Hitzfeld: "Heynckes? Das war kein Glücksgriff"

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Ottmar Hitzfeld (li.) sieht die Bayern durch die Verpflichtung von Jupp Heynckes stabiler als unter Louis van Gaal.

München - Ex-Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld analysiert im tz-Interview die Hinrunde der Bayern und erzählt, was er von seinem Nach-Nachfolger Jupp Heynckes hält.

Herr Hitzfeld, sind Sie auch der Meinung, dass dies ein perfektes Jahr für die Bayern war?

Hitzfeld: Zumindest war es ein sehr gutes Jahr. Sie sind mit der Verpflichtung von Jupp Heynckes sehr stabil geworden, er hat die Balance zwischen Abwehr und Angriff wieder hergestellt. Und auch der Kader ist ausgeglichener. Jetzt können sie auch ohne Robben und Ribéry Spiele gewinnen. Da hatte man im Jahr zuvor noch das Gefühl, dass sie doch sehr abhängig von den beiden waren. Jetzt sind sie unberechenbarer.

Wie groß ist Heynckes’ Anteil am Erfolg?

Hitzfeld: Jupp Heynckes ist der Baumeister dieser Mannschaft. Er ist hauptverantwortlich für den derzeitigen Erfolg. Vor allem ist er verantwortlich für die Spielphilosophie.

Wie wichtig ist die Harmonie im Klub?

Hitzfeld: Bei den Bayern ist es mit am wichtigsten, dass der Trainer ein Teamplayer ist. Man hat ja eine hohe Fachkompetenz im Vorstand, und da ist es natürlich wichtig, dass man zusammenarbeitet. Jupp Heynckes versteht es, sämtliche Kräfte zu vereinen – und er versteht sich als Bestandteil des Vereins. Das sorgt für Harmonie, und das ist wichtig. Man braucht Ruhe.

Ottmar Hitzfelds Trainerkarriere in Bildern

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Sehen Sie hier die besten Bilder aus der Trainerkarriere des Weltpokalsiegers 2001 - Champions-League-Siegers 1997, 2001 - Deutschen Meister von 1995, 1996, 1999, 2000, 2001, 2003, 2008 - DFB-Pokalsieger 2000, 2003, 2008 - Ligapokalsieger 1998, 1999, 2000, 2007 - Schweizer Meisters 1990, 1991 - Schweizer Pokalsieger 1985, 1989, 1990 - DFB-Supercupsieger 1995, 1996 und Schweizer Supercupsieger 1989. © dpa
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Nachdem er für den VfB Stuttgart in den 70er Jahren 22 Bundesliga-Spiele absolviert hatte, übte sich Hitzeld zunächst in der Schweiz als Trainer, um dann 1991 in die Bundesliga zu Borussia Dortmund zu wechseln. © dpa
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Bei der Borussia prägte er eine Ära. Bis 1997 verwandelte er die Schwarz-Gelben von einer mittelmäßigen Bundesliga-Mannschaft in ein europäisches Top-Team. Nach den beiden Deutschen Meisterschaften 1995 und 1996 folgte 1997 der ganz große Streich: Der Gewinn der Champions League (3:1 gegen Juventus Turin), und das ausgerechnet im Münchner Olympiastadion. © dpa
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Dort sollte Hitzfeld in den kommenden Jahren noch viele weitere Erfolge feiern. Doch zunächst zog er sich bei Borussia Dortmund in die zweite Reihe zurück und fungierte ein Jahr lang als Berater. © dpa
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1998 war Hitzfelds Zeit bei Borussia Dortmund abgelaufen. Die Bayern sicherten sich die Dienste des Erfolgstrainers - wohl eine der besten Entscheidungen der Vereinsgeschichte. © dpa
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Hitzfeld brauchte weder lange, um sich vom Dortmunder DAB-Pils auf Münchner Weißbier umzustellen, noch um die erfolgsorientierte Vereinsphilosophie der Bayern zu verinnerlichen. © dpa
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Dazu gab's noch ein paar ins Ohr geflüsterte Tipps von Kaiser Franz - da konnte ja gar nichts schiefegehen. © dpa
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Aus Dortmund brachte Hitzfeld auch seinen treuen Assistenten Michael Henke mit, der ihm in den folgenden Jahren zuverlässig zur Seite stehen sollte. © dpa
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Hitzfelds natürliche Autorität vereinfachte ihm auch die Arbeit mit Charakterköpfen wie Lothar Matthäus oder auch Stefan Effenberg und Oliver Kahn. © dpa
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Bereits im ersten Jahr begann Hitzfeld mit seiner beeindruckenden Titelsammlung bei den Bayern: Die Deutsche Meisterschaft wurde souverän mit 15 Punkten Vorsprung gewonnen. © dpa
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Doch bereits in seiner ersten Saison gab es auch einen absoluten Tiefschlag: Die legendäre 1:2-Niederlage im Champions-League-Finale 1999 gegen Manchester United. Doch der Frust ging vorüber - und der Bayern-Coach gestärkt aus der Pleite hervor. © dpa
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Was man am besten tut, um schmerzliche Niederlagen zu vergessen? Genau, einfach weitere Titel gewinnen. So geschehen im Jahr 2000 mit dem dramatischen Schlussspurt im Kampf umd ie Deutsche Meisterschaft, als Bayer Leverkusen am letzten Spieltag noch abgefangen wurde. © dpa
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Hitzfeld beim Abschiedsspiel von Lothar Matthäus im Jahr 2000. © dpa
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Auf die faule Haut legen, das gibt es bei Ottmar Hitzfeld nicht. Der Asket gibt für den Erfolg Alles. Wenn es bei den Bayern mal nicht so gut lief, war das Hitzfeld immer sofort anzusehen. Doch dieses graue, fahle Gesicht trat insgesamt nur selten zum Vorschein. Vor allem nicht... © dpa
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In diesem wunderbaren Jahr 2001, als die Bayern nahezu alles gewannen, was es zu gewinnen gab. Zunächst diese verrückte Deutsche Meisterschaft, als Patrick Anderssons 1:1-Ausgleichstreffer gegen den HSV in der Nachspielzeit den an Schalke verloren geglaubten Titel doch noch möglich machte. Wer erinnert sich dabei nicht an Hitzfelds ausgelassenen Jubel an der Seitenlinie? © dpa
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Vier Tage später dann der ganz große Coup: Der Champions-League-Sieg in Mailand gegen den FC Valencia. © dpa
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Hitzfeld gewann zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren die Champions League - und wurde bei der Rückkehr nach München von den Fans minutenlang mit Sprechchören gefeiert. © dpa
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Das Jahr 2001 endete, wie sollte es anders sein, ebenfalls mit einem Titelgewinn: In Tokio sicherten sich Hitzfelds Bayern zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte den Weltpokal. © dpa
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Im Jahr drauf gab's für einen sich im Umbruch befindenden FC Bayern dann nicht viel mehr als ein Glas Weißbier beim offiziellen Presse-Termin. Der erfolgsverwöhnte Ottmar Hitzfeld musste am Saisonende mit Platz 3 Vorlieb nehmen. © dpa
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Das Ende einer Ära war aber noch immer nicht erreicht. Hitzfeld schaffte es, die Kräfte zu bündeln und führte einen runderneuerten FC Bayern 2003 zum Gewinn der 18. Deutschen Meisterschaft. Hitzfeld hatte seine Arbeit getan und das sportliche Feld bereitet, er selbst war aber 2004 nach sechs Jahren FC Bayern auf absolutem Top-Niveau ausgelaugt. © dpa
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Den Bayern-Fans fiel der Abschied ihres Helden im Sommer 2004 ebensowenig leicht... © dpa
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... wie Hitzfeld selbst. Gemeinsam mit Co-Trainer Michael Henke sagte Hitzfeld "Servus", und kaum ein Fan hielt es für möglich, dass es je ein Wiedersehen mit ihm auf der Trainerbank der Bayern geben würde. © dpa
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"Ich möchte gesund aufhören", sagte Hitzfeld damals, als ihm die Strapazen des Jobs deutlich ins Gesicht geschrieben standen. © dpa
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Hitzfeld tauschte die Trainingsplatz mit dem Fernsehstudio und arbeitete fortan für "Premiere" als ausgezeichneter Analytiker und Experte. © dpa
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Im Februar 2007 dann das sensationelle Comeback: Nach Felix Magaths Entlassung zauberte Uli Hoeneß plötzlich den Magath-Vorgänger als dessen Nachfolger aus dem Hut. © dpa
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Der Überraschungseffekt verpuffte jedoch gleich im ersten Spiel, als die Bayern beim 1. FC Nürnberg mit 0:3 untergingen. © dpa
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Hitzfeld konnte das Ruder in der kurzen Zeit bis Saisonende nicht mehr umreißen, und so landeten die Bayern fernab der Champions-League-Qualifikation auf einem enttäuschenden 4. Platz. © dpa
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Im Winter 2007 gab Hitzfeld dann seinen endgültigen Abschied von den Bayern und vom Vereinsfußball bekannt. © dpa
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Hitzfeld unterzeichnete einen ab Sommer 2008 gültigen Vertrag als Schweizer Nationaltrainer. Ziel: Die Qualifikation für die WM 2010 in Südafrika. © dpa
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Es folgte ein halbes Jahr voller Glanz und Gloria, in dem Hitzfeld seine famos aufspielenden Bayern noch einmal zum Double-Gewinn führte. Es folgte der 17. Mai 2008, 34. Spieltag der 45. Bundesliga-Saison und wohl einer der emotionalsten Momente, den die Allianz Arena in ihrer jungen Geschichte erlebte hat: Hitzfelds zweiter und endgültiger Abschied vom FC Bayern. © dpa
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Ergreifende Szenen spielten sich ab. Hitzfeld konnte seine Tränen unter minutenlangen Standing-Ovations nicht zurückhalten und berührte damit sogar Nicht-Bayern-Fans. "Das waren Tränen des Glücks" kommentierte der Umjubelte damals. © dpa
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“Fußball ist mein Leben, meine Leidenschaft, ich habe ihm viel zu verdanken“, sagt Hitzfeld. Ruhm, Ansehen, Freundschaften und sagenhafte 25 Titel als Trainer. © dpa
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Ein letzter Gruß in die Bayern-Kurve... © dpa
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... ein letzter Handschlag mit Keeper Oliver Kahn... © dpa
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... ein letztes Mal posieren mit den Pokalen... © dpa
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... ein letztes Mal mit dem Autokorso durch München, dann war Hitzfelds Trainer-Karriere bei den Bayern endgültig zu Ende. Seine Bilanz: fünf Meisterschaften, drei DFB-Pokalsiege sowie 2001 der Gewinn von Champions League und Weltpokal. © dpa
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Seit Sommer 2008 lebt Hitzfeld wieder in seiner Heimatstadt Lörrach nahe der Schweizer Grenze und steht der Schweizer "Nati" als Coach vor. Viel ruhiger ist Hitzfelds Leben aber dennoch nicht geworden: Werbepartner, Fernseh-Experte bei “Premiere“, Vorträge, sein Terminkalender ist weiterhin gut gefüllt - neben den 10 bis 15 Länderspielen im Jahr. Dieses Jahr ist Hitzfeld 60 Jahre alt geworden. Und noch immer nicht aus dem Fußballzirkus wegzudenken. © dpa

Also ist er ein Glücksgriff?

Hitzfeld: Das würde ich nicht sagen, weil man bei seiner Verpflichtung ja wusste, was man tut. Er war ja vorher schon mal da, der Vorstand wusste, wie Heynckes funktioniert, dass er trotz seines Alters ein Trainer ist, der modernen Fußball spielen lässt. Wenn man einen Unbekannten geholt hätte, wäre es ein Risiko gewesen, dann wäre er ein Glücksgriff. So könnte man sagen, dass es ein „gezielter“ Glücksgriff war. Also kein Glück, sondern Überzeugung.

Im Sommer gab es das Wechseltheater um Manuel Neuer. War es das wert?

Hitzfeld: Natürlich! Bayern war ja überzeugt, dass man einen hervorragenden Torwart braucht. Der Anspruch ist: Der deutsche Nationaltorwart muss bei Bayern spielen. Das ist auch absolut richtig. Und alle waren von der Personalie Manuel Neuer total überzeugt. Zu Recht, wie man heute sieht.

Und auch der Ärger mit den Fans hat sich gelegt.

Hitzfeld: Ja. Die Politik im Verein muss der Vorstand machen. Der muss entscheiden, niemand sonst. Man darf sich nicht von außen beeinflussen lassen. Es gehört dazu, auch unbequeme Transfers zu machen, hinter denen nicht alle Fans stehen. Und der Neuer-Transfer war ja auch mutig.

Trotzdem gab’s im ersten Spiel eine Niederlage…

Hitzfeld: Wenn das erste Spiel verloren wird, dann läuten immer gleich die Alarmglocken. Aber Jupp Heynckes ist jemand, der immer ruhig bleibt.

Es folgte die Serie mit zehn Siegen zu null.

Hitzfeld: Da sah es nach einem Durchmarsch aus, da konnte einem fast angst und bange werden. Zumal ja Dortmund als stärkster Konkurrent keinen guten Start hingelegt hat. Aber dann hat sich Dortmund gefangen, und dann musste Bayern den Ausfall von Bastian Schweinsteiger verkraften. Seitdem ist es wieder spannend.

Vor allem, weil Dortmund das Spiel in München gewonnen hat. Haben Sie da an der Meisterschaft der Bayern gezweifelt?

Hitzfeld: Nein. Ich bin von der Qualität der Bayern überzeugt, aber klar ist auch: Das wird kein Selbstläufer. Bayern wird gejagt, jedes Spiel gegen Bayern ist für den Gegner das Spiel des Jahres. Dazu kommt die Champions League, man will ja ins Finale. Und das wird Kraft kosten. Dortmund hingegen hat keine internationalen Spiele mehr. Das macht es spannend.

Zumal die Bayern ihre Abwehrprobleme noch nicht gelöst zu haben scheinen.

Hitzfeld: Das sehe ich nicht so. Rafinha und Boateng sind beide erstklassige Verstärkungen. Und mich haben sie – wenn sie gespielt haben – in den allermeisten Fällen überzeugt.

Es gab Diskussionen um Robbens Egotrips.

Hitzfeld: Wenn man die Champions League gewinnen will, braucht man Spieler wie Robben, das hat er bewiesen. Er ist einfach ein Spieler, der den Unterschied ausmacht.

Sollte man seinen Vertrag verlängern?

Hitzfeld: Man hat ja Zeit bis 2013. Das ist lange hin. Zur Zeit passt doch alles, warum sollte man etwas verändern?

Wer ist für Sie der Gewinner des Jahres?

Hitzfeld: Ich denke, es gibt nicht nur einen, sondern viele. Gomez wegen seiner sensationellen Trefferquote, er ist Bayerns Lebensversicherung. Kroos hat den Sprung in die Startelf geschafft. Schweinsteiger hat eine sensationelle Saison gespielt. Dazu noch Franck Ribéry und auch Heynckes, der der Mannschaft seine Handschrift verpasst hat. Sie spielt attraktiv und hat defensiv enorm dazugelernt.

Das Champions-League-Finale, ist das realistisch?

Hitzfeld: Man braucht Losglück. Aber, ja: Das ist realistisch! Bayern hat genug Substanz und Kontinuität, um das Finale zu erreichen. Zudem hat sich die Defensive stabilisiert, und es herrscht Ruhe im Verein. Und: Alle haben dieses eine große Ziel: Das Finale im eigenen Stadion.

Interview: Jan Janssen

Quelle: tz

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