Nach dem 2:2 gegen Argentinien

DFB-Auswahl: Wenn Riesen zu Zwergen werden

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Knapp am nächsten Treffer vorbei: Julian Brandt (links) verpasst in der starken ersten Halbzeit den Ball und damit das Tor – stattdessen rutscht er gegen den Pfosten.

Das junge deutsche Not-Nationalteam zeigt die ganze Bandbreite von aufregendem Konterfußball bis zum Fast-Zusammenbruch.

Ein Bundestrainer ist immer auch ein bisschen Herbergsvater. Wer schon mal ein paar Nächte in einer Jugendherberge verbracht hat, weiß: Ein schlecht gelaunter Herbergsvater kann einem das Leben schwermachen. Offenbar hat es Joachim Löw geschafft, seine Missstimmung angesichts der vielen Ausfälle in den Tagen vor dem 2:2 (2:0) im Testspiel gegen Argentinien so in sich selbst hineinzukanalisieren, dass kaum einer aus seiner Not-Nationalmannschaft etwas davon mitbekommen hat.

Denn andernfalls hätten die von ihm gehüteten jungen Kerle nicht so fröhlich Fußball gespielt wie zumindest in der hervorragenden ersten Hälfte. Und, hey, irgendwie hat der Gute-Laune-Ball dann auch den Bundes-Jogi mitgerissen, wenngleich er am Ende mit zittrigen Beinen durch seine Trainerzone hastete und schwer interpretierbare Handzeichen aufs Spielfeld sendete. Die sollten wohl sagen: „Haltet die Kiste dicht, eine Niederlage brauchen wir jetzt nicht auch noch. Die hatten wir schon gegen Holland.“ Es hat dann ja mit einiger Mühe gereicht.

Gefühlte Sieger bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft

Am Ende gab es zwar ein Unentschieden, aber vor dem EM-Qualifikationsspiel am Sonntagabend in Tallinn gegen Estland (20.45 Uhr/RTL) mehr gefühlte Sieger: Die beiden Freiburger Luca Waldschmidt und Robin Koch, der Sohn von Lautern-Legende Harry Koch, durften sich nach ihren Debüts als kleine Sieger fühlen. Kai Havertz, Julian Brandt und der allerbeste Serge Gnabry waren etwas größere Sieger. Auch Lukas Klostermann aus Leipzig, der wie ein gut programmierter Roboter auf der rechten Seite unterwegs war, und Emre Can, bei Juventus Turin ins zweite Glied versetzt, der sich nie schonte, ehe er zum Ende hin schlappmachte.

Ein bisschen wie ein Verlierer schlich allenfalls der unglückliche Schalker Suat Serdar vom Feld. Der eingewechselte Mittelfeldspieler hatte vor dem Ausgleich einen entscheidenden Ball verloren. Der Seelenschmerz darüber war dem 22-Jährigen auch noch anzusehen, als er aus der Kabine zum Mannschaftsbus trottete. Aber er ist jetzt Nationalspieler, das kann ihm niemand mehr wegnehmen.

Serdar gehörte mit Koch und dem Wiedergänger Sebastian Rudy zu den in einem ohnehin dezimierten Kader nachnominierten Kräften, also praktisch zu Männern aus der dritten Reihe, für die weitere Einsätze auf absehbare Zeit unwahrscheinlich sind. Für Havertz sollten sie dagegen umso wahrscheinlicher sein. Der 20-Jährige und damit mit Abstand jüngste Spieler im Kader zeigte mehrfach sein herausragendes Können – und sagte hinterher stocknüchtern: „Mir ist nicht alles gelungen, ich kann schon sagen, dass ich es noch besser kann.“ Eine ebenso realistische wie selbstkritische Einordnung, die auch die letzte halbe Stunde nicht außer Acht ließ, als die Deutschen ziemlich einbrachen – und dabei der ganzen Bandbreite von aufregendem Konterfußball bis zum Fastzusammenbruch gewahr wurden. Havertz: „Die erste Halbzeit war schon sehr, sehr gut. Da haben viele Spieler gezeigt, dass sie bereit sind. Die letzten 30 Minuten müssen wir schlauer spielen. Da sind wir zu viel hinterhergelaufen.“

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Havertz’ Klasse besteht auch darin, dass er ebenso gut den Ballbesitzfußball wie das schnelle Einleiten von Kontern beherrscht. Und sich dabei auch tief in den gegnerischen Strafraum traut, wie er bei seinem perfekt von Gnabry vorbereiteten 2:0 bewies. Mit Brandt, seinem alten Kumpel aus gemeinsamen Leverkusener Tagen, spielte der elegante Havertz mitunter Katz und Maus mit den Argentiniern. Brandt hatte in der Vergangenheit schon mehrfach die persönlichen und fußballerischen Vorzüge von Havertz wortreich und pfiffig erklärt, Havertz stimmte zu: „Wir verstehen uns auf und neben dem Platz sehr, sehr gut. Ich glaube, das sieht man auch.“ Ja, das sieht man tatsächlich.

Außerdem sieht man, dass es sich bei Serge Gnabry um einen Spieler handelt, der auf allerhöchstem Niveau agieren kann. Es war eine pure Augenweide, wie sich der 24-Jährige bei seinem Führungstreffer nach Klostermanns Vorarbeit gleich um drei Abwehrspieler herumschlängelte, den Ball dabei geschickt über ein ausgestrecktes Bein hievte, um dann mit dem rechten Außenspann abzuschließen. Ein Tor, das in dieser Formvollendung in jedes DFB-Schulungsvideo gehört.

Neue Hoffnung für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft

Entsprechend hochachtungsvoll äußerte sich der diesmal als Kapitän nominierte Joshua Kimmich auf die Suggestivfrage, ob er Gnabry für einen Weltklassemann halte: „Absolut. Ich kenne den Serge länger als jeder andere hier. Für mich war er in unserem Jahrgang schon immer der beste Spieler. Um die Fähigkeiten von ihm noch woanders zu finden, müsst ihr Journalisten lange fahren.“

Kimmich selbst war im zentralen Mittelfeld anfangs durch eine unnötige Gelbe Karte wegen ungebührlich harten Einsteigens von hinten aufgefallen, später durch oftmaliges Nesteln an der zu weiten Spielführerbinde („Da muss ich wohl meinen Bizeps noch etwas aufpumpen“), dann durch gute Bein- und Ballarbeit, am Ende aber auch durch ein paar Ballverluste, auch hervorgerufen durch allzu risikoreiche Abschläge von Torwart Marc-André ter Stegen, der freilich kaum Anspielstationen fand. Der kluge Kimmich sieht unheilvolle Parallelen aus der jüngeren Vergangenheit: „Wir haben in der zweiten Halbzeit zu früh die Bälle verloren. Das ist uns nun leider schon ein paar Mal passiert in der Nationalmannschaft.“ Da hat er recht, da gibt es Arbeit für Spieler und Trainer.

Vor allem aber gibt es Hoffnung. Hoffnung darauf, dass das noch zerbrechliche Gebilde fortan mehr Stabilität bekommt und die unbestritten hohen technischen Fähigkeiten von Havertz, Gnabry, Kimmich und Brandt, dazu mit wiedergenesenen Profis wie Kroos, Gündogan und Sané, nicht nur eine Stunde lang zum Tragen kommen. „Man muss mit den jungen Spielern auch ein bisschen Nachsicht haben“, sagte Herbergsvater Löw hinterher milde und lobte „Mut und Herz“. Wenn dann noch ein bisschen mehr Verstand hinzukommt „und man uns etwas Zeit gibt“, dann, frohlockte Brandt, „kann daraus etwas Gigantisches entstehen“. Die zweite Hälfte hat aber auch gezeigt: Noch ist es ein kurzer Weg von Riesen zu Zwergen.

Von Jan Christian Müller

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