Tage des Donners: tz-Reportage aus Le Mans

Le Mans - Le Mans ist bunt, faszinierend und vielleicht ein bissl chaotisch – Le Mans ist ein Mythos. Ein Mythos, der heuer rund 270 000 Zuschauer anlockte. Die tz war mittendrin.

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Horror-Unfall beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans - Video

Brrruuumm! Und plötzlich beginnt der Beton zu beben. Wenn bei den 24 Stunden von Le Mans die PS-Monster die Motoren aufheulen lassen, wenn sie von der Start- und Zielgeraden in die legendäre Dunlop-Kurve kacheln, dann dreht sich im Westen Frankreichs für 24 Stunden alles um Benzin (respektive Diesel) und Boliden. Auch wenn zwischendurch der ganze Zirkus innehält, als Allan McNish seinen Horrorabflug erlebt. Und ihn zum Glück unverletzt übersteht. Le Mans ist gefährlich. Le Mans ist hektisch. Le Mans ist bunt, faszinierend und vielleicht ein bissl chaotisch – Le Mans ist ein Mythos. Ein Mythos, der heuer rund 270 000 Zuschauer anlockte. Für die tz war Reporter Mathias Müller mittendrin im Mythos.

Bereits um neun Uhr morgens strömen am Samstag Tausende an die Strecke, um ihren Helden in den flachen Flitzern zu huldigen. Alexander Wurz, 1996 mit 22 Jahren jüngster Le-Mans-Sieger aller Zeiten, sagt vor dem Start ehrfurchtsvoll: „Le Mans gewinnst du nicht, es lässt dich gewinnen.“ Klingt irgendwie, ja richtig – mystisch eben. Dieses Jahr ist dem Österreicher sein dritter Triumph nicht vergönnt, er landet auf Rang vier. Den Titel sichern sich, nach fast 5000 Kilometern Fahrt, die Audi-Fahrer André Lotterer, Marcel Fässler und BenoÎt Tréluyer (Deutschland, Schweiz, Frankreich). Für Audi ist es der zehnte Triumph in Le Mans.

Will man in Le Mans gewinnen, muss man Gas geben und ständig am Limit fahren. Vollgas erlebt man an diesem Wochenende aber nicht nur auf, sondern auch neben der Strecke. Le Mans ist ja mehr als ein Autorennen. Es ist ein Spektakel, das Woodstock der Motorsportfans. Rund um den 13,6 Kilometer langen Circuit de la Sarthe entstehen an allen Ecken und Enden kleine Zeltstädte, bevölkert unter anderem von vielen Dänen. Die kommen zu Ehren von Le-Mans-Rekordsieger Tom Kristensen, der bereits achtmal gewonnen hat. Toms Bruder Jakob organisiert zusammen mit einem Reiseveranstalter abgeschlossene Dänen-Camps, dieses Jahr folgten etwa 10 000 seinem Ruf.

Der Traum vom neunten Triumph für ihren Helden ist nach 50 Minuten bereits ausgeträumt. Teamkollege Allan McNish sorgt mit seinem Horrorcrash für den spektakulärsten Moment des Wochenendes. Bei den Dänen herrscht Entsetzen: „Tom ist der Lord of the Rings, er ist der König, er hätte gewinnen können. Für uns ist das Wochenende gelaufen. Jetzt hilft nur noch viel Bier“, erzählt Kristian, der mit drei Freunden mit dem Auto aus dem Norden 14 Stunden nach Le Mans gefahren ist.

Bis auf einige Dänen freuen sich gegen 22 Uhr alle auf die Dunkelheit. Die Tribünen füllen sich wieder, ein Knistern liegt in der Luft. Die Xenon-Schweinwerfer der Rennwagen und ihre rot glühenden Bremsen erhellen den Asphalt. Dann der nächste Schock: Mike Rockenfeller kracht mit 300 km/h in die Leitplanke. Der zweite Audi ist raus. Stille und viele versteinerte Gesichter, aber auch er ist unverletzt, die Party kann weitergehen.

Viel davon spielt sich im Vergnügungspark ab, der sich direkt an die Tribünen anschmiegt. Selbst um vier Uhr morgens wird in den Partyzelten noch getanzt und gesungen.

Sonntagmorgen bei Tagesanbruch wird schnell deutlich, woran es dem 24-Stunden-Rennen mangelt: der Gelegenheit zum Schlafen. In den Boxen lassen sich abgelöste Mechaniker in voller Montur erschöpft in die Klappstühle fallen und nicken trotz des Höllenlärms um sie herum ein. Müde Partykrieger schlafen im Freien oder schaffen es gerade noch in ihr Zelt. Für die Fahrer beginnt die heiße Phase. Beim Kampf um den Sieg erfährt die Bezeichnung Mythos Le Mans dieses Jahr wieder absolut ihre Daseinsberechtigung. Der letzte verbliebene Audi fährt über 16 Stunden alleine gegen vier wütend angreifende Peugeots und rettet den Sieg mit 14 Sekunden Vorsprung ins Ziel – der Jubel ist grenzenlos. Schlussfahrer André Lotterer gönnt sich eine Ehrenrunde durch die Box und trifft im Audi-Lager überall auf hüpfende und singende Menschen. Eigentlich so ähnlich wie, Stunden zuvor, im Partyzelt. Motorsportchef Dr. Wolfgang Ullrich: „So eine Renngeschichte kann nur Le Mans schreiben. Es war eines der härtesten Rennen hier.“ Hektisch, bunt, faszinierend, vielleicht auch chaotisch – der Mythos Le Mans lebt.

Mathias Müller

"Das ist schließlich keine Kaffeefahrt"

tz-Interview mit Frank Biela, Fünfmaliger Sieger in Le Mans

Zweimal hat’s in Le Mans gekracht. Zweimal waren langsame Amateur­autos beteiligt. Grund genug für eine Sicherheitsdiskussion? Die tz befragte den fünfmaligen Le-Mans-Sieger Frank Biela.

Herr Biela, ist das 24-Stunden-Rennen zu gefährlich geworden?

Biela: Ich glaube nicht, dass am Reglement etwas geändert werden muss. Ein Autorennen ist schließlich keine Kaffeefahrt – und Unfälle können passieren. Vor 15 Jahren wären sie noch ganz anders ausgegangen. Wir können froh sein, dass die technischen Entwicklungen bei Audi mittlerweile so weit fortgeschritten sind.

Amateure sollten also weiterhin mitfahren dürfen?

Biela: Viele Fahrzeuge aus verschiedenen Klassen – gerade das macht Le Mans doch aus. Ich will damit nicht sagen, dass man die Unfälle akzeptieren soll. Man muss einfach immer aufpassen und versuchen, es zu verhindern. Aber letztendlich müssen alle Teilnehmer gewisse Lizenzen erfüllen, jeder darf also auch nicht mitfahren.

Wie haben Sie die Unfälle gesehen?

Biela: Allan hatte einfach Pech. In 99 von 100 Fällen funktioniert dieses Überholmanöver. Ich denke, der Ferrari konnte ihn nicht sehen. Der rechnet nicht damit, dass noch jemand aus der zweiten Reihe kommt. Mikes Unfall war in der Nacht, da sollte man immer doppelt aufpassen. Insgesamt muss man froh sein, dass es in beiden Fällen glimpflich ausgegangen ist.

Beeinflussen die Vorfälle die Fahrer im Hinblick auf das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring?

Biela: Du musst das wegstecken und abhaken. So hart sich das anhört: Derjenige, der am längsten dafür brauchen wird, zieht den Kürzeren.

mm.

Quelle: tz

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