Löws Planspiele: Keine Rücksicht auf EM-Spielplan

Die EM 2012 fest im Blick: Die Quartiersuche wird ohne Rücksicht auf die Spielstätten genommen.

Mönchengladbach - Nach fünf Siegen in fünf Spielen kann Joachim Löw anfangen ein Quartier für die EM in Polen und Ukraine zu suchen. Dabei gestaltet sich die Suche - wie schon in Südafrika - schwierig.

Joachim Löw bastelt weiter kräftig an seinem Kader für die Titelmission 2012, beim DFB laufen derweil hinter den Kulissen schon die logistischen Vorbereitungen auf die Fußball-EM in gut 14 Monaten. “Im April werden wir uns drei Hotels in Polen ansehen. Wir waren auch in der Ukraine, aber die Tendenz geht klar nach Polen“, kündigte Teammanager Oliver Bierhoff die schon entscheidende nächste Inspektionsreise für den kommenden Monat an.

Die Quartierwahl hat für Löw und seinen Stab im Planungspuzzle allerhöchste Priorität. Und der Bundestrainer bleibt dabei seinen Prinzipien treu. Wie schon bei der EM 2008 und der WM 2010 werden Risiken wie Reisestress oder eventuell brüskierte EM-Gastgeber in Kauf genommen. Das Motto heißt wieder: So wie man sich bettet, so spielt man auch.

Die Eckdaten der Bundestrainer-Ära Jogi Löw

30.07.2004: Zum 40. Geburtstag schenkt der DFB Bundestrainer Jürgen Klinsmann die Verpflichtung seines Favoriten Joachim Löw als Co-Trainer. Die “Schwaben-Connection“ ist perfekt. “Er ist für mich alles andere als ein Hütchenaufsteller“, sagt Klinsmann über Löw. © Getty
12.07.2006: Nach dem Rücktritt des “ausgebrannten“ Klinsmann wird Löw zum Chef der Nationalelf befördert. Der 46-Jährige bekommt einen Zweijahresvertrag und sagt: “Wir wollen Europameister 2008 werden.“ © Getty
16.08.2006: Löws Bundestrainer-Premiere wird in Gelsenkirchen zum rauschenden Fest - 3:0-Sieg beim Test gegen Schweden. © Getty
06.09.2006: Der höchste Sieg in der Amtszeit von Löw: 13:0 gegen Fußball-Zwerg San Marino vor nur 5019 Zuschauern in Serravalle. © Getty
28.03.2007: Erste, unbedeutende Niederlage im 9. Spiel: 0:1 gegen Dänemark beim Debütanten-Ball mit sechs DFB-Neulingen in Duisburg. © Getty
13.10.2007: Schon im viertletzten Qualifikationsspiel löst Löw mit einem 0:0 in Irland das Ticket für die EM 2008. © Getty
16.05.2008: Bei der Nominierung des EM-Kaders auf der Zugspitze sorgt Löw für Paukenschläge. Er bootet im Tor Timo Hildebrand aus, holt dafür René Adler und beruft 26 Akteure. Marko Marin, Jermaine Jones und Patrick Helmes schickt er nach der Vorbereitung nach Hause. © Getty
16.06.2008: Beim 1:0 im Vorrunden-Finale gegen Österreich wird Löw auf die Tribüne verwiesen. Ballacks Freistoß-Tor bejubelt er dort. © Getty
29.06.2008: Geplatzter Titeltraum. Spanien gewinnt durch ein Tor von Torres das EM-Finale in Wien mit 1:0. “Man muss die Qualität der Spanier anerkennen“, erklärt Löw als fairer Verlierer. © Getty
08.08.2009: Löw startet den Umbruch. 40 Tage nach dem verlorenen EM-Finale beendet Torhüter Jens Lehmann seine Länderspiel-Karriere. © Getty
11.10.2008: Deutschland siegt 2:1 im WM-Quali-Gipfel gegen Russland. Reservist Kevin Kuranyi flüchtet zur Halbzeit aus dem Stadion in Dortmund. Am Tag danach verbannt Löw den Schalker aus dem DFB-Team. © Getty
31.10.2008: Löw und Ballack schließen nach einem Streit Frieden. Der Kapitän hatte den Führungsstil des Bundestrainers kritisiert und sich für seinen Kumpel Frings stark gemacht. “Dafür habe ich mich bei Joachim Löw entschuldigt“, sagt Ballack. Der Kapitän darf bleiben. © Getty
10.10.2009: Trotz Platzverweis für Debütant Jérome Boateng gewinnt die DFB-Elf das “Endspiel“ in Moskau gegen Russland dank Klose 1:0. Das WM-Ticket ist gelöst, Löw lobt das “Sieger-Gen“ der Spieler. © Getty
10.11.2009: Der Selbstmord von Torhüter Robert Enke versetzt die Nationalelf in einen Schockzustand. Das geplante Länderspiel gegen Chile in Köln wird abgesagt. “Ich denke, wir hätten Robert nicht von seinem Vorhaben abbringen können“, sagt Löw nach Tagen der Trauer. © Getty
17.12.2009: Auf einer Israel-Reise verkündet DFB-Chef Zwanziger einen Handschlag-Vertrag mit Löw bis zur Europameisterschaft 2012 - selbst der Bundestrainer wird davon überrascht. © Getty
04.02.2010: Der Handschlag-Vertrag ist null und nichtig. Der DFB lehnt Löws und Bierhoffs Forderungen ab. Es kommt zum Zerwürfnis. © Getty
09.02.2010: Eiszeit beendet - in Frankfurt schließen Löw, Zwanziger & Co. WM-Frieden. “Was sind wir Hornochsen“, sagt Generalsekretär Wolfgang Niersbach nach dem schädlichen öffentlichen Streit. © Getty
06.05.2010: Löw beruft 27 Akteure in den vorläufigen WM-Kader und überrascht mit den beiden Länderspiel-Neulingen Badstuber und Aogo. Als dritter Torwart darf nach Adlers Verletzung Jörg Butt mit. © Getty
17.05.2010: Das Ballack-Aus für die WM. “Wir waren geschockt, keine Frage“, sagt Löw. Der Kapitän fällt wegen einer Fußverletzung aus. © Getty
28.05.2010: Löw ernennt Philipp Lahm zum WM-Kapitän und Manuel Neuer zur Nummer 1. Tim Wiese ist der Verlierer im Torhüter-Duell. © Getty
13.06.2010: 4:0 - ein WM-Traumstart gegen Australien. Es folgen ein 0:1 gegen Serbien und ein 1:0 gegen Ghana. Dann die Höhepunkte: Im Achtelfinale 4:1 gegen England, danach 4:0 gegen Argentinien. © Getty
07.07.2010: Löw ist “traurig und enttäuscht“. Wieder ein 0:1 gegen Spanien, im Halbfinale platzt der Traum vom 4. deutschen WM-Titel. © Getty
10.07.2010: Bronzenes Ende: 3:2 im Spiel um Platz 3 gegen Uruguay. © Getty
20.07.2010: Neun Tage nach dem WM-Abpfiff verlängern Löw, Manager Bierhoff, Co-Trainer Flick und Torwart-Coach Köpke ihre Verträge. © Getty
03.09.2010: Mit einem 1:0-Sieg in Belgien gelingt der Start in die Qualifikation für die EM 2012. Es folgen drei weitere Siege gegen Aserbaidschan (6:1), Türkei (3:0) und in Kasachstan (3:0). Damit liegt Deutschland als Tabellenführer klar auf EM-Kurs. © Getty
15.03.2011: Der DFB verlängert vorzeitig die Verträge mit Cheftrainer Löw, Manager Bierhoff, Co-Trainer Flick und Torwartcoach Köpke vorzeitig um zwei Jahre bis zur WM 2014 in Brasilien. © Getty
11.10.2011: Die deutsche Nationalmannschaft qualifiziert sich unter Bundestrainer Jogi Löw mit zehn Siegen in zehn Spielen für die EM 2012 in Polen und der Ukraine. So etwas hatte zuvor noch kein deutsches Team geschafft. © dpa

Die Suche nach einer adäquaten Herberge mit professionellen Trainingsmöglichkeiten scheint schon wie in Südafrika nicht ganz einfach, als es bis kurz vor Turnierbeginn trotz rechtzeitiger Buchung Probleme um Baugenehmigungen und den Trainingsplatz im Velmoré Hotel bei Pretoria gab. In Polen haben es drei Quartiere in die engere Auswahl geschafft. “Die ganze Infrastruktur muss stimmen, nicht nur für die Mannschaft, sondern auch für Medien und die DFB-Familie“, erläuterte Bierhoff.

Das Angebot in der Ukraine war zu begrenzt und erfüllte offenbar gerade diese Zusatzanforderungen nicht. Erst in der Vorwoche hatte die UEFA erneut schleppende Vorbereitungen in dem östlichen EM-Land einräumen müssen. “Polen entwickelt sich gut, in der Ukraine haben wir noch ein paar Probleme“, gestand UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino ein. Die EM-Stadien in Kiew - dem Endspielort am 1. Juli 2012 - und Lwiw werden nicht wie eigentlich vorgesehen und gefordert im Juni fertig sein, sondern erst im Oktober. “Ich zähle auf die Versprechungen der Regierung in der Ukraine“, sagte Infantino.

Auf Beteuerungen will sich der DFB aber nicht verlassen. Das EM-Unternehmen wird wieder bis ins kleinste Detail geplant. Einzige Unbekannte bleibt dabei ausgerechnet der Spielplan. Vor der fixen Qualifikation und lange vor der Gruppenauslosung am 2. Dezember in Kiew werden die EM-Betten gebucht. Gegner und Spielorte sind dabei zunächst sekundär.

Was die Bundestrainer seit 1964 verdient haben

Helmut Schön (r.), Bundestrainer zwischen 1964 und 1978, verdiente umgerechnet 80.000 Euro im Jahr. © Getty
Jupp Derwall, Bundestrainer zwischen 1978 und 1984, verdiente umgerechnet 100.000 Euro im Jahr. © Getty
Franz Beckenbauer, Teamchef zwischen 1984 und 1990, verdiente umgerechnet 200.000 Euro im Jahr. © Getty
Berti Vogts, Bundestrainer zwischen 1990 und 1998, verdiente umgerechnet 300.000 Euro im Jahr. © Getty
Erich Ribbeck, Bundestrainer zwischen 1998 und 2000, verdiente 1,2 Millionen Euro im Jahr. © Getty
Rudi Völler, Bundestrainer zwischen 2000 und 2004, verdiente 1,5 Millionen Euro im Jahr. © Getty
Jürgen Klinsmann, Teamchef zwischen 2004 und 2006, verdiente 2,5 Millionen Euro im Jahr (inklusive einer Million Euro garantierter Werbe-Einnahmen). © Getty
Jogi Löw, Bundestrainer seit 2006, verdient bisher 3 Millionen Euro im Jahr. © Getty

Dieses Vabanque-Spiel könnte dazu führen, dass Mesut Özil, Bastian Schweinsteiger und Co. in der Nähe des EM-Spielortes Danzig wohnen und alle drei Vorrundenpartien auch in Danzig bestreiten - oder aber von dort aus dreimal in die Ukraine ins rund 1300 Kilometer entfernte Charkow fliegen müssten - Reisezeit von rund zwei Stunden und insgesamt sechs Bettenwechsel inklusive. Schon bei der EM 2008 hatte der DFB-Tross im südlichsten Zipfel der Schweiz gewohnt und war vom Tessin nach Klagenfurt, Wien und Basel gereist.

Löws Nationalteam kann das eigene Reiseschicksal ein wenig mitbestimmen. Wird die DFB-Auswahl neben den beiden Gastgebern als weiterer Gruppenkopf gesetzt, stünden Danzig oder Charkow als fixe Spielorte fest, kommt man in den Lostopf zwei, sind Reisen in alle acht EM-Städte möglich. Derzeit ist Weltmeister Spanien in dem komplizierten Ranking aus Turnier- und Qualifikationsresultaten enteilt. Um den letzten freien Platz bei den vier Gesetzten liefern sich Deutschland und die Niederlande in den verbleibenden EM-Qualifikationsspielen ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

dpa

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