Klinsi: Die Geschichte des Scheiterns

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Jüürgen Klinsmann (l.) gemeinsam mit Moderator Günther Jauch bei stern.tv

München - Am Ende gab es doch noch böses Blut. Lange versuchte Uli Hoeneß sich zurückzuhalten, doch nach Jürgen Klinsmanns Auftritt bei stern.tv riss auch bei ihm der Geduldsfaden.

Kein Wunder: Selbst nach seinem grandiosen Scheitern kann sich Klinsmann auch jetzt noch keine Fehler eingestehen, schiebt die Schuld auf andere. Dabei beging er Fehler und offenbarte Ansichten, die nicht nur für die Verantwortlichen, sondern auch für die Spieler kaum begreiflich waren. Da war der Trainingsstart in München. In einer seiner ersten Ansprachen an das Team erklärte er seine Grundsätze.

Einer davon: Ein Spieler, der nicht spätestens am Donnerstagstraining teilnimmt, darf auch am Samstag nicht spielen. Eigentlich ein sinnvoller Gedanke – wenn die Leitregel nicht nach wenigen Wochen bereits gebrochen worden wäre. Klinsmann stellte Profis nach Länderspielreisen auf, obwohl sie erst am Freitag zurückgekehrt waren. Und schon da machte sich Missstimmung im Team breit, hatte Klinsmann an Glaubwürdigkeit verloren.

Überhaupt: die Trainingsarbeit. Dass die Spieler vergeblich auf taktische Anweisungen warteten, ist kein Geheimnis mehr. Klinsmanns Trainingsarbeit wurde schnell kritisch beäugt. Aber eigene Impulse kamen nicht. Ein beliebter Flachs in der Mannschaft: „Der ist nur dafür da, um die Anweisungen der Co-Trainer vom Englischen ins Deutsche zu übersetzen…“

Als die Saison wenige Wochen alt war trug Kapitän Mark van Bommel dem Vorstand erstmals seine Bedenken in Bezug auf Klinsmann vor. Klar, es gab viel Eifer, Akribie, Videos – allein der Sinn erschloss sich den Spielern nicht. Doch es waren nicht nur taktische Mängel, die Klinsmanns Ansehen bei den Stars immer mehr sinken ließen. Es waren die Defizite im persönlichen Umgang, die Unwahrheiten, welche die Vertrauensbasis völlig zerstörten. Versprechungen wurden nicht eingehalten, Spieler kurzfristig und ohne Vorwarnung wenige Minuten vor der Mannschaftssitzung aus der ersten Elf gestrichen (Rensing, van Buyten). Das Leistungsprinzip wurde außer Kraft gesetzt, Klinsmann traute sich nicht, formschwache Stars auf die Bank zu setzen.

Dafür musste der Kapitän van Bommel in den ersten Wochen ins „Duell“ mit Andreas Ottl – und fand sich immer wieder auf der Bank. Ein Mitspieler dazu: „Einen Spieler zum Kapitän zu machen und ihn daraufhin auf die Bank zu setzen – so etwas habe ich in meiner ganzen Karriere noch nicht erlebt.“ Nein, die Spieler verstanden Klinsmann nicht. Warum er auch nach Niederlagen noch lächelte – und sich nicht traute, gestandenen Spielern seine Meinung ins Gesicht zu sagen. Zweifel an Klinsmanns Fußballkenntnissen kamen auf – spätestens zur Winterpause, als der Trainer auf eine Verpflichtung seines Wunschspielers Landon Donovan pochte.

Nach seiner ersten Trainingswoche hieß es aus Spielerkreisen, dass der Amerikaner „nicht einmal gut genug für die Amateure ist“. Klinsmann wollte ihn Wochen später trotzdem für acht (!) Millionen Euro verpflichten. Mit dieser Forderung verlor er das letzte Fünkchen Akzeptanz im Team. Die Mannschaft verselbstständige sich, übernahm teilweise das Kommando – und machte sich sogar über den eigenen Übungsleiter lustig, beispielsweise als der Nichtraucher beim Champions-League-Bankett neben dem Zigarre qualmenden Vorstands-Boss Rummenigge sitzen musste.

Der letzte Teil der Demontage folgte am 17. April 2009. Der Freitagabend vor dem Spiel in Bielefeld. Während sich Klinsmann, Vasquez & Co. im Hotelzimmer Spiel-Videos ansahen, traf sich im Nebenzimmer (!) das komplette Team – und entschied mit Wortführer van Bommel eigenmächtig über Taktik und Herangehensweise für das Spiel am folgenden Tag. Klinsmann verlor völlig die Kontrolle, nur noch Uli Hoeneß fand in dieser Zeit Gehör bei der Mannschaft. Zehn Tage später war Klinsmann nicht mehr Trainer des FC Bayern.

ta

Quelle: tz

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