tz-Interview mit Martin Haar, Co-Trainer von Louis van Gaal bei AZ Alkmaar

„Ribéry zu den Amateuren? Das kann passieren“

Franck Ribéry
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Franck Ribéry muss sich möglicherweise warm anziehen - van Gaal gilt als Disziplinfanariker.

München - Er war vier Jahre lang Louis van Gaals engster Mitarbeiter, kennt den neuen Bayern-Coach wie kein Zweiter: Martin Haar, van Gaals Co-Trainer bei AZ Alkmaar.

Der tz sagte er, was die Bayern-Profis nun erwartet.

Herr Haar, wie traurig sind Sie, dass sie Ihren Chef verlieren?

Haar: Das ist in der Tat traurig. Auch mir persönlich tut es weh, weil Louis ein sehr guter Mensch ist.

Haar: Ich habe ihn als sehr warmherzig, emotional und absolut ehrlich kennengelernt.

Auf Außenstehende wirkt er manchmal ruppig…

Haar: Was andere sagen, interessiert mich nicht. Ich kenne ihn, ich habe vier Jahre mit ihm gearbeitet und das war vier Jahre lang super – in jeder Hinsicht.

Worauf kann sich Bayern freuen?

Haar: Dass sie einen der besten Trainer in Europa verpflichtet haben. Einen Mann mit Visionen, einen absoluten Fachmann.

Was lässt er für einen Fußball spielen?

Haar: Van Gaal denkt immer offensiv. Er sieht den Fußball auch als Unterhaltung für die Fans, aber immer mit dem Erfolg im Vordergrund. Seit er nach Alkmaar gekommen ist haben wir bis auf ein Jahr immer um den Titel gespielt, waren einmal im Pokalfinale. Und jetzt sind wir Meister. Es geht also: Schönen Offensiv-Fußball spielen und gleichzeitig erfolgreich sein. Und van Gaal ist derjenige, der das verbinden kann.

Wie macht er das? Ist es richtig, dass jede Trainingseinheit ein bestimmtes Lernziel hat?

Haar: Ja. Für ihn ist vor allem wichtig, dass die Spieler immer 100 Prozent geben. Und zwar jeden Tag, in jeder Minute. Man darf nicht eine Sekunde unkonzentriert sein. Das merkt er sofort. Aber beim FC Bayern, das sind ja alles Profis.

Wie muss man sich sein Training konkret vorstellen?

Haar: Jeden Morgen um neun Uhr kommt sein Trainerstab zusammen. Dann sagt er, was er im Training plant. Zum Beispiel: Martin, du hast eine Gruppe, die spielt heute acht gegen acht, mit dem Fokus auf der Verteidigung, auf dem Verschieben. Oder eine Gruppe spielt sieben gegen sechs, damit üben wir das Verhalten bei Ballbesitz, das Ballverschieben in höchstem Tempo. Das ist alles sehr planvoll und durchdacht.

Van Gaal gilt als Disziplinfanatiker…

Haar: Ja, aber das ist doch normal. Um neun Uhr am Tisch ist eben um neun Uhr am Tisch. Und nicht um eine Minute nach, sondern besser um zehn Minuten vor. Aber das sollte normal sein.

Er soll in dieser Hinsicht etwas strenger sein…

Haar: Vielleicht. Er hat bei uns zum Beispiel eine spezielle Uhrenanlage einbauen lassen, die über Satelliten gesteuert wird. Damit überall die gleiche Zeit angezeigt wurde, im Trainerbüro, wie in jedem anderen Raum. So gab es keine Ausreden.

Hat er eine Marotte?

Haar: Nein, aber etwas finde ich besonders: Dass ein Trainer, der so viele Titel geholt hat, so viel Erfolg hatte, immer noch so hungrig, so ehrgeizig ist. Das ist seine große Qualität.

Also will er mit Bayern die Champions-League gewinnen?

Haar: Tausendprozentig sicher! Er kommt nach Bayern um große Titel zu holen, sonst hätte er auch hier bleiben können, am Meer und in der Sonne liegen können.

Warum ist er überhaupt zu Alkmaar gekommen?

Haar: Viele haben gesagt: In Gottes Namen, was will er denn bei Alkmaar? Er hat gesagt: Ich bin überzeugt, dass wir mittelfristig Meister werden. Und das hat er geschafft. Nach 28 Jahren! Mit einem Budget von gerade mal 30 Millionen. Ajax hat 70 Millionen.

Wie hoch ist sein Anteil am Titel?

Haar: 99,9 Prozent! Jawohl! Er ist ja für alles verantwortlich: Für die Aufstellung, die Taktik, den Kader, die Physios…

Als er 1995 die Champions League gewann, hat er den Pokal zu den Waschfrauen gebracht…

Haar: Das ist typisch für ihn. Er hat auch in diesem Jahr zu allen Mitarbeitern gesagt: „Das ist auch Eure Meisterschaft!“ Er kennt hier jeden beim Vornamen. Er schickt allen Mitarbeitern und sogar den Spielerfrauen Blumen oder ein Geschenk zum Geburtstag. Das ist, was ich meine, wenn ich sage, er ist ein sehr warmherziger Mensch.

Bei Bayern wollen die Bosse immer mitreden…

Haar: Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich von irgendwem reinreden lässt. Er ist verantwortlich, basta! Aber: Er ist immer offen für Argumente. Wenn wir diskutiert haben, hat er immer gesagt: Du musst mit Argumenten kommen! Deshalb wird er sich bei den großen Bayern-Persönlichkeiten natürlich Ratschläge holen, bei Beckenbauer, Hoeneß, Rummenigge. Dann wird er sich das anhören, nach Hause gehen, eine Nacht drüber schlafen – aber dann selbst entscheiden.

Wie ist sein Umgang mit Stars? Behandelt er alle gleich?

Haar: Absolut. Unter ihm sind alle gleich.

Also würde er auch einen Superstar mal auf die Bank setzen?

Haar: Oh, ja. Denn für ihn ist eines wichtig. Jeder Spieler muss immer das Wohl der Mannschaft sehen. Es kann nicht sein, dass ein Star nicht mit nach hinten arbeitet. Das akzeptiert er nicht. Alle müssen tun, was er sagt.

Und wenn man es nicht tut?

Haar: Dann hat man ein Problem.

Franck Ribéry nimmt solche Dinge manchmal ein wenig auf die leichte Schulter.

Haar: Wie gesagt: Dann bekommt er ein Problem. Das geht ja nicht. Du spielst immer in einer Mannschaft, willst zusammen Erfolg haben. Und dafür müssen sie auch Freunde sein. Und wenn Ribéry nicht mehr für das Team laufen will, dann wird van Gaal nach einer Minute sagen: Komm, Junge, jetzt setzt Du dich neben mir auf die Bank.

Oder schickt ihn in die zweite Mannschaft?

Haar: Oder das. Das kann schon passieren, absolut. Damit hätte van Gaal keine Probleme. Es geht ja um den Erfolg des FC Bayern.

Er gilt als sehr autoritär.

Haar: Ja, aber er ist immer sachlich, nie persönlich. Ich kenne keinen Spieler, der Schlechtes über ihn sagt, weil er jeden besser gemacht hat.

Wie ist er privat, wenn es mal nicht um Fußball geht. Oder geht es immer um Fußball?

Haar: Von sieben Tagen geht es an sechseinhalb nur um Fußball. Aber privat, bei einem Glas Wein, da kann man mit ihm über alles reden und er hilft immer. Er ist ein super Typ. Viele haben ein völlig falsches Bild von ihm.

Interview: Jan Janssen

Quelle: tz

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