Niederländer bedauert Lahms Abschied

Robben im Interview: „Mentalität ist wichtiger als das Alter“

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Gespräch unter vier Augen: Arjen Robben (l.) stellt sich den Fragen von tz-Redakteur Sven Westerschulze.

Arjen Robben war in dieser Saison einer der besten und konstantesten Bayern-Profis. Im Interview spricht der Niederländer über den Abschied von Philipp Lahm und seine Zukunft.

München - Dieser Abschied geht auch ihm nahe. Arjen Robben macht kein Geheimnis daraus, dass Philipp Lahm ihm fehlen wird. Acht Jahre lang bildeten die beiden das Traum-Duo auf dem rechten Flügel des FCB. Im tz-Interview sagt Robben: „Es war mir eine Ehre.“

Herr Robben, für den FC Bayern endet am Samstag die Saison, für Philipp Lahm seine Karriere

Robben: Ja, das stimmt. Deshalb haben wir die Verpflichtung, Philipp, und auch Xabi (Alonso, Anm. d. Red.), einen großartigen Abschied zu bereiten. Das ist für mich das Wichtigste am Samstag, denn speziell zu Philipp habe ich ja nun mal eine besondere Beziehung.

Die Mannschaft verliert ihren Kapitän, Sie dazu auch noch Ihren kongenialen Partner.

Robben: Seit acht Jahren bin ich jetzt beim FC Bayern. Acht Jahre lang habe ich mit Philipp zusammen auf der rechten Seite gespielt. Zwischen uns herrscht auf dem Platz ein blindes Verständnis, wir haben sehr gut miteinander harmoniert. Ich spiele auch gerne mit Josh (Kimmich, Anm. d. Red.) und Rafa (Rafinha, Anm. d. Red.) zusammen, nicht dass ich falsch verstanden werde. Aber mit Philipp war es etwas Besonderes, es hat unglaublich viel Spaß gemacht, mit ihm zusammenzuspielen.

Wird Ihnen der Fußballer oder die Persönlichkeit Lahm mehr fehlen?

Robben: Beide werden mir sehr fehlen. Auf dem Platz werde ich ihn natürlich vermissen. Ich verliere meinen rechten Fuß (lacht). Aber auch als Kapitän werde ich ihn vermissen. Es war mir eine Ehre, so lange mit ihm spielen zu dürfen. Egal, wie lange ich jetzt überlege, ich kann nur lobende Worte für ihn finden. Philipp hat den FC Bayern gelebt und war in vielen Dingen ein Vorbild.

Verstehen sich blendend: Arjen Robben (l.) und Philipp Lahm bildeten über Jahre ein kongeniales Duo auf der rechten Seite des FC Bayern.

Geht Ihnen sein Abschied näher als der von anderen Mitspielern?

Robben: Ja - und das darf ich auch so sagen, glaube ich. Schließlich haben wir so viel miteinander erlebt. Für Philipp wird sein Abschied ein sehr emotionaler Moment, keine Frage. Aber auch für mich wird das ein bisschen emotional, das habe ich meiner Frau auch schon erzählt. Sie weiß, wie gut ich mich mit Philipp verstehe.

Kann man sagen, dass Sie beide sich gegenseitig besser gemacht haben?

Robben: Ja, das kann man. Philipp und ich haben uns auf dem Platz immer super ergänzt - und damit auch gegenseitig stärker gemacht. Philipp hat es mit seinen Laufwegen einfach für mich gemacht. Ich konnte oft nach innen ziehen, weil er mit seinen Bewegungen Gegenspieler nach außen geschoben hat. Anders herum greifen mich bei einem Dribbling oft zwei oder drei Gegner an, den Platz konnte Philipp nutzen, um unbedrängt flanken zu können. Und so viele Doppelpässe wie mit Philipp habe ich in meiner Karriere sicher mit keinem anderen gespielt (lacht).

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Robben über die Saison und seinen Antrieb

Kommen wir zu anderen Themen - für den FCB geht eine turbulente Saison zu Ende. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Robben: Das ist eine gute Frage. Natürlich ist es unser Anspruch, jeden Titel zu gewinnen, aber eines dürfen wir nicht vergessen: Im Fußball entscheiden oft kleine Details. Das darf bei der Beurteilung nicht außen vor bleiben. Ich finde, dass es eine gute Saison war.

Warum wurde daraus keine sehr gute?

Robben: Das Aus in der Champions League war ganz bitter. Leider, das sehe ich auch jetzt noch so, hat der Schiedsrichter eine große Rolle gespielt. Im Hinspiel gegen Real waren wir nicht gut, aber unsere Leistung im Rückspiel war großartig. Da hätten wir mehr verdient gehabt, deshalb war der Frust groß. Und die Niederlage gegen Dortmund haben wir selbst zu verantworten. Da haben wir zu viele Chancen ausgelassen und es nach dem 2:1 versäumt, den Deckel draufzumachen. Das Pokal-Aus ist also unsere eigene Schuld, doch das ist nicht das Schlimmste.

Sondern?

Robben: Viel schlimmer ist die Gewissheit, wieder ein Jahr auf solche großen Spiele warten zu müssen. Ein CL-Viertelfinale spielst du nicht schon eine Woche später wieder, ein Pokal-Halbfinale auch nicht. Ein Jahr lang müssen wir jetzt wieder darauf hinarbeiten. Das ist nicht immer leicht.

Hat in den entscheidenden Situationen die letzte Entschlossenheit gefehlt?

Robben: Wir dürfen es jetzt auch nicht übertreiben. Ich habe am Anfang von kleinen Details gesprochen, die im Fußball entscheiden. Ein Beispiel aus dem Pokalspiel gegen den BVB: Wenn Sven Bender seine Zehenspitzen nicht an den Ball kriegt, oder die Kugel von seinem Fuß nicht gegen den Pfosten, sondern ins Tor geht, dann hätte es 3:1 gestanden und wir wären im Finale gewesen. Aber ein paar Zentimeter ändern in manchen Momenten alles. In der neuen Saison müssen wir also noch mehr Willen zeigen, um stärker zurückzukommen.

Was den Willen angeht, sind Sie ein absolutes Vorbild. Auch mit 33 Jahren wirken Sie auf dem Platz entschlossener als manch ein Youngster…

Robben: Wir brauchen alle den unbändigen Siegeswillen! Diese Leidenschaft, diese Mentalität macht den FC Bayern so stark. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Eigenschaften erhalten bleiben und weiter mit der Identität des FC Bayern verwurzelt sind. Das müssen wir bei jeder Gelegenheit zeigen, die Gegner müssen wissen: Gegen die Bayern gibt es nichts zu holen. Diese Ausstrahlung hat uns im Hinspiel gegen Real Madrid vielleicht ein wenig gefehlt.

Kann man sich so eine Einstellung einfach aneignen oder steckt die in einem drin?

Robben: Ich glaube, dass die in einem drinsteckt. Der Impuls muss von einem selbst kommen, den kann man sich nicht abgucken. Aber wenn du von vielen solcher Typen umgeben bist, dann kann das schon förderlich sein.

Was treibt Sie in Ihrer langen Karriere immer wieder an?

Robben: Der Spaß am Spiel und der Erfolg. Wenn ich auf dem Platz stehe, will ich immer gewinnen - auch im Training. Mein Tor in Leipzig vergangene Woche zum Beispiel, das tat mir unheimlich gut. Ich fühlte mich fit, stark und entschlossen, so wie in der kompletten Saison. Wenn du im Fußball etwas erreichen willst, brauchst du diesen Ehrgeiz. Dazu ist eine gute Balance wichtig. Hermann (Gerland, Anm. d. Red.) versucht mir seit acht Jahren zu erklären, dass ich nicht in jedem Training 100 Prozent geben muss. Bei mir ist dieser Wille aber einfach drin. Mit der Zeit bin ich da vielleicht ein kleines bisschen lockerer geworden - aber nur ein ganz kleines bisschen (lacht). Ich bin vor und nach den Trainingseinheiten immer im Kraftraum oder arbeite mit den Physios. Das kostet natürlich immer Energie und manchmal auch Überwindung, aber ich weiß, wofür ich es mache.

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Robben über die FCB-Mentalität und seine Zukunft

Sie wirkten in dieser Saison fit wie lange nicht mehr. Trotzdem wird zurzeit viel über den alten Kader des FCB gesprochen. Täten ein paar junge Spieler dem Team gut?

Robben: Es gibt keine jungen oder alten Spieler. Es gibt nur gute oder schlechte. Das hat Uli Hoeneß auch schon gesagt. Wenn das Feuer in dir brennt, ist es egal, ob du 23 oder 33 Jahre alt bist. Ich glaube, dass die Mentalität viel wichtiger ist als das Alter.

Dennoch steht dem FCB allein wegen der Abschiede von Lahm und Alonso ein Umbruch bevor. Braucht die Mannschaft frisches Blut?

Robben: Das ist abhängig von den Spielern, die kommen (lacht). Nein, im Ernst: Gute Spieler können wir immer gebrauchen, viel wichtiger ist mir aber etwas anderes.

Verraten Sie es uns.

Robben: Dass die Identität des Vereins erhalten bleibt. Der FC Bayern braucht einen Kern von Spielern, die ihn kennen, verstehen und leben. Mit Philipp geht jetzt genau so einer, mit Bastian Schweinsteiger haben wir vor zwei Jahren auch so einen Spieler verloren. Das ist mit ein Grund, warum Thomas Müller so unglaublich wichtig für Bayern München ist - nicht nur auf dem Platz. Er verkörpert den Siegeswillen, er verkörpert den FC Bayern.

Mittlerweile in den USA zu Hause: Bastian Schweinsteiger spielt für Chicago Fire.

Sie gehören ebenso wie Lahm und Robben zur goldenen Generation des FCB. Der eine beendet jetzt seine Karriere, der andere kickt noch in den USA. Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Robben: Ich möchte so lange wie möglich noch auf höchstem Niveau spielen, unbedingt noch einmal die Champions League gewinnen. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Karriere beenden oder in einer anderen Kultur noch eine neue Lebenserfahrung sammeln.

In Fachkreisen ist das eine nette Umschreibung, um eine neue Währung kennenzulernen…

Robben (lacht): Nein, so war das wirklich nicht gemeint. Glauben Sie mir, dann hätte ich im Winter nach China wechseln müssen. Da habe ich von allen Seiten Angebote bekommen, das war echt schon verrückt. Aber da habe ich schnell gesagt: ,Moment mal.‘ So weit bin ich noch nicht, dafür liebe ich den Fußball auf absolutem Top-Niveau noch viel zu sehr. Und wenn ich noch mal eine andere Kultur kennenlernen möchte, und ich meine Kultur (zwinkert), dann immer auch in Absprache mit meiner Familie.

Gibt es denn etwas, das Sie noch reizt?

Robben (überlegt): Es macht mich stolz, dass ich jetzt meine insgesamt zehnte Meisterschaft gewonnen habe und das in vier verschiedenen Ländern. Noch stolzer macht es mich, dass ich dadurch mit Johan Cruyff gleichgezogen bin - dem größten Fußballer aller Zeiten in Holland. Wenn ich noch einmal Meister werde, würde ich ihn überholen. Das ist schon etwas, das mich noch reizt.

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Interview: Sven Westerschulze

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