Bierhoff als DFB-Manager so stark wie nie

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Oliver Bierhoff

Mainz - Von Frühjahrsmüdigkeit keine Spur: Eine Woche nach seiner Vertragsverlängerung beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) bis 2014 strotzt Oliver Bierhoff voller Tatendrang.

Das sah im Sommer noch anders aus. Noch während der WM in Südafrika standen die Zeichen auf Abschied, die geplatzten Vertragsverhandlungen zu Beginn des vergangenen Jahres zwischen Bundestrainer Joachim Löw und ihm mit dem DFB hatten deutlich Spuren hinterlassen. Bierhoff schloss einen Wechsel vom Verband zu einem Klub nicht aus.

Davon ist neun Monate später keine Rede mehr. Erst verlängerten er und Löw sowie der engere Mitarbeiterkreis nach der WM ihre Kontrakte bis zur EURO 2012 in Polen und der Ukraine, in der vergangenen Woche wurden die Verträge sogar geräuschlos bis zur WM 2014 in Brasilien ausgeweitet.

„Das war nicht direkt eine Wende, es war nur so überraschend, dass es so schnell ging. Joachim Löw und ich wollten eigentlich von Turnier zu Turnier denken. Aber wir haben große Ziele und eine WM ist eben doch noch etwas anderes als eine EM“, sagte der 42-Jährige. Wichtig für seinen Entschluss sei gewesen, dass die Unstimmigkeiten mit dem Verband völlig ausgeräumt seien und wieder das gegenseitige Vertrauen herrsche, das bis Anfang 2010 Grundlage des Erfolges gewesen sei. Das loyale Verhältnis zu Löw sowie dessen Assistenten Hansi Flick und Andreas Köpke sei ein weiterer Grund für die Fortsetzung seiner Arbeit beim DFB.

Er selbst habe noch eine ganze Menge vor bei der Nationalmannschaft, für die er selbst 70-mal gespielt hat und die er seit 2004 als Manager in verantwortlicher Position mitprägt. „Ich will weiter dem Trainer den Rücken freihalten und vor allem auch dabei mithelfen, die Spieler weiterzuentwickeln. Und das nicht nur auf dem Platz, sondern auch in ihrer Persönlichkeit“, sagt Bierhoff und ergänzte mit einem Schmunzeln im Gesicht: „Da wird mir noch einiges einfallen.“

Davon konnten sich die Nationalspieler bereits vor ihrem EM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan überzeugen. Auf Einladung von Bierhoff berichtete Klaus-Peter Müller, der ehemalige Vorstandsvorsitzende und heutige Aufsichtsratsvorsitzende der Commerzbank AG, aus seiner 40-Jährigen Erfahrung im Finanzwesen und diskutierte anschließend mit den Profis.

Seinen Einfallsreichtum hat der Europameister von 1996 in der Vergangenheit schon oft unter Beweis gestellt. So organisierte er Treffen der Nationalspieler mit anderen Sportgrößen wie Michael Schumacher oder der lebenden Bergsteiger-Legende Reinhold Messner. Bierhoff führte die Players Lounges in den Mannschaftshotels ein, organisierte Sprachkurse für die Spieler oder auch mal einen Uhrmacherkurs.

Er selbst referiert auf Pressekonferenzen auch in Vertretung des Trainers als „Mitglied der sportlichen Leitung“ gerne über die sportlichen Ziele, trainiert auch selbst schon einmal mit. So viel Präsenz stieß in der Vergangenheit aber nicht nur auf Gegenliebe. In der Vergangeheit gab es wiederholt Gerüchte und Vorwürfe, dass Bierhoff seine Aktivitäten für die Nationalmannschaft mit privaten wirtschaftlichen Interessen verbinde. Zudem ist der Streit zwischen ihm und DFB-Kapitän Michael Ballack nach dem verlorenen EM-Finale 2008 in Wien noch in bester Erinnerung.

Doch all dies scheint Schnee von gestern. „Oliver Bierhoff ist der beste Manager, den man sich für die Nationalmannschaft vorstellen kann“, sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Der sichere Schoß des DFB ist Bierhoff bei den stürmischen Zeiten in der Liga derzeit offensichlich bedeutend lieber als ein Schleudersitz bei einem Klub. Die Entwicklung in der Bundesliga könne seiner Meinung „vielleicht auch Zufall“ sein. Deshalb hofft er, „dass schon in der nächsten Saison mehr Ruhe herrscht.“ Aber alle Protagonisten im Fußball müssten auch „eine gewisse Seriosität und Werthaltigkeit“ an den Tag legen, forderte Bierhoff.

Die Eckdaten der Bundestrainer-Ära Jogi Löw

30.07.2004: Zum 40. Geburtstag schenkt der DFB Bundestrainer Jürgen Klinsmann die Verpflichtung seines Favoriten Joachim Löw als Co-Trainer. Die “Schwaben-Connection“ ist perfekt. “Er ist für mich alles andere als ein Hütchenaufsteller“, sagt Klinsmann über Löw. © Getty
12.07.2006: Nach dem Rücktritt des “ausgebrannten“ Klinsmann wird Löw zum Chef der Nationalelf befördert. Der 46-Jährige bekommt einen Zweijahresvertrag und sagt: “Wir wollen Europameister 2008 werden.“ © Getty
16.08.2006: Löws Bundestrainer-Premiere wird in Gelsenkirchen zum rauschenden Fest - 3:0-Sieg beim Test gegen Schweden. © Getty
06.09.2006: Der höchste Sieg in der Amtszeit von Löw: 13:0 gegen Fußball-Zwerg San Marino vor nur 5019 Zuschauern in Serravalle. © Getty
28.03.2007: Erste, unbedeutende Niederlage im 9. Spiel: 0:1 gegen Dänemark beim Debütanten-Ball mit sechs DFB-Neulingen in Duisburg. © Getty
13.10.2007: Schon im viertletzten Qualifikationsspiel löst Löw mit einem 0:0 in Irland das Ticket für die EM 2008. © Getty
16.05.2008: Bei der Nominierung des EM-Kaders auf der Zugspitze sorgt Löw für Paukenschläge. Er bootet im Tor Timo Hildebrand aus, holt dafür René Adler und beruft 26 Akteure. Marko Marin, Jermaine Jones und Patrick Helmes schickt er nach der Vorbereitung nach Hause. © Getty
16.06.2008: Beim 1:0 im Vorrunden-Finale gegen Österreich wird Löw auf die Tribüne verwiesen. Ballacks Freistoß-Tor bejubelt er dort. © Getty
29.06.2008: Geplatzter Titeltraum. Spanien gewinnt durch ein Tor von Torres das EM-Finale in Wien mit 1:0. “Man muss die Qualität der Spanier anerkennen“, erklärt Löw als fairer Verlierer. © Getty
08.08.2009: Löw startet den Umbruch. 40 Tage nach dem verlorenen EM-Finale beendet Torhüter Jens Lehmann seine Länderspiel-Karriere. © Getty
11.10.2008: Deutschland siegt 2:1 im WM-Quali-Gipfel gegen Russland. Reservist Kevin Kuranyi flüchtet zur Halbzeit aus dem Stadion in Dortmund. Am Tag danach verbannt Löw den Schalker aus dem DFB-Team. © Getty
31.10.2008: Löw und Ballack schließen nach einem Streit Frieden. Der Kapitän hatte den Führungsstil des Bundestrainers kritisiert und sich für seinen Kumpel Frings stark gemacht. “Dafür habe ich mich bei Joachim Löw entschuldigt“, sagt Ballack. Der Kapitän darf bleiben. © Getty
10.10.2009: Trotz Platzverweis für Debütant Jérome Boateng gewinnt die DFB-Elf das “Endspiel“ in Moskau gegen Russland dank Klose 1:0. Das WM-Ticket ist gelöst, Löw lobt das “Sieger-Gen“ der Spieler. © Getty
10.11.2009: Der Selbstmord von Torhüter Robert Enke versetzt die Nationalelf in einen Schockzustand. Das geplante Länderspiel gegen Chile in Köln wird abgesagt. “Ich denke, wir hätten Robert nicht von seinem Vorhaben abbringen können“, sagt Löw nach Tagen der Trauer. © Getty
17.12.2009: Auf einer Israel-Reise verkündet DFB-Chef Zwanziger einen Handschlag-Vertrag mit Löw bis zur Europameisterschaft 2012 - selbst der Bundestrainer wird davon überrascht. © Getty
04.02.2010: Der Handschlag-Vertrag ist null und nichtig. Der DFB lehnt Löws und Bierhoffs Forderungen ab. Es kommt zum Zerwürfnis. © Getty
09.02.2010: Eiszeit beendet - in Frankfurt schließen Löw, Zwanziger & Co. WM-Frieden. “Was sind wir Hornochsen“, sagt Generalsekretär Wolfgang Niersbach nach dem schädlichen öffentlichen Streit. © Getty
06.05.2010: Löw beruft 27 Akteure in den vorläufigen WM-Kader und überrascht mit den beiden Länderspiel-Neulingen Badstuber und Aogo. Als dritter Torwart darf nach Adlers Verletzung Jörg Butt mit. © Getty
17.05.2010: Das Ballack-Aus für die WM. “Wir waren geschockt, keine Frage“, sagt Löw. Der Kapitän fällt wegen einer Fußverletzung aus. © Getty
28.05.2010: Löw ernennt Philipp Lahm zum WM-Kapitän und Manuel Neuer zur Nummer 1. Tim Wiese ist der Verlierer im Torhüter-Duell. © Getty
13.06.2010: 4:0 - ein WM-Traumstart gegen Australien. Es folgen ein 0:1 gegen Serbien und ein 1:0 gegen Ghana. Dann die Höhepunkte: Im Achtelfinale 4:1 gegen England, danach 4:0 gegen Argentinien. © Getty
07.07.2010: Löw ist “traurig und enttäuscht“. Wieder ein 0:1 gegen Spanien, im Halbfinale platzt der Traum vom 4. deutschen WM-Titel. © Getty
10.07.2010: Bronzenes Ende: 3:2 im Spiel um Platz 3 gegen Uruguay. © Getty
20.07.2010: Neun Tage nach dem WM-Abpfiff verlängern Löw, Manager Bierhoff, Co-Trainer Flick und Torwart-Coach Köpke ihre Verträge. © Getty
03.09.2010: Mit einem 1:0-Sieg in Belgien gelingt der Start in die Qualifikation für die EM 2012. Es folgen drei weitere Siege gegen Aserbaidschan (6:1), Türkei (3:0) und in Kasachstan (3:0). Damit liegt Deutschland als Tabellenführer klar auf EM-Kurs. © Getty
15.03.2011: Der DFB verlängert vorzeitig die Verträge mit Cheftrainer Löw, Manager Bierhoff, Co-Trainer Flick und Torwartcoach Köpke vorzeitig um zwei Jahre bis zur WM 2014 in Brasilien. © Getty
11.10.2011: Die deutsche Nationalmannschaft qualifiziert sich unter Bundestrainer Jogi Löw mit zehn Siegen in zehn Spielen für die EM 2012 in Polen und der Ukraine. So etwas hatte zuvor noch kein deutsches Team geschafft. © dpa

Und auch an die Spieler, vor allem an die vielen aufstrebenden Talente, hat Bierhoff hohe Anforderungen. Von dem Nachwuchs hat er aber generell eine hohe Meinung: „Die vielen jungen Spieler, die wir bei der Nationalmannschaft haben, hinterfragen sehr viel und wollen verstehen, warum Dinge so oder so gemacht werden. Sie setzen sich außerdem mit dem auseinander, was später mal sein könnte oder wird. Es fällt auf, dass sie sich Gedanken machen. Es geht nicht nur ums Geld.“

Dass die neue, sogenannte Facebook-Generation nicht nur die eigenen Interessen, sondern die Erfolge der Gruppe im Auge hat, imponiert dem früheren Italien-Legionär. Dafür müsse man innerhalb des Teams auch einiges tun. „Früher gab es keine Handys oder iPods und im Trainingslager teilweise nur einen Fernseher. Du warst quasi gezwungen, dich an einen Tisch zu setzen und zu reden. Die Bindung und die zwischenmenschlichen Beziehungen waren viel stärker. Deshalb versuchen wir bei Turnieren immer, etwas für die Gemeinschaft der Nationalspieler zu organisieren, in dem wir Begegnungen und den Austausch fördern“, sagte Bierhoff.

sid

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