Selbst in Freundschaftsspielen war es nie genug

Gerd Müllers unheimliche Gier nach Toren - selbst Beckenbauer wurde sie ab und an zu viel

Gerd Müller (l) schießt den Siegertreffer im WM-Finale 1974
+
Sein wohl wichtigstes Tor: Gerd Müller (l.) schießt aus der Drehung an Ruud Krol vorbei und erzielt den 2:1-Siegtreffer im WM-Finale 1974.

Gerd Müller und die Tore - eine lebenslange Liebesbeziehung. Die verstorbene Legende des FC Bayern gilt weithin als der kompletteste aller Stürmer.

München - Franz Beckenbauer hatte genug von Gerd Müllers Toren. Zumindest von denen im Training, wenn der „Bomber“ in der anderen Mannschaft spielte. Also winkte Libero Beckenbauer seinen Vorstopper Hans-Georg Schwarzenbeck, den Mann fürs Sofort-Inkasso auf dem Platz, herbei. „Katsche“, sagte er, „jetzt mog i nimma.“

Jahrzehnte später räumt Beckenbauer, nun selbst ein alter Mann mit schwacher, heiserer Stimme, in der aber immer noch der anekdotische Erzählton mitschwingt, ein: „Es wäre mir auch egal gewesen, wenn der Gerd am nächsten Wochenende dann nicht spielt und für uns keine Tore schießt.“ Jedoch: Auch Spezialist Katsche konnte Müller im Training nicht stellen. Beckenbauer: „Und wieder samma alle am Boden g’legn.“

18 Mal wurde Gerd Müller Torschützenkönig - doch auch in Freundschaftsspielen war er hungrig

Gerd Müller stand für Tore, Tore, Tore. Seine Werte gehören zum deutschen Fußball-Grundwissen. 365 Treffer in der Bundesliga, im Saisonschnitt waren es 26. Dazu 68 Tore in 62 Länderspielen. Eine weitere Zahl, die seine Größe erklärt: 18 Mal wurde er Torschützenkönig einer Ligasaison oder in einem Wettbewerb wie einem WM- oder EM-Turnier. Und Müller richtete seine Versessenheit auf Tore nicht nach der Wichtigkeit der Spiele aus.

Franz Roth, sein Kollege im legendären Bayern-Team der 60er- und 70er-Jahre, erinnert sich an belanglose Freundschaftsspiele, bei denen Müller tobte, wenn ihm nicht aufgelegt wurde: „Wenn es 10:0 stand, wollte er das 11:0 schießen, wenn es 11:0 stand, war sein nächstes Ziel das 12:0.“

Als die Bayern als Regionalligist 1964 die Tormaschine vom Amateurklub 1861 Nördlingen verpflichteten, fragten sich die neuen Mitspieler, wie dieser dickliche Junge sich im Männerfußball durchsetzen solle. „Da kommt ja ein Quadrat“, war Franz Beckenbauers erster Gedanke beim Anblick Müllers. Der wurde mit den Jahren etwas drahtiger, der Blickfang blieben jedoch die ungewöhnlich massigen Oberschenkel. „Solche habe ich bei einem Fußballer nie wieder gesehen“, sagt Willi Schneider.

Gerd Müller „war wahnsinnig antrittsschnell – und ebenso schnell in seinen Gedanken“

Der Oberhachinger kennt Müllers Körper wie nur wenige. In der Saison 1973/74 wurde er Physiotherapeut beim FC Bayern, dessen Stars ihn später oft auch in seiner Privatpraxis zur Massage aufsuchten. „Der Gerd war komplett durchtrainiert“, so Schneider. Er nahm Müller genauso wie Franz Beckenbauer als extrem trainingsfleißig wahr: „Sie kamen als Erste und gingen als Letzte.“ Was Müllers Art zu spielen begünstigte, „war seine Beweglichkeit in der Hüfte. Sie hat ihm diese kurze Rotation ermöglicht.“ In beide Richtungen, links herum, rechts herum. „So konnte er mit beiden Beinen gleich gut schießen.“ Normalerweise haben Stürmer eine Schokoladenseite, Verteidiger können sich darauf einstellen – bei Müller ging das nicht.

Womöglich resultierte diese außergewöhnliche Wendigkeit aus seinen Kinder- und Jugendtagen in Nördlingen. Als er noch gar nicht mal im Verein spielte, sondern in der Backstube einer befreundeten Familie auf umgedrehte Teigschalen, und auf dem mit Kopfsteinpflaster belegten Platz am Stenglesbrunnen, wo er lernte, den Ball auf unebenem Grund perfekt zu verarbeiten.

Unterschätzt wurde, welches Tempo dieser Mann mit seinen massigen und kurzen Beinen aufnehmen konnte. „Er war wahnsinnig antrittsschnell – und ebenso schnell in seinen Gedanken“, sagt Masseur Schneider. „Er konnte Haken schlagen wie ein Hase auf der Flucht“, das waren die Beobachtungen von Sepp Maier. In vielen Situationen verschaffte sich Müller den Sekundenbruchteil Vorsprung, der entscheidend war.

Müller hat die heute angewandte Expected-Goal-Analytik schon lange vor deren Erfindung angewendet

Eine wissenschaftlich fundierte Spielanalyse gab es zur Zeit von Gerd Müller noch nicht. Im Nachhinein versucht sich nun das Internationale Fußball Institut in München-Ismaning daran. „Gerd Müller gilt weitweit weiterhin als Maßstab eines kompletten Stürmers“, sagt Professor Florian Kainz, der Direktor. Wenn man nach einer Formel für Müllers Erfolg sucht, müssten darin die Fähigkeit zu Körpertäuschungen, schnellen Richtungswechseln, sehr gute technische Möglichkeiten, Handlungsschnelligkeit und Beidfüßigkeit vorkommen, so die Analyse aus Ismaning.

Und Müller hat die heute angewandte Expected-Goal-Analytik schon lange vor deren Erfindung angewendet – aus purem Instinkt heraus: „Müller positionierte sich dort, wo er sich am wohlsten fühlte, wo er für sich entschied, dass die Wahrscheinlichkeit am höchsten war, ein Tor zu erzielen. Das war einzigartig. War er mit dem Gesicht zum Tor positioniert und nicht anspielbar, unternahm er immer wieder ganz unorthodoxe Laufwege in die Goldene Zone.“ Aus der fallen heute die meisten Tore.

Wie er zu seinen Toren kam, war Müller egal. Für ihn zählte nur, dass er den Ball irgendwie über die Linie brachte. Der Münchner Historiker Hans Woller, einer seiner Biografen, sah Müller im Augenblick nach einem Tor, wenn er lossprintete und zum Jubelhüpfer ansetzte, als einen „glücklichen Menschen“. Günter Klein

Auch interessant:

Meistgelesen

Hoeneß über Vegetarier und Veganer: „Wenn du die kritisierst, greifen die dich an“
FC Bayern
Hoeneß über Vegetarier und Veganer: „Wenn du die kritisierst, greifen die dich an“
Hoeneß über Vegetarier und Veganer: „Wenn du die kritisierst, greifen die dich an“
Lewandowski kontert Reporter nach Leverkusen-Gala: „Meinst du im Training?“
FC Bayern
Lewandowski kontert Reporter nach Leverkusen-Gala: „Meinst du im Training?“
Lewandowski kontert Reporter nach Leverkusen-Gala: „Meinst du im Training?“
So sexy gratulierte Ann-Kathrin ihrem Mario
FC Bayern
So sexy gratulierte Ann-Kathrin ihrem Mario
So sexy gratulierte Ann-Kathrin ihrem Mario

Kommentare