“Es wird ein ganz heißes Tänzchen“

Calmund im Interview über Meister-Drama 2000 und eine „sehr menschliche Reaktion“ von Hoeneß

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Nicht hinschauen: Der geschlagene Leverkusener Geschäftsführer Reiner Calmund lässt im Mai 2000 die Schale in Unterhaching rechts liegen.

Der FC Bayern kann erstmals seit 2000 wieder dahoam Meister werden. Doch die Bundesliga kann auch mit einer großen Enttäuschung enden. So erging es Reiner Calmund damals - im Interview erinnert sich der damalige Leverkusener Macher.

München - Am Samstag kann der FC Bayern bereits mit einem Unentschieden gegen Eintracht Frankfurt (15.30 Uhr/bei uns im Live-Ticker) alles klar machen und den Meistertitel zum ersten Mal seit 19 Jahren wieder im eigenen Stadion feiern. Zuletzt gelang das mit einem 3:1-Sieg gegen Werder Bremen (Tore: Carsten Jancker (2) und Paulo Sergio) im Mai 2000 - weil Spitzenreiter Bayer Leverkusen zeitgleich völlig überraschend 0:2 in Unterhaching verlor.

Ein Leidtragender damals: Leverkusens Geschäftsführer Reiner Calmund. Im Interview blickt der heute 70-Jährige auf den bittersten Nachmittag seiner Fußball-Karriere zurück und verrät, wer heuer Meister wird.

Herr Calmund, auch wenn es wehtut, müssen wir über den 20. Mai 2000 sprechen. Wie oft denken Sie noch an diesen Tag zurück?

Reiner Calmund: Ich denke immer wieder mal daran, aber man muss die Ergebnisse respektieren und akzeptieren. Wenn man keine Lösung für etwas findet, vergisst man es besser. Dieses Spiel war eine ganz bittere Nummer, wir mussten das einfach über uns ergehen lassen. 

Wie haben Sie den Tag erlebt? 

Calmund: Ich bin morgens wie ein Gummiball im Hotel rumgehüpft, aber mit zunehmender Zeit wurde ich immer ruhiger. Auf der Tribüne dachte ich dann: Ich sitze wie eine Schlaftablette neben Rudi Völler. Das war zumindest mein Gefühl. Vor dem Wochenende hatte mir unser legendärer Medizinmann Dieter Trzolek ein Langzeit-EKG verpasst, weil er Angst um meine Pumpe hatte. Die Auswertung zeigte, dass ich am Morgen tatsächlich voll im roten Bereich war. Beim Anpfiff um 15.30 Uhr lag mein Ruhepuls bei 65, ich war Mr. Valium persönlich. 

Welche Rolle DJ Ötzi bei der Leverkusener Schmach im Jahr 2000 spielte

Michael Ballack erzielte in der 20. Minute ein Eigentor, anschließend ging es mit Leverkusen dahin. 

Calmund: Wir waren vor dem Spiel super im Rhythmus, haben die schweren Auswärtsspiele gegen Werder und den HSV souverän gewonnen. In Bremen hat uns das ganze Stadion gefeiert und ‚Zieht den Bayern die Lederhosen aus‘ gesungen. Nach dem Eigentor von Michael Ballack in Unterhaching war dann alles weg. Wir hatten zwar noch etwas mehr Feldanteile, aber keine Dominanz, Aggressivität und Torgefahr. Und dann war da noch DJ Ötzi. 

Wie bitte? 

Calmund: In Unterhaching wurde schon beim Einlaufen „Der Anton aus Tirol“ gespielt. Später dann auch bei Hachinger Treffern und wenn durchgesagt wurde, dass die Bayern im Olympiastadion ein Tor geschossen hatten. Der DJ Ötzi hat uns also auch noch genervt, die Platte habe ich mittlerweile nicht mehr. 

Hat sich nach dem Krimi jemand vom FC Bayern bei Ihnen gemeldet?

Calmund: Ja, spätabends nach dem Spiel habe ich mit Uli Hoeneß telefoniert. Ich habe ihm gratuliert, er hat mir gesagt: Wir freuen uns natürlich über den Titel, aber für dich persönlich tut es mir leid. Das war eine sehr menschliche Reaktion von ihm. 

Kommen wir zur Gegenwart: Am Samstag steht endlich mal wieder ein Finale um die Meisterschaft an. Wer macht das Rennen? 

Calmund: Die Münchner gehen als großer Favorit auf die Meisterschaft ins Spiel, weil ihnen ein Unentschieden reicht. So wie bei uns damals. Ich kann aber aus eigener Erfahrung sagen: Im Fußball ist immer alles möglich, deshalb musst du wahnsinnig aufpassen. Wenn alles normal läuft, werden die Bayern Meister, aber sie sollten sich nicht zu sicher fühlen. 

Wie wichtig ist es für die Bundesliga, dass es bis zum letzten Spieltag spannend geblieben ist? 

Calmund: Mich freut das sehr. Der Spieltag ist fantastisch, weil auch die Gegner von Bayern und Dortmund noch etwas tun müssen. Mönchengladbach kann sich mit einem Sieg gegen den BVB für die Champions League qualifizieren. Die Dortmunder werden Jadon Sancho bis Samstag wieder aufpäppeln, zudem kommt Marco Reus nach der Sperre zurück. Und auch für Frankfurt ist noch alles drin: Champions League, Europa League oder gar nichts. Das setzt Kräfte frei und ist nicht unproblematisch für die Bayern. Es wird ein ganz heißes Tänzchen! 

Interview: Jonas ­Austermann

Borussia Dortmund plant bereits die Meisterschaftsfeier am Sonntag nach dem Bundesligafinale. Der FC Bayern würde die Schale von einer Klub-Legende überreicht bekommen. Derweil sprach FCB-Trainer Niko Kovac in der Pressekonferenz bereits über seinen Abschied aus München. Nun soll angeblich fix sein: Trainer Niko Kovac und der FC Bayern trennen sich.

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