tz-Serie: Klein-Uli wuchs am Eselsberg auf

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Hier, Am Eselsberg 1, war früher die Metzgerei Hoeneß beheimatet.

München - Anlässlich des 60. Geburtstages von Uli Hoeneß blickt die tz auf das Leben des Bayern-Präsidenten zurück. Heute erfahren Sie, wie Klein-Uli in Ulm als Metzgersohn aufwuchs.

Am Eselsberg, so heißt die kleine Straße in Ulms Nordwesten, war Gustav Malejko schon lange nicht mehr. Ganze Ewigkeiten nicht, aber warum sollte er auch herkommen – es sieht inzwischen recht trostlos aus, dieses Haus mit der Nummer 1. Im Eckladen ein Getränkemarkt, „Joe’s Getränkelädle“, der Joe ist aber selten da, meist nur nachmittags. Als es noch eine Metzgerei war, hießen die Inhaber Erwin und Paula und die waren immer da, von früh bis spät, und Gustav Malejko war auch immer da, jeden Tag nach der Schule, zum Mittagessen. Auf ein Paar Würstl oder eine Leberkässemmel. Bei seinem besten Freund, seinem Sturmpartner in der Fußballmannschaft. Beim Uli, dem Sohn der Metzgersleute Hoeneß.

Gustav Malejko, Sturmpartner von Uli Hoeneß bei der TSV Ulm 1846.

Zusammen kickten sie in der TSG Ulm 1846, Uli ging auf das Schubart-Gymnasium, Gustav aufs Humboldt, und Malejko denkt gerne an die Zeit, an die herzliche Bewirtung von Metzger-Mama Paula und an die Art, wie der Uli damals schon war. „Zielorientiert, willensstark, fleißig, voller Energie und sehr von sich überzeugt. Er hob sich von allen anderen extrem ab.“ Er wollte Profi werden, es ging dabei auch um sozialen Aufstieg, raus aus der Arbeitersiedlung, weg vom Eselsberg. Einmal, da hätten sie in Crailsheim ein kleines Turnier gehabt, und wie es bei Turnieren mit Fußballern in jungen Jahren so üblich ist, stand neben dem Platz gleich ein großes Bierzelt, in dem der Tag dann in einem Massenbesäufnis endete. Nur Hoeneß und Malejko standen davor, und Uli sagte: „Schau, Gustav, die trinken ihre Maß Bier, wir nicht, wir spielen einmal bei Bayern.“ Zumindest hatte er da zur Hälfte Recht.

Das Talent von Hoeneß hatte schon bald die ganze Republik erkannt, ganz West-Deutschland. 1967, Berlin, Olympiastadion, bei einem Schüler-Länderspiel debütierte er gegen England, schoss zwei Tore, England erlebte ein 0:6-Debakel, wilde Teenager rächten sich für die Schmach von Wembley, und die Berliner Zeitung schrieb über Hoeneß danach von einem „Haller im Taschenformat“.

Auch in der Metzgerei am Ulmer Eselsberg war das ein ­Thema und natürlich waren sie auch etwas stolz, die Eltern – auch als Uli aus einem Zeltlager der Jugendgruppe in Memmingen einmal ausriss und mit dem Fahrrad 60 Kilometer nach Ulm strampelte, um das Spiel um die Bezirksmeisterschaft nicht zu verpassen. In der Halbzeit kam er an, 0:4 lag seine Mannschaft hinten, dann schoss er vier Tore, sie gewannen noch 6:4. Dafür gab es von Mama Paula zur Belohnung einen Erdbeerkuchen. Seinen Lieblingskuchen.

Sich aber aktiv um die Fußballer-Karriere zu kümmern, dafür hatten die Eltern gar keine Zeit, da gab es wesentlich Wichtigeres. „Fleisch und Wurst waren das täglich Brot“, sagt Malejko und Uli Hoeneß selbst erzählte einmal die Geschichte, dass sie nach Geschäftsschluss noch auf Knien hinter dem Tresen herumkrochen, wenn bei der abendlichen Abrechnung ein Zehnerl fehlte, und dann das Geld suchten. Erwin, Paula, Uli. Und Dieter. Der spielte ja auch. Aber nicht so begnadet.

„Dem Dieter fehlte das Talent vom Uli“, sagt Malejko. „Er wollte dem Uli eigentlich nur nacheifern.“ Der Dieter war anfangs in der Jugend Torwart, da stand er, bis er 15 war, dann brauchten sie vorne einen Brecher, sie stellten den Dieter in den Sturm, und dann stand er da. Bis zum Ende der Laufbahn. Dieter kam auch erst einmal nur zum VfR Aalen. Uli ging gleich zu den Bayern.

1970 holte ihn Udo Lattek nach München, dafür bekam Hoeneß einen BMW 2002ti, mit dem fuhr Uli Hoeneß noch vor seinem Bundesliga-Debüt in den Süden. Über den Brenner, an die Adria, mit Spezl Gustav: Pärchen-Urlaub zu viert. Uli mit Susi, seiner Freundin, seiner späteren Frau, Gustav mit seiner Ottilie. Diszipliniert sei Hoeneß gewesen, asketisch, ein Selbstkontrollfanatiker, sagt Malejko. „Der Uli hat sehr aufgepasst“, sagt Malejko, „er wollte sich zum Beispiel auf gar keinen Fall zu lange in die Sonne legen.“ Im Urlaubs-Teint bei den Bayern anzutreten, das würde nicht gut ankommen, meinte er. „Auch beim Essen hat Uli enorm aufgepasst“, sagt der alte Freund, „der hatte einen strengen Ernährungsplan.“ Wenn abends die vier Urlauber auf eine Pizza gingen, dann bestellten nur drei von ihnen einen Nachtisch, Hoeneß verzichtete, weil es der Figur schaden könnte und der Form. Und darum sah Hoeneß damals auch durchtrainiert und schlank aus. So sieht er heute nicht mehr aus.

Auch ohne weitere Urlaube blieben sie Freunde, beide wurden erfolgreiche Manager, beide leiten ihre Firma, seit sie 27 sind. Hoeneß den FC Bayern, Malejko eine Firma für Pflasterbau und Natursteinhandel im Südosten Ulms, und dass er auf Granit beißt, hat er bei seinem alten Kumpel nie erlebt. Malejko war im Aufsichtsrat des SSV Ulm, und als der ehemalige Einjahres-Bundesligist mal wieder klamm bei Kasse war, kam Uli auf Gustavs Bitten zu einem Gastvortrag vorbei und gab Tipps für die Suche nach neuen Sponsoren. Sonst kam Hoeneß kaum noch in die Heimat, seit dem Tod der Eltern 1998. Der Papa starb damals im August, die Mama im Oktober.

Malejko – er hatte seinen Sechzigsten vor ein paar Monaten schon – sagt, ganz die alte Straßenkicker-Philosophie, dass er das Leben mit der Dauer eines Fußballspiels vergleicht. „Jetzt hat er zwei Drittel hinter sich“, sagt Malejko, „jetzt geht es darum, das Spiel zu verwalten und die 90 Minuten noch gut zu überstehen.“ Aber dass Hoeneß Ruhe gibt und aus der Abteilung Attacke ein belangloses Mittelfeldgeplänkel wird, glaubt er selbst nicht. „Es ist auch schwer vorzustellen, was eher geht“, sagt Malejko. „Die Bayern ohne Hoeneß oder Hoeneß ohne die Bayern. Beides ist wohl undenkbar.“

Sehen wollten sie sich jetzt wieder, Hoeneß hatte vor, mit den neuen Bundesliga-Basketballern der Bayern zu kommen, zum Gastspiel in Ulm. Aber das Spiel ist am 4. Januar, ob Hoeneß kommt, ist unklar. Und wenn nicht, dann bleiben ihnen zumindest unvergessene Erinnerungen an die schönen Zeiten früher, an die Dinge, auf die es wirklich ankam im Leben. Wie die Leberkässemmeln am Eselsberg.

Florian Kinast

Quelle: tz

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