„Böse Miene zu gutem Spiel“

WM 2018: Autor Kaminer über Austragungsort Saransk: „Nur durch Gefängnisse und Lager bekannt“

Wladimir Kaminer.
+
Wladimir Kaminer.

Bestsellerautor Wladimir Kaminer glaubt nicht, dass Russland durch die Fußball-WM weltoffener wird. Das Land wolle sich in erster Linie als perfekter Gastgeber inszenieren, obwohl viel schiefläuft.

Berlin -  Für Erfolgsautor Wladimir Kaminer wird die Fußball-WM keine nachhaltige Wirkung auf den Gastgeber haben. "Ich glaube nicht, dass die WM Russland verändern wird. Nachher fahren die Menschen wieder nach Hause, das Turnier ist in drei Monaten vergessen", sagt der Bestsellerautor ("Russendisko") im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID).

Kaminer macht seinem Heimatland den Vorwurf, sich nur zum Großevent freundlich zu präsentieren. Danach werde wieder mit eiserner Hand regiert. "Sicherlich wird das Land gute Miene zum bösen Spiel machen", sagt er: "Die Führung will das angekratzte Image des Landes aufpolieren."

Auch innenpolitisch verfolge Putin mit der WM klare Ziele. Russlands Machthaber wolle bei seinem Volk Sympathien sammeln und die Stimmung im Lande verbessern. "Es gibt eine alte Weisheit in Russland, die besagt: Fußball für die Männer, Blumen für die Frauen und Eis für die Kinder. Und so macht er das", sagt der 50-Jährige.

„Es gibt nur ein Problem mit der russischen Führung“

Nach Einschätzung des 1967 in Moskau geborenen Schriftstellers erhalte die liberale Opposition zur WM eine Verschnaufpause und werde von Putins Männern nicht mehr so gejagt wie zuletzt. Auch werden politische Prozesse ausgesetzt, vielleicht kommen sogar politische Gefangene frei. "Dann hätte die WM schon was bewirkt", sagt Kaminer, der seit Anfang der 1990er Jahre in Berlin lebt.

Angst bräuchten ausländische Besucher dennoch nicht vor Russland zu haben. "Die vielen WM-Touristen werden sehen, dass die Russen doch keine Bären sind, sondern ganz normale Menschen wie du und ich", meint der Familienvater, der mit Frau und zwei Kindern im Stadtbezirk Prenzlauer Berg lebt: "Es gibt nur ein Problem mit der russischen Führung, aber das Land ist in Ordnung."

Manchmal ist das politische Handeln des WM-Gastgebers für Kaminer nur mit Humor zu ertragen. So wurde der Bürgermeister von St. Petersburg von Putin gezwungen, mit seinem Büro auf die Stadion-Baustelle zu ziehen. Dort sei das Dach beschädigt worden. Dann habe man festgestellt, dass es die Pelikane waren. "Jetzt heißt es, es wird alles gut, wenn die Pelikane nicht so viel auf die Dächer kacken", amüsiert sich Kaminer.

Saransk kennen nur Russen, die vorbestraft sind

Unglücklich sei auch die Wahl von Saransk als Austragungsort der WM. Dabei handelt es sich um die Hauptstadt von Mordwinien, "einer Republik, die durch Gefängnisse und Lager bekannt ist", erzählt Kaminer: "Nur Russen, die vorbestraft sind, kennen Saransk."

Die Vorbereitung auf die WM sei weitgehend reibungslos verlaufen. "Also, die Infrastruktur ist vorhanden, die Stadien sind fertig. Man kann zufrieden sein", sagt der Autor. Nur habe es das riesige Reich versäumt, eine schlagkräftige Mannschaft aufzubauen. "Es sieht so aus, als könne Russland nur Weltmeister werden, wenn der Präsident mitspielt."

Putin hatte zuletzt beim Eishockey sein Talent gezeigt und gegen seine Minister 8:0 gewonnen. "Die schossen sofort auseinander, als er aufs Eis kam", berichtet Kaminer. Es würde ihn nicht überraschen, wenn Putin wieder eingreift. "Vielleicht zeigt er ja bei der WM seine Fußballkünste und steht im ersten Spiel gegen Saudi Arabien im Tor..."

Lesen Sie auch: „Starker Bezug zur Türkei“: Gündogan stellt sich nach Kritik an Erdogan-Treffen

Auch interessant: Dieses kuriose Ritual hat Julian Draxler vor dem Training oder Spiel - Mitspieler sind verwundert

SID

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Kommentare