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Investigativ-Journalist über WM in Katar: „FC Bayern hat PR-Kampagnen des katarischen Staates mitgetragen“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Benjamin Best reiste verdeckt nach Doha, um über die Lage von Gastarbeitern zu berichten. Im Interview spricht der Investigativjournalist auch darüber, wie Katar ihn an der Arbeit gehindert hat.

Investigativ-Journalist Benjamin Best (46) wurde für seine Berichterstattung über Katar mehrfach ausgezeichnet. Mit dem WDR-Format „Sport inside“ entstand die vierteilige Doku-Serie „Katar – WM der Schande“ und der Podcast „Die WM-Sklaven – Katar und die Geschichte der Gastarbeiter“. Im Interview mit unserer Zeitung spricht Best über eine fragwürdige Vergabe, Eindrücke aus katarischen Gastarbeiter-Camps und die Rolle des FC Bayern.

in Banner der nationalen Fluggesellschaft Qatar Airwayes in der Allianz Arena.
Katar ist auch in München präsent: Ein Banner der nationalen Fluggesellschaft Qatar Airwayes in der Allianz Arena. © Bernd Feil/imago (Montage)

Benjamin Best, wie hat Katar die WM überhaupt bekommen? Es ist immer wieder von gekauften Stimmen zu lesen.

Die Vergabe wird bis heute von massiven Korruptionsvorwürfen begleitet. Zwei Monate vor der Vergabe wurden zwei Mitglieder des Exekutivkomitees der Fifa suspendiert, weil sie Reportern der Sunday Times, die sich als Lobbyisten ausgegeben hatten, ihre Stimmen zum Kauf angeboten haben. Dann gab es das Treffen im Élysée-Palast zwischen dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, Michel Platini und dem damaligen katarischen Kronprinzen. Auf höchster politischer Ebene soll da auch über die Vergabe gesprochen worden sein. Aber es ist natürlich auch nicht die erste WM-Vergabe, die unter dem Verdacht der Korruption steht. Da müssen wir nur an das „Sommermärchen“ 2006 zurückdenken. Katar hat jahrelang beteuert, dass da nichts passiert sei. Und einen handfesten Beweis für Stimmenkauf gibt es bis heute noch nicht.

Was war das Besondere an der Bewerbung von Katar?

Die Bewerbung für die Weltmeisterschaft war im Herrscherhaus angesiedelt. Es war offizielle Staatsvorgabe, dass Katar die WM bekommt. Dass eine Vergabe von höchster staatlicher Ebene organisiert wird, gab es zuvor noch nie. Das zeigt, dass Sport und Politik in keiner Weise zu trennen ist, sondern Hand in Hand geht.

Einwurf Katar

Dieser Text ist Teil unserer Themenwoche zur Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Auch in den kommenden Tagen bieten wir Ihnen auf sämtlichen Portalen von IPPEN.MEDIA sportpolitische Hintergrundberichte zu Katar.

„Katar hat versucht, juristisch gegen die Berichterstattung vorzugehen“

Sie waren selbst in Katar. Wie schwer wurde es Ihnen gemacht, von vor Ort zu berichten?

Ich war insgesamt fünfmal in Katar. 2019 habe ich mit versteckten Kameras gedreht. Die Fifa musste anschließend erstmals zugeben, dass auch auf WM-Baustellen gegen internationale Arbeitsstandards verstoßen wird. Das katarische WM-Organisationskomitee hat versucht, juristisch gegen die Berichterstattung vorzugehen, was nicht gelungen ist. Das letzte Mal war ich im Dezember letzten Jahres dort. Da stand ich unter Beobachtung, wurde von zwei Jeeps mit dunklen Scheiben begleitet. Mir wurde doch sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass ich Gefahr laufe, festgenommen zu werden, wenn ich die Camps noch mal besuche.

Was waren Ihre Eindrücke aus den Camps?

Das sind menschenunwürdige Verhältnisse, es ist menschenfeindlich, was dort passiert. Es ist der unglaubliche Gegensatz zwischen dem Reichtum, den Glaspalästen, und dann fährt man 25 Minuten in die Wüste und sieht menschliches Elend, das ist nur schwer zu fassen.

Der Büroleiter Doha der Internationalen Arbeitsorganisation sieht enorme Fortschritte bei den Bedingungen für Gastarbeiter.

Die Internationale Arbeitsorganisation hat eine Partnerschaft mit Katar. Katar zahlt für dieses Projekt an die 25 Millionen Dollar an die ILO. Ich habe mit ehemaligen ILO-Mitgliedern gesprochen, die gesagt haben, dass die Organisation dadurch ihre Unabhängigkeit verloren hat. Es wurden auch katar-kritische ILO-Mitarbeiter abgezogen. Da muss man sich die Frage stellen, wie unabhängig die Äußerungen der ILO wirklich sind.

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Katar-Sponsoring beim FC Bayern: „Der Verein hat eine sehr fragwürdige Rolle gespielt“

Ein großes Thema sind auch die gestorbenen Gastarbeiter auf WM-Baustellen. Der offiziellen Zahl von drei Toten kann man wohl kaum glauben.

Dass Katar keine Informationen weitergibt, ist erbärmlich und zeigt, dass die Fifa ihrer Verantwortung in keiner Weise gerecht wird. Menschenrechtsorganisationen haben im August 2021 berichtet, dass 70 Prozent der Todesursachen nicht untersucht werden. Auf den Totenscheinen steht dann meist nur „plötzlicher Herztod“. Das ist tragisch. Tausende Familien wissen nicht, woran ihr Ehemann, Sohn oder Bruder gestorben ist.

Wie sehen Sie die Rolle des FC Bayern? In Ihrer Doku sagt ein ehemaliger Mitarbeiter von Human Rights Watch, dass er dem Verein die Missstände in Katar in einem Bericht deutlich aufgezeigt hat.

Der FC Bayern hat in den letzten Jahren die PR-Kampagnen des katarischen Staates mitgetragen. Qatar Airways, der Sponsor, ist ein staatliches Unternehmen. Meiner Meinung nach hat der FC Bayern eine sehr fragwürdige Rolle gespielt. Der Verein hat viele Jahre versucht, kritische Stimmen aus der Fanszene zum Schweigen zu bringen. Die Rolle, die der FC Bayern spielt in der Zusammenarbeit mit Qatar Airways, ist schon schwierig. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge stellen sich dann dahin und sagen, dass in Katar Verbesserungen gibt, seit der FC Bayern dort ist, bleiben den Beweis aber schuldig. Ich habe von dem Verein noch nicht eine konkrete Veränderung gehört, die durch den FC Bayern eingetreten sind.

Nach all Ihren Erfahrungen, die Sie mit Katar gemacht haben. Kann die WM wirklich was verändern?

Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Es gibt keine wissenschaftliche Erhebung, dass Sport-Großveranstaltungen die Menschenrechtssituation in den Ländern verbessern. Ganz im Gegenteil. Katar wird aber ein großer Player im internationalen Sport bleiben. Es werden dort weiter Großveranstaltungen stattfinden. Das gibt mir ein bisschen Hoffnung, dass Katar weiter im Gespräch bleiben wird. Ich bin aber skeptisch, dass es nach dem Turnier zu nachhaltigen Verbesserungen kommen wird.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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