Bayern-Legende über deutschen Fußball

Breitner spricht Klartext im Exklusiv-Interview: „Der Fußball hat sich zurückentwickelt“

Legt den Finger in die Wunde: Paul Breitner kann mit dem aktuellen Fußball in Deutschland nichts anfangen.
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Legt den Finger in die Wunde: Paul Breitner kann mit dem aktuellen Fußball in Deutschland nichts anfangen.

Vor dem Bundesligastart nimmt sich Paul Breitner im ausführlichen Interview den deutschen Fußball zur Brust. Außerdem checkt die Bayern-Legende die mögliche Konkurrenz an der Tabellenspitze.

München - Endlich wieder Bundesliga! Nach dem WM-Desaster in Russland steht der deutsche Fußball mehr denn je unter Beobachtung. Im tz-Interview blickt Weltmeister und Bayern-Legende Paul Breitner (66) voraus.

Herr Breitner, Julian Nagelsmann will Meister werden. Mutig oder übermütig?

Breitner: Das ist endlich einer, der sich das höchste Ziel setzt und nicht einfach mit gehobenem Mittelmaß zufrieden ist. Bei Julian Nagelsmann hat das nichts mit Übermut zu tun. Das ist sein Anspruch an sich selbst.

Wenn Hoffenheim eine schlechte Saison spielt, bietet er eine große Angriffsfläche.

Breitner: Dann kassiert er natürlich eine Riesen-Watschn, wenn er seinem eigenen Anspruch nicht gerecht wird. Ich habe aber grundsätzlich etwas gegen Spieler und Trainer einer Mannschaft mit Meisterpotenzial, die sagen: Wenn wir in die Europa League kommen, ist das ein super Ergebnis. Dieses Duckmäusertum mag ich grundsätzlich nicht.

Ist die Einstellung von Nagelsmann genau das Richtige, um Bayern heuer Druck zu machen?

Breitner: Es wird niemand Druck machen und der Herr Nagelsmann wird auch nicht Meister. Aber: Er kann so dazu beitragen, dass sich vielleicht ein paar mehr Mannschaften nicht immer nur mit neun Mann am eigenen Strafraum versammeln, wenn der Gegner Bayern München heißt.

Ihr Bauchgefühl sagt also, dass auch heuer der Titel eine klare Bayern-Angelegenheit ist?

Breitner: Das hat mit Bauchgefühl nichts zu tun! Entschuldigung, aber: Der Fußballfan in Deutschland, der ansatzweise nüchtern denkt, für den kann am Ende nichts anderes herauskommen als die nächste Meisterschaft des FC Bayern. Es hat sich keine Mannschaft in der Bundesliga so dramatisch verstärkt, dass sie ihr eigenes Niveau um 20 Prozent angehoben hat.

Dafür hat sich Borussia Dortmund mit Kehl und Sammer in der sportlichen Leitung verstärkt.

Breitner: Die können vielleicht während der Woche mal über das Auftreten oder den einen oder anderen Spruch etwas positive Unruhe in die Mannschaft bringen. Nur bitteschön vergessen wir eines nicht: Wenn am Samstag der Schiedsrichter anpfeift, haben diese Geschichten keine Wirkung mehr auf dem Platz.

Inwiefern?

Breitner: Dann haben diese Leute keinen Einfluss mehr, dann sind sie nicht mehr existent! Nicht der Manager, der Technische Direktor, nicht einmal der Trainer spielt, gewinnt oder verliert - sondern die Mannschaft. All diese vermeintlichen Einflüsse von außen: Ja, hallo? Wir sind in der Bundesliga und nicht im Kindergarten!

Was erwarten Sie von Niko Kovac als neuem Bayern-Trainer?

Breitner: Ich messe ihn daran, ob er neue Spieler in die Mannschaft inte­griert. Dass er hier und dort den etwas älteren Spieler durch einen gleichwertigen, jüngeren ersetzt. Was ich mir wünschen würde: Dass wir sehen, dass die Verträge von Arjen Robben und Franck Ribéry verlängert wurden, damit sie als Back-ups für die jungen Spieler zur Verfügung stehen.

Das hat es in München lange nicht mehr gegeben.

Breitner: Nur unter Louis van Gaal. Der hat zu Holger Badstuber und Thomas Müller mit 19 Jahren gesagt: Ihr seid meine Spieler, ich habe Vertrauen zu euch, ihr seid nicht schlechter als die anderen und ihr spielt. Aus. Das ist der einzige Weg.

Sie messen Niko Kovac am viel zitierten Umbruch.

Breitner: In gewisser Weise ja. Aber der Umbruch ist beim FC Bayern seit dem letzten Jahr schon am Laufen mit Joshua Kimmich, Niklas Süle, James und Kingsley Coman. Jetzt kommen Leon Goretzka und Serge Gnabry dazu. Er muss jetzt nur auf dem Platz umgesetzt werden.

Was muss sich im Vergleich zu den vergangenen Jahren ändern, damit Bayern die CL gewinnt?

Breitner: Das ist für mich relativ einfach zu erklären: Die Mannschaft war in der entscheidenden Phase der letzten K.o.-Spiele in zwei Spielen nicht auf ihrer absoluten Leistungshöhe. Deswegen ist die Champions League in erster Linie ein Wunschgedanke. Dort befinden sich alle Vereine ab dem Viertelfinale auf ziemlicher Augenhöhe. Ab diesem Zeitpunkt darfst du in keiner K.o.-Begegnung auch nur 20 Minuten unter deinem Niveau spielen. Dann bist du weg! So war es in den letzten Jahren.

Wie wichtig ist ein gutes Abschneiden der Bundesliga in Europa nach dem WM-Desaster in Russland?

Breitner: Was die nächsten zwei, drei Spielzeiten angeht, interessiert mich das restliche Abschneiden der Bundesliga überhaupt nicht - oder maximal am Rande. Was für mich viel wichtiger ist: Ob wir wieder in der Lage sind, die Rückwärtsbewegung unseres Fußballs der vergangenen Jahre aufhalten zu können.

Was meinen Sie genau?

Breitner: Wir haben in der Bundesliga einen ähnlichen Niveau-Rückgang erlebt, wie im gesamten Weltfußball. Bestes Beispiel war doch die WM in Russland: Wir haben einen Fußball gesehen, der im Moment nicht weiß, wohin. Und das ist für mich das Tragische! Jede WM ist normalerweise dazu da, aufzuzeigen, in welche Richtung der Fußball geht.

Warum läuft der Fußball so ins Leere?

Breitner: Die DNA des Ballbesitzfußballs ist längst geknackt! Wir haben in Russland deswegen auch einen Fußball gehabt, der den schwächeren Mannschaften die Chance gegeben hat, sich hinten reinzustellen, vorne einen Sprinter zu haben, lange Bälle zu schlagen - patsch und du bist erfolgreich. Wir haben keine Idee, wir haben nichts Neues gesehen! Wir haben einen starren, gleichen Fußball gesehen. Der ist langweilig, unattraktiv und geht in Richtung Aufgabenerfüllungsfußball.

Können Sie das genauer ausführen?

Breitner: Es wird jetzt so gespielt wie vor den Zeiten des Tiki-Takas und Ballbesitzfußballs - jeder spielt 90 Minuten seinen Stiefel herunter. Früher Mann gegen Mann und heute: Spiel breit machen, immer verschieben und möglichst schnell abspielen. Unterm Strich bedeutet das: Die Verantwortung so schnell wie möglich abgeben. Das sieht man schon daran, wie in der Bundesliga und vielen anderen Ländern mittlerweile gespielt wird: Du hast hinten drei, vier Seitenwechsel, da spielen sich die Abwehrspieler den Ball zu. Das Ergebnis ist dann immer das gleiche: Zurück zum Torwart, der schlägt ihn lang und dann muss die Mannschaft die Daumen drücken, dass aus einem klaren Ballbesitz eine 50:50-Chance wird.

Woran liegt das?

Breitner: Das Schlimme ist, dass diese „Spielidee“ bei uns mittlerweile bei schon bei den Kleinsten praktiziert wird: ohne Hirn, ohne Bewegung, ohne alles. Das kommt ja nicht von ungefähr. Das kommt davon, dass die Trainer sich seit jeher an der Bundesliga orientieren. Da sehen sie diese Art Fußball und das geben sie weiter. Das ist in etwa das, was Mehmet Scholl angesprochen hat: Wir haben kaum Individualisten mehr, wir wollen sie nicht! Das Kind darf nicht mehr dribbeln. Es heißt immer nur: spiel ab, spiel ab, verschieben, verschieben, mach breit, mach breit, zurück! Das ist der Kern, warum sich unser Fußball qualitativ zurückentwickelt hat.

Gibt es aus Ihrer Sicht noch weitere Gründe?

Breitner: Mittlerweile spielt jeder auch das Gleiche, weil er immer nur das Gleiche macht: Innenseite hinhalten und Ball abgeben und so möglichst keine Verantwortung übernehmen. Warum waren denn Frankreich und Belgien erfolgreich? Weil sie einige wenige Individualisten hatten, wie es beispielsweise Robben und Ribéry in den vergangenen Jahren beim FC Bayern waren. Die haben dafür gesorgt, dass die Gegner gesagt haben: Ui, was passiert denn da? Ja, die dribbeln! Die gehen im höchsten Tempo auf mich zu! Was ist denn das? Alles andere ist reines Sicherheitsdenken! Das ist die Situation des deutschen Fußballs. Jetzt ist wieder so ein Moment wie damals zur Endzeit des Rumpelfußballs nach der grausamen EM 2004: Was müssen wir ändern? Wir müssen was ändern - und zwar so schnell wie möglich!

Was erwarten Sie sich jetzt von Joachim Löw?

Breitner: Ich war nicht dabei, was intern gesprochen wurde. Und ich gebe nichts darauf, was öffentlich erklärt wird. Sondern: Ich habe in bester Erinnerung, dass Jogi Löw derjenige war, der dem Rumpelfußball die Beine gestellt hat. Ich hoffe und erwarte von ihm, dass er wieder die Zeichen der Zeit erkennt. Für mich ist es wichtig, was wir in den nächsten zwei Jahren von der Nationalmannschaft auf dem Platz sehen. Ob Jogi wieder in der Lage und bereit ist, dem deutschen Fußball aus dem Tief zu helfen und ihm eine neue frische Richtung zu geben - und ich traue ihm das zu!

Interview: Manuel Bonke

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