Großes Interview zum 70. Geburtstag

Schwarzenbeck exklusiv: „Bei Bayern treffe ich nur die Putzkolonne“

Durch und durch Bayer: Hans Georg „Katsche“ Schwarzenbeck lebt seit 70 Jahren in Harlaching.
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Durch und durch Bayer: Hans Georg „Katsche“ Schwarzenbeck lebt seit 70 Jahren in Harlaching.

Am Dienstag feiert Hans Georg Schwarzenbeck - von allen nur „Katsche“ gerufen - seinen 70. Geburtstag. Im ausführlichen Interview spricht die Bayern-Legende über ihre Karriere und das Rentnerleben.

München - Ein kalter Frühlingstag Ende März, geschlossene Wolkendecke über Harlaching. Hans Georg Schwarzenbeck sitzt am Tisch seines Wohnzimmers, hinter ihm durch die Glastür ein Blick hinaus in den Garten. Hier hat er seine Wurzeln. Hier wuchs er bei seinen Eltern auf und tobte schon als Kind herum, das Grundstück gehörte seiner Großmutter. Später baute er ein neues Haus, in dem er heute mit seiner Frau Hannelore lebt, mit der er seit Juli 1971 verheiratet ist. „Weit weg“, sagt er, „hat’s mich ja noch nie gezogen.“ Weder privat, noch im Fußball.

Am Dienstag feiert der einst weltbeste Vorstopper, den alle immer nur „Katsche“ nannten, seinen 70. Geburtstag. Exklusiv bat er den Münchner Autor Florian Kinast zu sich nach Hause für ein langes Gespräch über sein Leben und seine Familie, seine Karriere und natürlich seinen legendären Schreibwarenladen in der Au, den er 2008 für immer zusperrte.

Herr Schwarzenbeck, die Vorbereitungen zu einer pompösen Geburtstagsfeier laufen auf Hochtouren, oder?

Schwarzenbeck: Gar nicht. Ich werde ganz klein mit meiner Familie feiern. Ob 69 oder 71, ein runder Geburtstag oder ein ungerader, ist mir gleich. Ich mag wie immer am liebsten meine Ruhe.

So ruhig war es an ihrem 60. Geburtstag nicht, damals standen Sie noch in Ihrem Schreibwarenladen unten in der Au.

Schwarzenbeck: Stimmt, da kamen viele Leute, dem bin ich nicht ausgekommen. Stammkunden, aber auch der Bäcker von nebenan, der hat extra eine Riesentorte für mich gemacht. Freilich hat mich das gefreut. Aber dass ich von mir aus was auf die Beine stellen würde, um mich feiern zu lassen, da bin ich nicht der Typ dafür. Hauptsache, dass die Familie gesund ist und ich auch noch lange gut beieinander bin.

Das sind Sie?

Schwarzenbeck: Manchmal zwickt’s. Buckel, Schulter, Hüfte. Ich bin aber ganz froh drum, weil, wenn ich das nicht spüren würde, dann hätte ich das Gefühl, ich leb nicht mehr. Sind so Signale vom Körper, dass man langsamer machen muss. Ich hab mich ja nie geschont. Ob im Fußball, meinem Laden, meiner Freizeit, ich war immer schwer zu bremsen. Wenn ich früher Holz gehackt hab, auch im Sommer, hab ich mich immer warm eingepackt, damit ich viel ins Schwitzen komm, stundenlang ging das so. Heute hackl ich ein Stünderl, dann reicht’s wieder. Ich hab allmählich gelernt, langsamer zu machen.

Sie waren ja immer ein Frühaufsteher, gerade in den 27 Jahren, in denen Sie Ihren Laden hatten.

Schwarzenbeck: Bin ich heute auch noch. Zwischen fünf und sechs ist die Nacht vorbei, am Wochenende vielleicht eine Stunde später. Ich hab ja schon meiner Lebtag früh raus müssen, schon in meiner Lehre als Buchdrucker. Am ehesten hab ich noch in meiner Zeit bei den Bayern ausschlafen können, nach Europapokal-Spielen daheim mal bis zum Mittag. War aber eher die Ausnahme.

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Vermissen Sie Ihren Laden und die Kunden?

Schwarzenbeck: Nein. Es war damals an der Zeit aufzuhören. Das Geschäft ist immer schwieriger geworden. Die längeren Ladenöffnungszeiten im Großhandel, dann die Konkurrenz mit Internet. Wenn du da im Laden stehst und verkaufst in drei Stunden gerade eine Zeitung, dann fragst dich schon: Herrschaftszeiten, ob das noch Sinn macht. Außerdem hab ich ja nicht ganz aufgehört, mein Geschäft läuft jetzt trotzdem noch ein bisserl weiter.

Aha. Wie muss man sich das vorstellen?

Schwarzenbeck: Ich beliefere nach wie vor den FC Bayern. Das heißt, ich fahre jeden Tag in der Früh an die Säbener Straße, da bringe ich die abonnierten Zeitungen und Zeitschriften vorbei und bei Bedarf Büroartikel. Und dann fahr ich heim zum Frühstück.

Ach. Und auf dem Gang der Geschäftsstelle treffen Sie dann Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge?

Schwarzenbeck: Die sind um die Uhrzeit noch selten da. Meistens treffe ich nur die Putzkolonne.

Hätte wohl auch als Platzwart Karriere machen können: „Katsche“ Schwarzenbeck bändigt einen Traktor.

Hätte es Sie nie gereizt, nach Ihrer Karriere selbst beim FC Bayern unterzukommen? Oder woanders als Trainer oder Manager?

Schwarzenbeck: Neulich fiel mir wieder ein Sammelalbum für die WM 1978 in die Hände, in dem die Nationalspieler vorgestellt wurden und wo ich im Steckbrief gesagt habe, dass ich nach meiner Karriere den Laden meiner beiden Tanten übernehmen werde. Das war drei Jahre vor dem Ende meiner Laufbahn. Stand also wohl schon recht früh fest, mein Entschluss. Ich hab auch gewusst, als Trainer, das wäre zu viel Stress für mich. Permanent unter Druck, das Geschäft so schnelllebig, nicht sicher, ob du nach drei Niederlagen morgen noch auf der Bank sitzt. Und außerdem hätte ich weg müssen aus München. Das wollte ich nicht.

Aber als Spieler hatten Sie doch sicher Angebote von anderen Vereinen.

Schwarzenbeck: Einmal rief mich ein Journalist an, muss so 1973 gewesen sein, als mein Vertrag bei Bayern auslief. „Du Katsche“, sagte er, „der Holst ist in München. Der will dich haben.“ Der Holst war damals Manager bei der Hertha. Ich hab nur zurückgefragt: „Und, was soll ich da sagen, willst mir was rauslocken jetzt?“ Letztlich hat’s auch gestimmt, aber bevor der Holst mich sprechen konnte, hat unser Manager, der Robert Schwan angerufen, und gemeint: „Katsche, magst deinen Vertrag verlängern?“ Damit war das Thema durch.

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Und Angebote aus dem Ausland?

Schwarzenbeck: Da gibt es eine nette Episode: Kurz vor der WM im März 74 spielten wir in Frankfurt gegen Schottland. Mein Gegenspieler war der große Dennis Law, der lange in Manchester spielte, erst United, dann City. Im Spiel wurde Law irgendwann ausgewechselt, und als ich nach Abpfiff in den Spielertunnel ging, stand er plötzlich da. Mit einem Berater. Und fragte, ob ich nicht nach Manchester wechseln mag, da könnte ich richtig gutes Geld verdienen.

Und was haben Sie geantwortet?

Schwarzenbeck: Nichts. Ich hab mich bedankt und bin dann weitergegangen. Hätte ich auch nie gemacht, da hätten sie mir noch so viel bieten können, weg aus München, unvorstellbar.

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Spielerberater hat es also damals schon gegeben.

Schwarzenbeck: Schon. Manchmal sind auch welche an der Säbener Straße rumgelaufen. Der Franz (Beckenbauer, d. Red.) war ja der einzige, der mit dem Robert Schwan auch einen persönlichen Manager und Berater hatte.

Als Sie 1966 zu den Bayern kamen, war der 20-jährige Beckenbauer schon die Führungsfigur, gab es da eine klare Hierarchie?

Schwarzenbeck: Ja. Er, der Maier Sepp und der Müller Gerd. Das waren die Leitwölfe. Ich kam da ja als ganz junger Bursch dazu. Wir haben in der Bayern-Jugend immer am Nebenplatz trainiert, die erste Mannschaft auf dem Einser-Platz. Wir waren richtig stolz, wenn der Franz oder der Sepp mal kurz zugeschaut haben bei uns oder auch der Tschik (Trainer Cajkovski, d. Red.). Na ja, und dann haben sie vier von uns zur Ersten geholt, den Walleitner Klausi etwa und mich. Lustig war auch, wie wir uns beim ersten Training vor der Mannschaft vorstellen mussten.

Inwiefern?

Schwarzenbeck: Wir standen im Kreis, jeder von uns Neuen musste seinen Namen sagen. Ich war ganz schüchtern mit all den großen Spielern. Also sagte ich: „Ich bin der Hans.“ Worauf der Maier Sepp erwiderte. „Schmarrn. Des geht ned, mia hamm scho zwoa Hans.“

Er meinte Hans Nowak und Hans Rigotti.

Schwarzenbeck: Genau. Und drum sagte der Sepp zu mir: „Du bist ned der Hans. Du bist der Katsche.“

Wie kam er drauf?

Schwarzenbeck: Das hat er wohl beim Jugend-Training mal am Nebenplatz aufgeschnappt. Ich hab den Namen ja schon seit meiner Kindheit gehabt, aber fragen S’ mich bittschön nicht, warum. Beim Wald- und Wiesenfußball im Perlacher Forst haben sie mich irgendwann mal Katsche gerufen. Ich weiß bis heute nicht, warum und weshalb. Das hatte keinen Bezug zu irgendwas. Ein Rätsel, das ich bis heute nicht gelöst hab. So ist mir der Name geblieben. Gibt Schlimmeres im Leben.

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Und dann hatten Sie Ihren ersten Vertrag.

Schwarzenbeck: Ja. Das war sehr beeindruckend, wie der Robert Schwan damals zu uns kam, in der Hand die Verträge zum Unterschreiben, und sagte: „Ihr seid’s nette Burschen, aber Ihr müsst wissen: Der FC Bayern will immer die Nummer 1 sein. Wenn ihr das nicht aushaltet, müsst ihr zurück in euren Beruf.“

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1966? Als die Bayern gerade ein Jahr Bundesliga spielten? Starke Worte.

Schwarzenbeck: So war er, der Schwan. Eine Respektsperson. Von dem hat sich der Uli viel abgeschaut. Damals war weniger ein „Mia san mia“ zu hören. Dafür mehr ein „Mir san die Nummer 1.“ Läuft aber ungefähr aufs gleiche raus. Diese Mentalität jedenfalls hat uns der Schwan eingebläut. Genau diese Einstellung war der Grundstein für all unsere großen Erfolge.

Haben Sie noch Erinnerungen an Ihr erstes Spiel?

Schwarzenbeck: Freilich. Oktober 1966 in Bremen. Zwei Tage davor hat der Schwan bei mir in der Lehre angerufen und gesagt, ich muss mit. Wir sind mit dem Flieger hin, der erste Flug meines Lebens. Ich linker Verteidiger, mein Gegenspieler Zebrowski, wir verlieren vier-eins. Fürchterlich. Ich hab mir gedacht, das war’s jetzt. Aber zum Glück hab ich mich langsam reinarbeiten können.

Aber die Lehre zum Buchdrucker haben Sie noch fertiggemacht.

Schwarzenbeck: Ja sicher, der Schwan hat uns alle verpflichtet, dass wir unsere Ausbildung beenden. Im Fußball hast nicht viel verdient am Anfang, 250 Mark im Monat, mit Prämien vielleicht 1000. Und du weißt ja nie, was kommt. Wenn dich der Trainer nicht mehr mag. Oder du verletzt bist.

Men in red: „Katsche“ Schwarzenbeck (2. v. r.) wärmt sich an der Seite vin Trainer Udo Lattek (2. v. l.), Uli Hoeneß (3. v. l.) und Paul Breitner (3. v. r.) auf.

Wo hatten sie gelernt?

Schwarzenbeck: Beim Thiemig unten in der Pilgersheimer Straße. An einer Riesen-Maschine von König & Bauer. Wir haben alles gedruckt. Vom Warenhaus-Katalog bis zum Kunstdruck, vierfarbig. Meine Abschlussprüfung habe ich dann am Heidelberger Zylinder gemacht, danach bin ich gegautscht worden.

Bitte was?

Schwarzenbeck: Gautschen, das ist ein jahrhundertealter Brauch bei fertigen Buchdruckerlehrlingen. Das heißt, sie haben mich im Hinterhof gepackt und kopfüber in einen Wasserbottich gesteckt.

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Bevor Sie dann auf den Fußballfeldern die Gegner nass machten. Es folgte die goldene Zeit des FC Bayern. Ihr Tor gegen Atlético 1974 im Landesmeister-Finale in der 120. Minute, war das für Sie selbst der größte Moment Ihrer Karriere?

Schwarzenbeck: Ich glaub schon. Manchmal, wenn ich einen nostalgischen Moment habe, dann leg ich mir die Videokassette mit dem Tor nochmal ein. Ich weiß aber, dass ich mich damals in diesem Moment gar nicht so gefreut hab, weil ich mir dachte, wir müssen ja erst das Wiederholungsspiel gewinnen. Wenn wir das verlieren, war mein Treffer ganz umsonst.

Diese Ehe hält seit fast 50 Jahren: „Katsche“ Schwarzenbeck trägt seine frisch angetraute Frau Hannelore.

Sie gewannen aber zwei Tage später 4:0.

Schwarzenbeck: Schon, aber ich war halt immer eher vorsichtig. Im Nachhinein war dieses Tor der größte Moment, dankbar bin ich aber für meine ganze Karriere. Profi beim FC Bayern, ein Traumberuf. Nicht nur wegen der Erfolge, sondern weil ich auch so viel von der Welt gesehen habe. Allein die Eindrücke auf den vielen Reisen mit den Bayern durch Südamerika. Wenn du mit dem Bus durch Slums fährst oder aus dem Hotel auf die Wellblechhütten runterschaust, da bekommst du auch eine andere Sicht aufs Leben und bist froh und demütig, in München leben zu dürfen.

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Sind Sie denn noch oft im Stadion?

Schwarzenbeck: Ja, schon noch. Aber auch nicht immer. Fußball hat mich so viele Jahres meines Lebens beschäftigt und hat mir viel gegeben. Es gibt aber auch noch anderes. Ich habe zwei Enkel, die sind sieben und fünf. Manchmal hab ich sie am Samstag, dann fahr ich natürlich nicht ins Stadion. Der Enkeltag ist mir inzwischen weitaus wichtiger als Fußball.

Interview: Florian Kinast

Das ist „Katsche“ Schwarzenbeck

Hans-Georg „Katsche“ Schwarzenbeck, geboren am 3. April 1948. 540 Pflichtspiele und 28 Tore für den FC Bayern, davon 416 Spiele (21 Tore) in der Bundesliga. Dazu 44 DFB-Länderspiele. Weltmeister 1974, Europameister 1972. Viermal gewann er den Europacup (3 Landesmeister, 1 Pokalsieger), einen Weltpokal, sechs Deutsche Meisterschaften, dreimal den DFB-Pokal. Nach dem Karriereende 1981 übernahm er den Schreibwarenladen seiner Tanten im Münchner Stadtteil Au, den er 27 Jahre bis 2008 führte.

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