer war überraschter: Ihre Eltern, die sie auch trainieren, oder Sie persönlich?

So überrascht wie ich war, kann man das schon kaum toppen. Ich habe es erst gar nicht richtig verstanden, was mir da gelungen ist. Und es hat auch bis zur Siegerehrung tags darauf gedauert, bis ich es tatsächlich realisiert habe. Mir war nur klar: Jetzt ist mir das früher als erwartet, früher als geplant, früher als erträumt passiert. Es war sehr emotional.

Sind denn Tränen geflossen?

Eigentlich bin ich kein Typ dafür. Aber wäre die Hymne noch ein bisschen länger gewesen, wäre es knapp geworden.

Video: Niklas Kaul - Private Macken, Musik und Motivation des Zehnkampf-Weltmeisters

Sprechen wir über den Wettkampf: Wann waren Sie am meisten von sich überrascht?

Beim Stabhochsprung. Fünf Meter bin ich in der Halle schon gesprungen, es war eine Bestätigung der Leistung. Aber wer mich davor in der Woche beim Springen beziehungsweise Durchlaufen gesehen hat, hätte nicht einen Euro darauf gesetzt, dass ich fünf Meter bei der WM schaffe. Im Wettkampf hatte ich nicht die Zeit, darüber nachzudenken, was im Training falsch gelaufen ist. Da schaltest du einfach den Kopf ab.

Gehört nicht Mut dazu, nach fünf Metern zu sagen: Diese Höhe reicht?

Nein. Ich war damit zufrieden. Denn wenn ich die 5,10 Meter angegangen wäre, hätte ich einen härteren Stab nutzen müssen, den ich vorher noch nie gesprungen bin. Das war nicht so sinnvoll. Deshalb habe ich gesagt: Ich konzentriere mich auf den Speerwurf. Doch dann habe ich den Fehler gemacht und zum ersten Mal gerechnet. Das hat mich nervös gemacht, und ich musste mich erst mal wieder runterbringen.

War der Stabhochsprung der Wendepunkt?

Nein, das war schon der Diskus. Nach dem ersten Versuch habe ich gemerkt, das kann ein guter Wettkampf werden, ich kann vielleicht eine Überraschung landen. Zeitgleich haben andere angefangen, verrückte Sachen zu machen, Topfavorit Kevin Mayer ist verletzt ausgeschieden. Grundsätzlich aber hole ich am zweiten Tag immer Punkte auf. Ich kenne es nicht anders. Die Rolle des Jägers macht mir sehr viel Spaß.

In welcher Disziplin hätten Sie sich gern überrascht?

Darüber denkt man immer nach – danach allerdings. Über die 100 Meter hatten wir am Start etwas umgestellt, das war noch nicht so gefestigt, und ich bin leider in alte Muster gefallen. Im Weitsprung hätte ich überraschen müssen, das lief vorher gut, aber in Doha nicht mehr.

Und wann hatten Sie das Gefühl: Pflicht erfüllt?

Über die 1500 Meter auf jeden Fall. Ich wusste genau, dass ich die gut laufen kann.

Aber ist der Druck nicht immens, wenn Sie wissen: Ich kann gleich Weltmeister werden?

Ich war nervös. Aber mein Vorteil war, dass ich wusste, es kommt noch eine gute Disziplin. Ich hatte mir keinen Plan gemacht. Ich bin es im Training gelaufen. Und daher wusste ich, wie es sich anfühlt, wenn ich alles reinlege, dann müsste es reichen. Und so war es auch ganz einfach: Ich hätte keine Lust auf ein taktisches Rennen gehabt. Deshalb habe ich alles gegeben, was geht.

Die erste richtige Auszeit hatten Sie um vier Uhr morgens im Hotelpool. Hat Sie da etwas überrascht?

Ja. Einer unserer Physiotherapeuten hat mir gesagt: Genieße die letzten Stunden, bevor du in dein neues Leben startest. Ich hätte es nicht erwartet, aber er hatte Recht. Alles war anders als erwartet.

Das Nachspiel zur Goldmedaille war also die noch größere Überraschung?

Ja, das war die größte Überraschung. Ich habe nach dem Wettkampf gedacht: Schön, jetzt bist du Weltmeister und gut ist. Wenn mir jemand Anfang des Jahres prophezeit hätte: Du gewinnst Gold, bekommst einen Bambi – ich hätte geantwortet: Okay, wo hast du den Schnaps her, der scheint gut zu sein. Die allergrößte Überraschung war wirklich, wie stark dieser Titelgewinn in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Als ich in Köln bei einem Kumpel war, bin ich in der Stadt angesprochen worden. In Mainz passiert das jetzt häufiger mal. Es ist neu, es ist unwirklich, aber ich freue mich jedes Mal sehr darüber.

Das heißt: Sie genießen den Promi-Status?

Nein, ein Promi bin ich nicht. Ich bin einfach jedes Mal positiv überrascht, wenn ich angesprochen werde. Ich bin nichts Besonderes, sondern einfach in dem Hobby, das ich angefangen habe, immer ein bisschen besser geworden.

Welche Rolle spielen Familie und Uni in Ihrem neuen Leben?

Wenn ich die leisesten Anstalten mache, abzuheben, dann würde ich von allen geerdet werden. Ich bin dankbar, dieses Umfeld zu haben.

Zur Person

Niklas Kaul (21) stammt aus Kaulheim bei Mainz und startet für den USC Mainz. An der dortigen Universität studiert er Sport und Physik auf Lehramt, das Trainingsgelände ist nur fünf Minuten vom Campus entfernt. 

Betreut wird er von seinen Eltern Stefanie und Michael in einer Trainingsgruppe mit der Bad Wildungerin Carolin Schäfer. Bei Freundin Mareike Rösler ist er in festen Händen. Größte Erfolge im Zehnkampf: Weltmeister 2019, U21-Weltmeister 2019, U20-Weltmeister 2016, U20-Europameister 2017, U18-Weltmeister 2015.

*hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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