tz-Interview mit Günter Netzer

Netzer: "Wenn ich Mist mache, sollte man das beim Namen nennen"

Für die ARD wird Günter Netzer die Spiele der Fußball-EM analysieren.
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Für die ARD wird Günter Netzer die Spiele der Fußball-EM analysieren.

Er hat seinen Vertrag verlängert: Günter Netzer (63) bleibt Fußball-Experte der ARD bei der EM im Juni und bei der WM 2010 in Südafrika.

Zusammen mit Gerhard Delling wird er in gewohnter Manier Spiele analysieren, Spieler und Trainer loben oder kritisieren, Taktiken erklären und Hintergründe analysieren. Die tz sprach mit dem hauptberuflichen Sportrechte-Händler.

Herr Netzer, kommen Sie und Gerhard Delling sich nicht langsam wie die Methusalems aus der Muppet-Show-Loge vor?Netzer: Nö, ich bleibe bei dem Gedanken ganz ruhig. Mir ist wichtig zu wissen, dass unsere Moderation vom Sender gewünscht wird, und wir bei den Leuten immer noch gut ankommen.

Fußball wird immer mehr zur Show. Hat man Ihnen schon einen Gag-Schreiber angedroht, oder würden Sie dann hinwerfen?Netzer: Mir wäre der pure Sport lieber. Ich betrachte auch mit Unbehagen, dass beim Fußball die Showelemente zu sehr gewünscht und zu groß geworden sind. Aber bei Delling und mir sehe ich keine Gefahren. Ich kenne auch niemanden, der für eine Show ungeeigneter wäre als ich.

Ärgert es Sie denn, dass die ARD mit Oliver Pocher einen Parodisten für die EM ins Kompetenz-Team geholt hat?Netzer: Pocher versteht wirklich was von Fußball. Und er hat noch andere Fähigkeiten, die ihn für einen Fernsehsender interessant machen. Es scheint mir vernünftig zu sein, wenn man durch Pocher mehr jüngere Leute anspricht.

In Hamburg herrscht Bedauern, dass Sie bis 2010 an die ARD gebunden sind. Ein paar Leute, die Sie von früher kennen, hätten Sie gerne gefragt, ob Sie nicht Nachfolger von HSV-Trainer Huub Stevens werden mögen. Manager des Vereins waren Sie ja schon einmal von 1978 bis 1986...Netzer: Ich stand und stehe niemals für einen Trainerjob zur Verfügung. Ich habe mich mein ganzes Leben lang immer richtig einschätzen können, habe gewusst, was ich kann und vor allem, was ich nicht kann. Und eines weiß ich: dass ich kein guter Trainer geworden wäre.

Geben Sie doch zu: Sie hatten keine Lust auf so viel Bewegung…Netzer: Auch!

Auch als ARD-Mitarbeiter scheinen Sie nicht nur Freunde bei diesem Sender zu haben. Kennen Sie die Internet-Seite boerse.ard.de?Netzer: Nein, sollte ich?

Vielleicht. Da bezeichnen Experten den von Ihnen in der TV-Werbung angepriesenen Allianz-Zertifikatfond („Deutschlands erste Wahl bei jedem Börsenwetter“) als Mogelpackung: 13 bis 14 Prozent Minus in einem Jahr seien zu viel. Sauer?Netzer: Um Gottes Willen, nein. Ich möchte immer fair behandelt werden, das schließt auch Kritik nicht aus. Wenn ich irgendwo Mist mache, dann sollte man das beim Namen nennen dürfen. Aber diese Sache muss man relativieren: die Börse ist kein Selbstbedienungsladen. Die Börse ist Schwankungen unterlegen, da ist niemand vor gefeit. Die Allianz hatte in der Vergangenheit schon sehr gute Erfolge vorzuweisen, und die Produkte, die ich beworben habe, waren erfolgreich. Aber natürlich ist es möglich, dass in schlechten Börsenzeiten da mal etwas nicht im Lot ist. Das ist normal.

Sie sehen keinen Grund, sich wie einst Manfred Krug für Produktwerbung bei den Fernsehzuschauern zu entschuldigen?Netzer: Nein, wirklich nicht.

Ihre Agentur Infront hatte die WM-Rechte 2006. Sind Sie neidisch auf Ihren Ex-Partner Leo Kirch, der sich die Bundesliga-Rechte ab 2009 zurückerobert hat?Netzer: Ich empfinde pure Bewunderung, dass Kirch seine Besessenheit behalten hat, da noch immer mitzumischen. Und dass ihm ein solcher Schlag gelungen ist.

Kirch garantiert den Klubs 500 Millionen Euro pro Jahr. Realistisch oder Größenwahn?Netzer: Ein guter Deal auch für die Liga, der der Marktsituation entspricht. In anderen Ländern sind noch größere Summen möglich, aber in der Bundesliga spielen auch nicht mehr so viele Stars wie zum Beispiel jetzt in England.

Kommen wir zur Nationalmannschaft: Wird Deutschland Europameister?Netzer: Wir gehören auf jeden Fall zu den Mitfavoriten. Neben den Franzosen, Portugiesen und diesmal wohl auch den Spaniern. Mein Favorit ist aber wie auch vor der WM 2006 Italien. Die sind einfach auf allen Positionen gut aufgestellt.

Den Motivator Klinsmann hatten Sie vor der WM unterschätzt. Ihr Tipp damals war das Achtel-, höchstens aber das Viertelfinale für Deutschland. Hat es Jogi Löw mit seiner Truppe leichter?Netzer: Die Voraussetzungen sind nicht schlecht. Löw kann inzwischen auf eine Menge spielerische Erfahrung bauen. Und auch die jungen Spieler wie Podolski oder Schweinsteiger sind gereift, selbst wenn sie vielleicht nur eine Joker-Rolle übernehmen. Denn ich würde Gomez im Sturm und Hitzlsperger im Mittelfeld vorziehen.

Die deutsche Europameister-Elf von 1972 mit Beckenbauer, Müller und Ihnen gilt immer noch als die beste Nationalelf aller Zeiten. Warum ist so ein attraktiver Fußball heute nicht mehr möglich?Netzer: Ist es doch. Ich habe gerade erst das Premier-League-Spiel von Manchester United gegen Arsenal London gesehen. Das war eine Augenweide, was Tempo und spielerische Qualität anging.

Bleiben wir doch bitte bei der deutschen Nationalmannschaft…Netzer: Ich finde Eins-zu-eins-Vergleiche mit 1972 oder auch der WM 1974 nicht statthaft. Ich denke einfach nur, dass wir damals zahlenmäßig mehr und auch größere Spielerpersönlichkeiten gehabt haben. Ich vermisse heutzutage Charaktere, die Verantwortung übernehmen. Ich sehe den unbedingten Chef auf dem Platz kaum mehr. Das ist vielleicht der Hauptunterschied zu unserer Zeit.

Wagen Sie bitte noch einen Ausblick auf die Weltmeisterschaft in zwei Jahren in Südafrika, wo Sie ja auch als Kommentator hin sollen. Erwarten Sie dort friedliche Spiele oder fürchten Sie chaotische Zustände?Netzer: Ich sehe zur Zeit keine Gefahr. Geunkt wurde doch vor jeder WM. Selbst 1990 in Italien warnte man noch drei Tage vor dem Start davor, die Stadien zu betreten. Das ist überall so. Aber die Südafrikaner werden das hinkriegen. Für die ist das eine einmalige Chance, sich der Welt zu präsentieren.

Interview: Harald Heinzinger

Quelle: tz

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