Auseinandersetzungen vor knapp einem Jahr

Ultra-Boss erklärt Hopp-Schmähungen der Bayern-Fans: Darum war es „ein Akt einer großartigen Solidarität“

Bayern-Fans halten Plakate mit Schmähungen gegen Dietmar Hopp in die Höhe.
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Schwere Geschütze gegen 1899-Boss Dietmar Hopp: Mit solchen Plakaten demonstrierte die Bayern-Fans gegen Kollektivstrafen im deutschen Fußball.

Bevor Corona zum Schreckgespenst einer ganzen Gesellschaft wurde, brodelte es im deutschen Fußball zwischen Funktionsträgern und den Fans. Ein Ultra-Boss erklärt die Hintergründe und wagt einen Blick nach vorne.

München - Knapp ein Jahr ist es her, dass die Ultras des FC Bayern beim Gastspiel mit ihren Schmähungen gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp einen Skandal lostraten. Durch die Corona-Krise - und Fußball ohne Fans - ist der Konflikt in den Hintergrund getreten, ausgeräumt aber ist er nicht. Im Interview blickt Sig Zelt, der mit „Pro Fans“ ein Interessenbündnis von 48 Fan- und Ultra-Gruppen in Deutschland leitet, zurück - und voraus.

Kennt die Hintergründe der Schmähplakate gegen Dietmar Hopp: Sig Zelt leitet in Deutschland das Ultra-Bündnis „Pro Fans“.
Herr Zelt, für Außenstehende wirkt der Konflikt Ultras/Hopp inzwischen wie aus einer anderen Zeit. Für Sie auch?
Zelt: Ja und nein. Wenn der Spielbetrieb mit Publikum wieder aufgenommen würde, die aktiven Szenen wieder dabei wären, würde er nicht so wieder aufflammen wie zu dem Punkt, als er damals - vor Corona - unterbrochen wurde.
Aber?
Zelt: Man darf nicht vergessen, dass das eine Kampagne war. Der Auftritt der Münchner Ultras in Sinsheim war der Beginn - und mit dem Abstand eines Jahres betrachtet, stehe ich immer noch zu den Worten: Dieser Auftritt war ein Akt einer großartigen Solidarität. Ich muss diesen Satz allerdings erklären.
Bitteschön!
Zelt: Es ging niemals um Herrn Hopp, schon gar nicht um seine Person, wenn überhaupt um seine Handlungen im deutschen Fußball. Aber auch das war nicht das Wesentliche. Es ging um die Thematik Kollektivstrafen. Ein Unding, dass wir darüber noch reden, wenn Sie mich fragen: Wir sind im 21. Jahrhundert in Mitteleuropa! Die Inkonsequenz des DFB - manifestiert in der kollektiven Bestrafung Dortmunder Fans - hat in der Szene großen Widerspruch hervorgerufen. Und sie hat sich gesagt: Jetzt machen wir alle das, wofür die BVB-Anhänger bestraft worden sind.
Im Gedächtnis sind die Bilder von Hopp im Fadenkreuz, dazu er selbst als gebrochen wirkender Mann an der Seitenlinie.
Zelt: Und da müssen wir uns auch gar nicht streiten: Das waren Geschmacklosigkeiten, die man nicht verteidigen kann. Fußballfans drücken sich auch nicht immer fein aus, diese Aktion kam sehr drastisch rüber. Ich kann aber versichern: Es lag wirklich keinerlei Bedrohungssituation vor. Die Persönlichkeit steht unter dem Schutz ihrer Würde - das gilt auch für einen Milliardär, der sich vielleicht nicht so verhält, wie Ultras sich das wünschen.
Das kam in der Öffentlichkeit anders an.
Zelt: Auch das ist verständlich. Diese Aktionen hat sich keine PR-Agentur ausgedacht, sie waren vollkommen authentisch. Aber im Nachhinein war es vielleicht nicht ganz geschickt, dass man den Konflikt der breiten Öffentlichkeit kaum erklärt hat.
Weil er für den Laien vielleicht auch schwer verständlich ist?
Zelt: Nehmen wir mal ein Bild aus dem Alltag: Stellen Sie sich vor, die Münchner Verkehrsbetriebe stellen wiederholt fest, dass am Odeonsplatz überdurchschnittlich viele Schwarzfahrer einsteigen. Sie geben dann eine Warnung raus und sagen: „Wenn wir das noch mal feststellen, sperren wir diese Station für drei Wochen.“ Und dann wird das auch durchgezogen. Dann ist das eine Bestrafung für alle vernünftigen und zahlenden Fahrgäste, die gerne am Odeonsplatz ein- und aussteigen würden. Sie würden zu Recht zornig sein - und womöglich eine Initiative gründen. Ihre Antwort: Alle fahren drei Wochen lang generell schwarz. Ich glaube, dafür hätte die breite Masse Verständnis.
Sie sagen, Hopp habe den Konflikt nicht verstanden.
Zelt: Der Satz von mir ist ein paar Monate alt, aber ich finde, Hopps Auftritt vor einigen Monaten im Aktuellen Sportstudio hat die Situation nicht deeskaliert. Ob er es immer noch nicht verstanden hat, kann ich nicht sagen. Gott sei Dank diskutieren wir ja nicht mehr jeden Tag darüber - wobei die Themen Kollektivstrafe und Kommerzialisierung nach wie vor aktuell sind.
Wie ist der Austausch zwischen Ultras, Vereinen und DFB denn aktuell?
Zelt: Direkt zwischen Ultras und DFB ist er nachhaltig gestört, dennoch gibt es einen Dialog - wobei man aktuell schon andere Sorgen hat. Kollektivstrafen standen schon länger nicht mehr auf der Agenda. Wir gehen aber davon aus, dass das Tor wieder geöffnet ist - und es künftig auch weiter Kollektivstrafen geben wird.
Es gibt zahlreiche andere Kritikpunkte aus der Fanszene. Einige werden auch in der „Task Force Profifußball“ thematisiert. Haben Sie Hoffnung, dass sich der Fußball durch die Krise ändern wird?
Zelt: Für dieses Gremium gab es Zuarbeiten von der Initiative „Zukunft Profifußball“, ein ausführliches viergeteiltes Papier, hinter das wir uns als „Pro Fans“ auch stellen. Wir sind alle gespannt, was dabei herauskommt. Aber die Signale, die ich so höre, sind nicht sehr ermutigend.
Was ist aus der Demut geworden, die man aus der Branche zu Beginn der Krise vernommen hat?
Zelt: Wir waren da ehrlich gesagt von Anfang an sehr skeptisch, haben es daher auch nicht forciert, einen Vertreter in die Task Force zu entsenden. Wenn es Veränderungen geben soll, müssen die entscheidungsrelevanten Leute das auch wirklich wollen. Und diesen Eindruck habe ich nicht. Da kann man Gesprächsrunden bis zum Abwinken führen, Task Forces ohne Entscheidungsbefugnis gründen. Am Ende wird man sagen: Wir haben Standpunkte ausgetauscht. Mehr aber auch nicht. Leider.
Werden Fans sich durch die Corona-Krise und Geisterspiele abwenden?
Zelt: Wir fragen uns schon, ob wir - wenn es wieder weitergeht - alle wiedersehen, die wir kennen. Oder ob es viele gibt, die in der Zwischenzeit erkannt haben, dass es auch andere schöne Dinge im Leben gibt. Schon vor Corona gab es viele, denen der Fußball nicht mehr gefällt, so, wie er sich entwickelt hat. Die können die Krise natürlich jetzt als Anlass nehmen, wegzubleiben.
Mit welcher Konsequenz?
Zelt: Es ist zu befürchten, dass diejenigen wegbleiben, von denen wir uns wünschen, dass sie noch da wären. Ganz allgemein gesagt: Wenn die Bedingungen schlechter werden, bleiben nicht immer die übrig, von denen man sich wünscht, dass sie dabei sind.
Ist das die Folge der Kommerzialisierung?
Zelt: Kohle schießt Tore - das ist kein gutes Prinzip. Wir eröffnen damit Menschen, die meist fußballfern sind, die Möglichkeit, den sportlichen Ausgang zu bestimmen. Das ist zum einen nicht fair und zum anderen nicht reizvoll. Fußball lebt vor allem von Emotionen, vom sozialen Geflecht, das die Fans um den Fußball stricken - unentgeltlich, wohlbemerkt. Sie möchten dafür aber etwas zurückbekommen.
Was genau?
Zelt: Die Möglichkeit, die Spiele zu sehen, zu vernünftigen Preisen und an Terminen, an den man als Fan auch teilnehmen kann. Und sie möchten eine demokratische Beteiligung haben. Dass das in Hoffenheim oder Leipzig nicht gegeben ist, ist Anlass großer Kritik. Gepaart mit dem Thema Kommerzialisierung wird das die Attraktivität des Fußballs nachhaltig beschädigen.
Karl-Heinz Rummenigge hat große Angst um die Fußballkultur.
Zelt: Zu Recht! Ich habe da ein Symbolbild im Kopf: Den chinesischen TV-Zuschauer. Warum ist der deutsche Fußballer für ihn attraktiv? Da geht es ja nicht nur um die Sportart, sondern um das Narrativ. Das sind die Sportler - und die Fans. Die soziale Gemeinschaft, alle zusammen, auch die Ultras. Das ist etwas Einmaliges, diese Identifikation macht den Reiz aus. Wenn die wegfällt, glaube ich, dass auch die TV-Einnahmen einbrechen werden. Und wenn die wirtschaftlichen Auswirkungen zu spüren sind, muss sich etwas ändern.
Wann ist der „Kipppunkt“ bei den Fans erreicht?
Zelt: Das ist reine Spekulation. Es gab ja auch schon vor Corona ganze Gruppen, die sich abgewendet haben, und Einzelne, die sich zurückgenommen haben: solche, die Familie oder sensible Berufe haben zum Beispiel. Da sind wir wieder bei dem Punkt: Es bleiben nicht immer die da, die man gerne haben möchte. Wir müssen jetzt sehen, wie sich die Fanszenen durch die Krise verändert haben. Und: Wenn jetzt noch zwei Vereine wie RB Leipzig in die Bundesliga kommen, ist der Kipppunkt schneller da.
Auch Geisterspiele sind bei Ultras auf Kritik gestoßen.
Zelt: Zu Anfang der Krise haben wir alle nicht gedacht, dass sie so lange dauern wird. Wir sind schon alle froh, dass die meisten Vereine durch die Krise gekommen sind, und hätten sie nicht spielen können, wäre es verheerend gewesen. Trotzdem sind Geisterspiele nicht unser Ding.
Haben Sie wirklich kein Geisterspiel gesehen?
Zelt: (lacht) Ich hätte es vorab nie gedacht, aber ich muss schon zugeben: Ich habe jedes Spiel von Union Berlin gesehen.

Interview: Hanna Raif

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