Oliver Kahn - Das Abschluss-Interview: "Die WM war mein Jakobsweg"

Zeitreise: Für die tz beantwortete Oliver Kahn die Fragen ehemaliger Weggefährten und seines Vaters Rolf, dessen Bild er in die Kamera hält.
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Zeitreise: Für die tz beantwortete Oliver Kahn die Fragen ehemaliger Weggefährten und seines Vaters Rolf, dessen Bild er in die Kamera hält.

Zum großen Abschluss-Interview bat die tz alte Weggefährten um Fragen an Oliver Kahn.

Der 38-Jährige musste dann anhand von Bildern erraten, von wem die entsprechenden Fragen kommen. Kahn nahm sich lange Zeit – das Ergebnis lesen sie hier.

Stefan Effenberg: Denkst Du noch oft an unseren gemeinsamen Champions-League-Triumph 2001 in Mailand?

Oliver Kahn: Das ist ja schon so lange her, inzwischen sieben Jahre – aber diese Frage muss von Effe kommen. Wir haben uns zum Sieg gekämpft. Natürlich werde ich immer wieder darauf angesprochen. Das ist im Rückblick auf meine Karriere ein absolutes Highlight – an dieses Spiel in Mailand werde ich mein ganzes Leben lang denken und es mit grandiosen Erinnerungen verbinden.

Rolf Kahn: Was war das Beste an Deiner Karriere - hat die Laufbahn auch dazu beigetragen, sich für Konkurrenten zu freuen?

Oliver Kahn: Das Grundlegende, der Sport an sich, ist das Beste. Der Sport gibt einem die Möglichkeit, vieles auf die Probe zu stellen – auch den eigenen Charakter. Auch, dass es darum geht, sich nicht immer nur selbst und den eigenen Erfolg zu sehen, sondern auch die Fähigkeit zu entwickeln, den Konkurrenten zu respektieren und ihm zu seinem Erolg zu gratulieren. Man versteht, dass es nicht nur um einen selbst geht.

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Rolf Kahn: Was bringt der Beruf im Hinblick auf Dein späteres Leben?

Oliver Kahn: Fußball ist einfach eine sehr gute Erziehung. Man hat mit vielen Menschen, mit positiven und negativen Dingen zu tun. Man wird im Profifußball sehr sehr früh mit den Unwägbarkeiten des Lebens konfrontiert. Der Sport ist im Endeffekt eine große Schule – wobei man aufpassen muss, da das ganze natürlich auch eine große Scheinwelt ist.

Rolf Kahn: Wie siehst Du die teilweise manipulative und verfälschte Außendarstellung im Laufe Deiner Karriere?

Oliver Kahn: Es geht ja im Profifußball nicht darum, den Menschen so darzustellen, wie er ist, sondern darum, dass von einem Menschen ein Image geprägt wird. Natürlich trägt man zu diesem Bild auch teilweise selbst bei. Der wichtigste Maßstab ist jedoch: Wie gut verkauft sich das jeweilige Bild eines Menschen? Und da scheint es mir, als wäre inzwischen jedes Mittel recht.

Rolf Kahn: Mit welcher Zufriedenheit siehst Du die WM 2006 rückblickend?

Oliver Kahn: Die WM 2006 war mein Jakobsweg. Das war für mich als Sportler eine schwierige Situation – als Mensch habe ich jedoch sehr sehr viel gelernt. Für mich als Persönlichkeit war das sehr wichtig und hat mich mehr geprägt, als wenn ich gespielt hätte.

Olaf Bodden: Warst Du manchmal selbst erschrocken, als Du Dich nach Ausrastern wie gegen Heiko Herrlich, Miroslav Klose oder mich später im Fernsehen gesehen hast?

Kahn: Erschrocken ist vielleicht der falsche Ausdruck. Aber ich war doch immer wieder überrascht, zu was einem die Emotionen im Fußball bringen können.

Olaf Bodden: Du bist bis zu Deinem Karriere-Ende Bayern treu geblieben. Hast Du nie daran gedacht, wie viele große Spieler zu einem ausländischen Topverein wie Barça, Real oder Milan zu gehen – oder es vielleicht mal bereut, diesen Schritt nicht gewagt zu haben?

Kahn beim Treffen mit den tz-Reportern Tobias Altschäffl (links) und Mario Volpe in der Grünwalder Bar Italia.

Kahn: Es hätte die Möglichkeit gegeben. Die Anfragen aus Barcelona und Manchester waren schon sehr konkret. Aber bereut habe ich es nie – denn sportlich als auch finanziell hat sich letztendlich diese Frage nie gestellt. Ich bin geblieben, auch weil es immer mein Bestreben war, in einem Verein so eine lange Zeit zu prägen. Das entspricht mehr meinem Charakter.

Sepp Maier: Vergleich’ Deine Torwartqualitäten mit dem Golf. Stehst Du da kurz vor oder kurz hinter Tiger Woods?

Kahn: Tiger ist eine absolute Ikone. Man muss sagen, dass das Torwartspiel natürlich absolut konträr zum Golfspiel ist, zwei völlig unterschiedliche Dinge. Das eine hat etwas mit Anspannung, das andere schon mehr mit Entspannung zu tun. Was sehr ähnlich ist, ist natürlich die Konzentrationsfähigkeit. Das kommt mir natürlich beim Golfen, insbesondere beim Putten, sehr entgegen – deswegen verstehe ich mich als sehr guten Putter. Mir fällt das oft auf, wenn ich mit anderen golfe: Nach einigen Stunden ist die Konzentrationsfähigkeit weg. Bei mir bleiben einfach die Konzentration über einen sehr langen Zeitraum auf einem Level – und zwar von ganz allein.

Mario Basler: Viele denken, dass Du zum Lachen in den Keller gehst – dabei kann man mit dir so viel Spaß haben. Zeigst Du das nach deiner Karriere endlich mehr nach außen?

Kahn: Die Frage muss von Mario sein (lacht). Aber der Torwart-Job ist natürlich nicht dafür angetan, lustig zu sein. Hier brauchst du Disziplin, Konzentration und Anspannung. Je älter man wird, desto gelassener wird man auch. Der Mario kennt mich schon lang und weiß, dass sich das bei mir in den letzten Jahren ziemlich verändert hat. Die Zeiten, wo ich mich im übertriebenen Maße dem Sport hingegeben habe und nichts anderes kannte, sind schon länger vorbei.

Winnie Schäfer: Vielen Spielern aus der KSC-Jugend blieb aufgrund der Einstellung trotz ihres Talents eine große Karriere versagt. Wieso bist Du so ein untypischer Badener bezüglich Deines Ehrgeizes?

Kahn: Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Vielleicht hat mich mein erster Trainer – der Mann, der diese Frage gestellt hat – ziemlich geprägt. Winnie Schäfer war Westdeutscher und hatte eine ganz andere Mentalität. Die Badener sind ja eher so gemütlich.

Schäfer: Wusstest Du sofort, dass Sie Alexander Famula (Kahns damaliger Konkurrent beim KSC, d. Red.) verdrängen werden?

Kahn: Nee, eigentlich nicht. Ich war 18, und der Alexander war ein sehr starker Torwart. Das weiß man nicht. Man versucht einfach alles zu geben. Irgendwann, wenn manälter wird, spürt man dann, dass man eine Chance hat. Von Anfang an weiß man das natürlich nicht – da gehört auch ein Quentchen Glück dazu.

Schäfer: Schaust Du wehmütig auf die Karlsruher Zeit zurück und gönnst Dir in der Heimat ein Gläschen Badener Wein?

Kahn: Da ich schon seit bald einem Jahr keinen Alkohol mehr trinke, wird das ein bisschen schwierig – aber irgendwann sicher…

Michael Hofmann: Wie bewegt man sich nach großen Fehlern oder privaten Skandalen in der Öffentlichkeit? Wie schafft man es, ruhig zu bleiben, wenn einen die Leute auf der Straße dumm anmachen?

Kahn: So viele Leute machen mich eigentlich gar nicht dumm an. Ich habe nach Fehlern eher Zuspruch bekommen. Wenn mich Leute blöd anquatschen, interessiert’s mich eigentlich nicht – das geht bei einem Ohr rein und beim anderen wieder raus. Da bekommt man mit den Jahren einfach ein dickes Fell und nimmt die Dinge gar nicht mehr so wahr – auch, weil man verstanden hat, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als ein Fehler im Spiel.

Lothar Matthäus: Wie genau hast Du Deine Zukunft vor Augen? Was macht die Planung?

Kahn: Na ja, zunächst einmal habe ich letzte Woche ja meinen Vertrag mit dem ZDF unterschrieben. Jetzt, nach der Saison, will ich erst einmal abschalten ohne groß zu planen. Es kommen sicher viele interessante Dinge auf mich zu. Ich will erst einmal Ruhe haben und dann schauen, was mir Spaß macht. Ich hoffe, dass mir irgendwann langweilig wird – denn in der Langeweile gibt es neue Kräfte, neue Ideen, neue Energien für mich. Ich will mich auch viel um meine Kinder kümmern – sie sind in den letzten Jahren viel zu kurz gekommen.

Markus Miller: Mit wem wurden Sie, als junger KSC-Torwart, damals verglichen und was fühlten sie dabei?

Kahn: Es gab damals eine Legende: Rudi Wimmer, der auch 20 Jahre für Karlsruhe gespielt hat. Dessen Sohn war auch noch mein Konkurrent, er spielte in der Amateur-Mannschaft. Es war eine Entscheidung zwischen Stefan Wimmer und mir. Aber ich weiß nicht, ob man mich mit jemandem verglichen hat. Mein Vorbild war damals immer Toni Schumacher, an ihm konnte ich mich orientieren.

Heiko Herrlich: Wie hast Du es geschafft, Dich auf jedes Spiel mental so zu konzentrieren?

Kahn: Das weiß ich auch nicht. Das ist einfach eine Frage: Entweder du hast es, oder du hast es nicht. Ich konnte zum Glück auf diese mentalen Möglichkeiten zurückgreifen, auch aufgrund verschiedener Entspannungs-Übungen: Autogene Dinge und ähnliches. Aber im Grunde war diese Sache einfach über all die Jahre in mir drin. Wenn du keinen Bock mehr hast, Spannung aufzubauen, ist es zu spät – gottseidank war das bei mir nie der Fall…

Tobias Altschäffl, Mario Volpe

Quelle: tz

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