Der rot-blaue Weihnachtsgipfel

Experten unter sich: Paul Breitner, Waldemar Hartmann und Karsten Wettberg.
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Experten unter sich: Paul Breitner, Waldemar Hartmann und Karsten Wettberg.

Hitzfeld-Double, Klinsmann-Trubel, Löwen-Dauerkrise – das Münchner Fußballjahr 2008 bot massig Stoff für heiße Debatten.

Was lag also näher, als das Ganze in einer kompetenten Runde noch mal aufzuarbeiten. Die tz bat Bayern-Vorstandsberater Paul Breitner, 1860-Aufsichtsrat Karsten Wettberg und Kultmoderator Waldemar „Waldi“ Hartmann zum rot-blauen Weihnachsgipfel ins Münchner Arabella Sheraton-Hotel. Bühne frei!

Herr Breitner, Herr Wettberg, Herr Hartmann, beginnen wir mit der klassischen Weihnachtsfrage: Woran soll das Christkindl bei Ihnen denken – privat und fußballerisch?

Breitner: Also ich zähle zu den Menschen, die sich weder zu Weihnachten noch zum Geburtstag was wünschen. Es gibt 365 Tage im Jahr, wenn ich mir was wünsch’, dann kauf ich mir’s. Und für Bayern, ganz klar: Möglichst alle Titel.

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Bei Ihnen, Herr Hartmann, soll die Gewichtsreduktion ein heißes Thema sein…

Hartmann: Ja (lacht), aber das ist kein Wunsch – dafür muss man was tun! Ich hab’ mich im Nachhinein auf Video bei Frank Elstners Natur-Quiz gesehen und gedacht: Das kann nicht am 16:9-Format alleine liegen, ich platz’ ja bald! Damals im Sommer hatte ich 110 Kilo, da hab’ ich mit Trennkost angefangen – nicht wie der Otti Fischer, Schweinsbraten auf dem einen Teller, Knödel auf dem anderen, sondern richtig. Jetzt bin ich bald unter der 100er-Marke.

Echte Wünsche?

Hartmann: Beruflich, dass Waldis WM-Club genauso erfolgreich weiterläuft und für den Fußball, dass die internationale Finanzkrise nicht so stark durchschlägt, wie es zu befürchten ist.

Wettberg: (grinst) Krise – das ist jetzt die passende Überleitung zu mir, oder? Naa, Spaß beiseite, privat wünsche ich mir ein bisserl mehr Gesundheit für meine Familie. Und sportlich für Sechzig den Aufstieg in die Bundesliga, egal wie berechtigt und mit wie viel Dusel. Damit wären die meisten Probleme gelöst.

Probleme hat 1860 mehr als genug. Gibt’s auch was, das Ihnen Hoffnung macht?

Wettberg: Positiv ist, dass wir nach einem schwachen Start zwischenzeitlich wieder oben rangekommen sind, bis es dann die Heimniederlagen gegen Oberhausen und Augsburg gesetzt hat und dieses katastrophale 3:3 gegen Wehen. Da muss ich, in Anführungszeichen, lieber ein, zwei Leute würgen, bevor mir so was passiert, aber dafür fehlt uns eine Führungspersönlichkeit auf dem Platz. Bedenklich ist, dass wir berechenbar geworden sind. Wenn der Timo Gebhart aus dem Spiel genommen wurde, hat meistens schon ein Tor gereicht, um uns zu schlagen.

Zum Thema Gebhart kommen wir später noch ausführlich. Haben Sie manchmal Mitleid mit den Löwen, Herr Breitner?

Breitner: Die tun mir seit 30 Jahren leid. Es ist ein Drama, was mit Sechzig passiert. Ich wünsche mir vor allem, dass bald diese unsägliche Grünwalder-Stadion-Diskussion beendet sein wird, dass auch der letzte Fan irgendwann kapiert, dass sich Profifußball dort nicht finanzieren lässt.

Für 1860 lässt sich die Zweite Liga auch in der Arena nicht ohne Bilanz-Minus finanzieren…

Hartmann: Ja, natürlich muss man an diesen extremen Catering-Konditionen was machen. Aber ich höre nur immer das Jammern über die nicht verkauften Business-Plätze, dieses ewige Wehklagen. Liebe Leute, das ist halt auch eine Frage der geschickten Vermarktung, der Kreativität – und des sportlichen Erfolgs. Und so ein Wehen-Erlebnis macht dir natürlich viel kaputt. Da sagen sich viele Firmen: Wen soll ich mit so einem Business-Seat langweilen?

Wettberg: Der Grundfehler war, dass in die Arena-Verträge der Abstiegsfall nicht einkalkuliert wurde. Das war nicht seriös und mit den Folgen müssen wir heute leben.

Liegt’s wirklich nur am fehlenden Geld, dass die Löwen im Niemandsland der Zweitklassigkeit stehen, oder sind sportlich einfach die falschen Leute am Ruder?

Breitner: Also ich werde den Teufel tun, darüber öffentlich zu urteilen.

Wie sehen Sie’s als ehemaliger Trainer und jetziger Aufsichtsrat, Herr Wettberg?

Wettberg: Ausschließlich aufs Geld kann man’s nicht schieben. Was mir bei uns fehlt, ist die Kreativität im Scouting. Wenn ich sehe, was Greuther Fürth tut, inzwischen kommt da eine ganze Bundesliga-Mannschaft zusammen, die in Fürth ausgebildet wurde. Und trotzdem spielen die jedes Jahr vorne mit.

Hartmann: Schaut euch Lautern an, die haben auch kein Geld und waren Anfang des Jahres noch völlig am A… Dann haben sie mit Sasic und Kuntz gerade noch die Kurve gekriegt, und jetzt sind sie durch offensichtliches Know-how wieder auf Aufstiegskurs. Mit einer No-Name-Truppe, aber mit engagiertem Fußball. Und schon ist das Stadion wieder voll.

Was im Falle 1860 bekanntlich kein Vorteil sein muss…

Breitner: Das stimmt. Der Anreiz, gegen Sechzig zu gewinnen, ist durch die Allianz Arena viel größer als das früher war. Der Heimvorteil ist nicht mehr so gravierend. Aber die Arena macht auch unsere Gegner stärker. Keiner kommt mehr geduckt nach München. Das beste Beispiel ist doch Bochum. Im Olympiastadion hätten die nach einem 1:3-Rückstand aufgegeben. Jetzt geben sie Gas, als gäb’s kein Morgen und spielen 3:3.

Wettberg: Wenn man solche Heimspiele wie wir hinlegt, dann braucht man sich nicht zu wundern wenn der Gegner jeden Respekt verliert. Der Löwenfan will zumindest bei jedem Spieler das Gefühl haben, dass er alles gegeben hat. Thomas Miller lässt schön grüßen…

Mangelnde Motivation, falsche Einstellung – kann man dafür den Trainer verantwortlich machen?

(allgemeines Schweigen)

Liegt die sportliche Stagnation auch an Marco Kurz?

Hartmann: Vielleicht…

Wettberg: Um darauf eine seriöse Antwort geben zu können, müsste man erst durchleuchten, inwieweit Marco Kurz mit entschieden hat, welche Spieler in der Vergangenheit geholt wurden. Das müsste man wissen. Und man darf nicht den Fall Göktan und die Verletzungen von Bierofka, Lars Bender etc. vergessen.

Breitner: Karsten, du bist Aufsichtsrat, warst Vizepräsident. Das scheint ja ein Riesenproblem bei euch zu sein, dass irgendwie keiner so richtig was weiß. Kann es sein, dass in diesem Verein seit Jahrzehnten immer nur einer oder zwei wissen, was wirklich los ist?

Hartmann: (lacht) Das ist ein Thema für sich, da bräuchten wir einen zweiten Termin, um das zu erörtern. Bleiben wir lieber auf dem Platz: Diese Löwen-Mannschaft hat doch schon bewiesen, dass sie in dieser angeblich so starken Liga jeden schlagen kann. Also muss auch die Trainerfrage erlaubt sein.

Breitner: Da sprichst du was an, Waldi. Wenn ich in der Zweiten Liga zuschaue, dann habe ich den Eindruck, dass es ist in den letzten Jahren immer leichter geworden ist, aufzusteigen…

Wettberg: (winkt ab) Ich kann’s nicht mehr hören, dieses Geschrei von wegen „Die beste zweite Liga aller Zeiten!“. Das stimmt einfach nicht. Es ist keine Mannschaft drin, die konstant ist. Sogar wir haben mit 22 Punkten noch eine Restchance auf den Aufstieg.

Auch ohne Timo Gebhart?

Wettberg: Wenn man einen Gebhart verkaufen sollte, dann muss man zumindest den Plan haben, für einen Teil des Geldes ein, zwei Leute zu holen, die vielleicht nicht die Perspektive haben wie der Timo, die uns aber in der jetzigen Situation weiterhelfen können. Also einen kopfballstarken Stürmer oder einen Spezialisten für Freistöße (der Transfer von Stefan Aigner war zum Zeitpunkt des Gesprächs noch nicht perfekt, d. Red,). Leute mit Führungsqualitäten. Ich sehe auch das Problem bei 1860, dass ehemalige Spieler nicht eingebunden werden. Viel öffentliche Kritik könnte man sich ersparen, wenn man die Leute mit in die Verantwortung nehmen würde, so wie es uns der FC Bayern und viele andere Vereine seit Jahrzehnten vormachen. 1860 könnte in dieser Hinsicht viel mächtiger sein. Wenn wir schon kein eigenes Stadion haben, könnten wir als Kultverein doch unsere Identität mit Spielerlegenden stärken.

Tobias Altschäffl, Ludwig Krammer

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Quelle: tz

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