Schwule Fußballer bleiben Tabuthema - Verbände wollen Toleranz fördern

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Schalke-Legende Yves Eigenrauch setzt sich für mehr Toleranz ein.

Köln - Künstler tun es, Show-Stars tun es, und auch immer mehr Politiker wagen den riskanten Schritt zum offenen homosexuellen Selbstbekenntnis.

Für Fußballer, die das gleiche Geschlecht lieben, bleibt der Kampf um die Anerkennung eigener Bedürfnisse dagegen ein gefährliches Spiel. “Wir müssen uns eingestehen, dass der Fußball in seiner Struktur noch immer reaktionär ist“, warnte der ehemalige Schalke-Profi Yves Eigenrauch unlängst beim zweiten “Aktionsabend gegen Homophobie“ in Köln.

Denn ein Outing ist beileibe nicht nur geeignet, Hohn und Häme bei den Fans auf den Plan zu rufen. Viele schwule und lesbische Kicker fürchten überdies, ein Eingeständnis ihres Andersseins könnte Sponsoren verschrecken und damit ein frühzeitiges Karriere-Ende heraufbeschwören. Der 37-jährige Eigenrauch hat als erfahrener Insider im vermeintlichen Hetero-Refugium Bundesliga allerhand erlebt - “Totschweigen von Tabus“ und zynische Kollegen-Witze inbegriffen. Dass es ein rasches Umdenken von Fans, Trainern und Funktionären bei diesem pikanten Thema geben wird, glaubt er nicht. “Der Prozess ist jetzt initiiert worden. Wir müssen aber Geduld haben.“

Jener “Prozess“ soll von zentraler Stelle aus koordiniert werden: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat sich auf die Fahnen geschrieben, nach Anti-Rassismus-Kampagnen und Fan-Projekten gegen Rechts nun auch die schwierige Lage homosexueller Sportler zu thematisieren. Erste Signale für die neue Offenheit des weltgrößten Sportverbands gibt es bereits. So kam DFB-Präsident Theo Zwanziger höchstpersönlich zu dem schwul-lesbischen Fußball-Forum in Köln, um für mehr Toleranz zu werben. “Der organisierte Fußball wird dazu beitragen“, versprach er.

Der Bedarf an Aufklärung scheint immens. Homosexuelle Fußballer stecken oft in einem Dilemma: Wer sich öffnet, wird niedergemacht; wer dicht hält, frisst den Frust in sich hinein. Das Verbergen der eigenen Neigung - Alibi-Partner und inszeniertes Familienglück sind keine Seltenheit - ist ein Vabanquespiel, das dem Sportler ein hohes Maß an Selbstverleugnung abverlangt. Auch Zwanziger hat dies erkannt: “Der Fußball muss sich gegen jede Art von Diskriminierung wenden.“

Doch der DFB-Chef beeilte sich zu betonen, dass die knapp 26 000 Vereine selbst den Großteil der Aufklärungsarbeit schultern müssten. “Was nützt es, wenn wir zu wenige Leute haben, die das an Ort und Stelle umsetzen?“ Zudem dürfe man die offizielle Rückendeckung nicht als einen Aufruf zum Massen-Outing missverstehen: “Die Freiheit des Einzelnen steht im Mittelpunkt - auch die Freiheit, defensiv zu bleiben.“ Sensibilisierung, nicht öffentlicher Druck sei das Ziel.

Das sah auch der Bundestagsabgeordnete Volker Beck so. “Ich hoffe, wir sind eines Tages so weit, dass Schwule und Lesben nicht selbst ihre Empörung organisieren müssen“, meinte der Grünen-Politiker. Die von mehreren Clubs unterzeichnete “Erklärung gegen Diskriminierung“ sei ein probates Mittel gegen Homo-Hass. Auch in der Nachwuchsarbeit müssten Vorurteile abgebaut werden. Die Aussagen des Kölner Trainers Christoph Daum, der sich in einem TV-Beitrag über “Kinderschutz“ und “gleichgeschlechtliche Bestrebungen“ geäußert hatte, hätten dies gezeigt. “Das war Bockmist, das muss vom Tisch“, schimpfte Beck.

Derlei Kontroversen zeigen aber vor allem: Bis die erhoffte “Welle der Aufklärung“ die Macho-Welt des Fußballs erfasst hat, haben alle Beteiligten noch einen langen Weg vor sich. Kein männlicher aktiver Profi habe sich in Deutschland bisher geoutet, klagt Tanja Walther vom Europa-Verband Schwuler und Lesbischer Sportler (EGLSF). Damit es bald so weit sein kann, will Kölns Stadionsprecher Michael Trippel das Fußball-Volk aufrütteln: “Mir sind elf schwule Spieler lieber, die die Meisterschaft gewinnen, als elf Heteros, die absteigen.“

Quelle: DPA

Quelle: tz

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