Klinsmann und van Gaal: Der große Vergleich

„Van Gaal auf Klinsmanns Spuren“, titelte eine Sonntagszeitung nach dem 2. Spieltag. Da schmunzelte man noch, denn da hatte man den 3. Spieltag und das Fiasko von Mainz noch nicht erlebt. Nun ist das eine ernsthafte Frage: Hat sich der FC Bayern bei der Trainerwahl erneut vertan? Was unterscheidet Louis van Gaal und Jürgen Klinsmann voneinander (außer der Figur), worin sind sie sich ähnlich?

2:2 gegen den HSV, 1:1 in Dortmund, 4:1 gegen Hertha BSC Berlin, Platz 7, zwei Punkte von der Spitze (Schalke) entfernt – so ging es in der Bundesliga unter Jürgen Klinsmann los. Das schwungvolle Spiel gegen Berlin beruhigte, man sah eine Vision des neuen FC Bayern: immer angriffslustig, muss halt defensiv stabiler werden. Um diese Zeit der Saison ging es noch beschaulich zu, verglichen mit dem Hier und Heute: 1:1 in Hoffenheim, 1:1 gegen Bremen, 1:2 in Mainz. Platz 14, fünf Punkte Abstand zu vorne. Und in der Bundesliga noch kein Spiel, das eine Idee offenbart hätte. Keine Frage: Jürgen Klinsmann, obgleich immer umstritten, hatte in München einen besseren Einstieg als Kollege van Gaal. Weitere Vergleichspunkte:

Der Mut- und Experimentierfaktor:

So wild, wie im Nachhinein dargestellt, war Klinsmanns Anfangsphase nicht. Personell ging er keine Wagnisse ein, setzte auf die, die aus dem alten Kader noch da waren. Beim 4:1 gegen Berlin agierte man auch noch – Klinsmanns einziges wirkliches Systemexperiment – mit Dreierabwehrkette (van Buyten, Lucio. Demichelis), was aber nichts anderes war als eine alte, nur nie umgesetzte Felix-Magath-Idee. Den Versuch, Breno Spielpraxis zu verschaffen, unternahm Klinsmann erst am 6. Spieltag (0:1 in Hannover). Van Gaal hat personell stärkere Akzente gesetzt, mit Demichelis und Timoschtschuk zwei Stars zurückgedrängt, van Buyten aufgewertet, Badstuber in die erste Elf befördert, Thomas Müller forciert.

System:

Klinsmanns Dreierkette in der Abwehr war nach dem 2:5-Debakel gegen Bremen nicht mehr zu halten. Manko seines Spiels war allgemein eine zu forsche Orientierung nach vorne, oft wurde die Mannschaft für Risikopässe in der kollektiven Vorwärtsbewegung bestraft. Doch auch der als Taktikfuchs gepriesene van Gaal (er weist die Spieler an, auf dem Platz Dreiecke zu bilden) hat den Bayern noch keine rechte Ordnung beigebracht. „Ich taste noch ab, welches Spielsystem das richtige für diese Mannschaft ist“, bekennt er seine Ratlosigkeit. Problem: Er will mit einem „Zehner“ spielen lassen, doch er hat keinen. Und der einer sein könnte (Ribéry), will nicht. Mittlerweile hört man beim FC Bayern schon wieder den hässlichen Satz, dass Taktik und System egal seien – die Mannschaft müsse vor allem rennen und jeder Spieler seine fußballerischen Fähigkeiten abrufen.

Philosophie und Auftreten:

Louis van Gaal zitiert unablässig „das ganzheitliche Prinzip“. Das hat auch Klinsmann im Sinn gehabt, als er das Trainingszentrum zur Bildungs- und Wellnessoase umbauen ließ. Van Gaal hat Kinderecke, DJ-Pult und Bibliothek wieder entfernt, sein Auftreten auf dem Platz ist ältlich-autoritär, mit Pfeife und Stoppuhr – äußerer Widerspruch zu seinen Liberalitäts-Thesen. Klinsmann inszenierte sich eher als Trainer, der im Herzen noch Spieler ist und seiner Mannschaft partnerschaftlich begegnet.

Gerechtigkeit:

Da hatte vor allem Klinsmann Defizite. Lukas Podolskis von der EM mitgebrachter Schwung verpuffte, weil der Bayern-Trainer ihn auf eine mehrjährige Entwicklungszeit zum Stammspieler einstimmen wollte. Auch Tim Borowski wunderte sich, trotz seiner Joker-Erfolge nie ernsthafte Alternative zu werden. Van Gaal scheint näher am Leistungsprinzip zu sein, kam auch von seinen Vorbehalten gegen Altintop ab – allerdings hat er bislang das Bemühen von Ivica Olic nicht gerecht gewürdigt.

Erste Fehler:

Klinsmann hing der Satz „Ich will jeden Spieler jeden Tag besser machen“ bis zum bitteren Ende nach. Mit der zwischenzeitlichen Degradierung von Kapitän Mark van Bommel machte er eine unnötige Baustelle auf. Louis van Gaal bezeichnete sich auf seiner ersten Pressekonferenz als „arrogant“. Ein Fehler, fand Ex-Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld. Fatal könnte auch gewesen sein, dass van Gaal verriet, dass seine beiden Töchter ihn siezen müssten. Das werden die Medien bei Bedarf immer wieder hervorholen.

Akzeptanz bei Fans und im Verein:

Jürgen Klinsmann nutzte die anfängliche Charme-Offensive (Besuch bei Vereinsidol Katsche Schwarzenbeck, immer ein Lächeln für die Fans) wenig – er stand aus seiner Spielerzeit und wegen der Kahn-Verbannung als Bundestrainer unter Verdacht, gegen den FC Bayern zu operieren. Unter den Angestellten beim FC Bayern machte sich Klinsmann keine Freunde, als er gleich mal die Schlösser austauschen lassen wollte, um den Profitrakt abzugrenzen. Gegen van Gaal haben die Fans keine Vorbehalte (obwohl er 1998 in der Champions League mit Barcelona dem FC Bayern sehr arrogant begegnet war), im Klub kam gut an, dass er sogar den Mannschaftskoch mit aufs Gruppenbild nahm. Jedoch ist der Bonus aufgebraucht, seit er die Physiotherapeuten nicht am Spielertisch essen lässt (wodurch es zum Streit mit Franck Ribéry kam).

Akzeptanz im Vorstand:

Das Schweigen der Bosse, das Zweifel nährt, setzt bei van Gaal früher ein als bei Klinsmann. Vorige Saison war ein gewisses Eingreifen in Trainerbelange unübersehbar, als die Bayern ab dem 7. Spieltag im vertrauten Hitzfeld-System spielten. Wieviel Macht van Gaal noch hat, wird sich am Samstag zeigen: Spielt Ribéry gegen Wolfsburg von Anfang an, könnte man das als Zeichen deuten, dass van Gaal („Franck kann vielleicht 20 Minuten spielen“) den Kampf über die Aufstellungshoheit verloren hat.

von Günter Klein

Quelle: tz

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