Bilder der Löwen-Torfrau

Allein unter Männern: Interview mit Viona Harrer

Bad Tölz - Tölzer-Löwen-Torfrau Viona Harrer im Interview über große Fußstapfen, die Suche nach einer Dusche in fremden Stadien und Oliver Kahn.

Eine Frau im Tor? In der Männer-Oberliga? Etliche Eishockey-Anhänger begegneten der Tölzer Verpflichtung mit Skepsis. Doch Viona Harrer war in einigen Partien bester Löwe, hielt so manchen Sieg fest. Ihre Leistungen ließen die meisten Kritiker verstummen. Die 26-jährige Tölzerin schreibt derzeit die Abschlussarbeit ihres Bildungswissenschaft-Studiums und ist in der Bundeswehr-Sportfördergruppe. Wie es als einzige Frau unter Männern in der Kabine ist, über ihren Trainingsmehraufwand und den Reiz des Männer-Eishockeys spricht die Tölzer Nummer eins und National-Torhüterin im Interview mit dem Tölzer Kurier.

Frau Harrer, Eishockey-Spieler sehen sich gern als harte Männer. Wie passt da eine Frau ins Tor?

Ich trainiere viel, um den physischen Nachteil zu kompensieren. Ohne Mehraufwand würde es nicht gehen. Aber ich glaube, dass ich im athletischen Bereich sehr gut bin.

Können Sie im Tor so gut sein wie ein Mann?

Die körperlichen Nachteile kann ich nicht wettmachen. Aber Kraft alleine macht noch keinen guten Torwart. Schnellkraft, die Psyche, Koordination und Konzentration sind mindestens genauso wichtig. Da habe ich keine Nachteile. Torwart ist überhaupt die einzige Position, auf der man als Frau mithalten kann.

Viele sahen es skeptisch, dass eine Frau das Löwen-Tor sauber halten sollte. Hatten Sie Zweifel?

Nein, ich hatte ja schon eine Saison in Erding Oberliga gespielt. Und das ist gut gelaufen. Ich gebe nicht allzu viel auf die Bedenkenträger. Mir ist es wichtig, dass mir die Trainer und Verantwortlichen ihr Vertrauen aussprechen, und das tun sie. Ich hab’ schon früher oft in Tölz mittrainiert. Es ist nicht so, dass ich von heute auf morgen plötzlich Oberliga spiele. Solange ich mir sicher bin, dass es geht, habe ich kein Problem.

Sind die Spiele für Sie anstrengender als für einen Mann?

Auf die Dauer gesehen definitiv. Man muss als Frau viel mehr Energie aufbringen. Und die Spiele zehren mehr an einem.

Ihr Vorgänger Andreas Jenike hat große Fußstapfen hinterlassen. Können Sie die ausfüllen?

Er hat sicher vorgelegt, hat gute Saisons gehabt in Tölz. Aber er ist auch nicht von heute auf morgen zu dem geworden, was er ist. Er hat sich entwickelt. Bevor er nach Tölz gekommen ist, waren wir auf Augenhöhe, würde ich sagen. Man braucht Zeit, um sich zu entwickeln.

Gibt es Unterschiede zwischen Erding und Tölz für Sie als Torfrau?

Ja, ich krieg’ bei den Löwen definitiv weniger Schüsse als in Erding. Aber das bedeutet nicht, dass das Spiel leichter ist. Man muss immer präsent sein. Geistig und körperlich dann anwesend sein, wenn es darauf ankommt.

Das ist bisher ganz gut gelungen: Mit 2.57 Gegentoren stehen Sie in der Oberliga auf Platz zwei...

Auf Statistiken gebe ich nicht allzu viel. Der Schnitt sagt wenig aus, weil es einen Unterschied macht, ob ich im Spiel 30 Schüsse kriege oder nur 5, ob sie von der Blauen Linie kommen oder aus kurzer Distanz, aus einer 2:1-Situationen. Klar ist man froh, wenn man wenige Tore bekommt.

Wo haben Sie sich verbessert?

Ich denke, dass ich stabiler spiele, gelernt habe, mich von Fehlern nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Ich bin einfach reifer geworden.

Wo fehlt’s noch?

Es gibt viele kleine Baustellen. An technischen Sachen kann man immer arbeiten. Potenzial nach oben habe ich bei verdeckten Schüssen. Die sind für mich besonders schwierig. Weil ich im Vergleich zu den meisten männlichen Torhütern eher klein bin, treffen mich die Schüsse oft im oberen Halsbereich, wo die Scheiben extrem schwierig festzuhalten sind. Ich bin auch manchmal noch zu nervös, meine Abpraller kann ich noch verbessern. Spielerisch gibt’s noch Luft nach oben.

Da fällt Ihnen aber viel Negatives ein.

(lacht) Es gibt immer etwas zu verbessern!

Verhalten sich die Gegner bei einer Frau im Tor anders?

Bei Torhütern gibt es generell nicht so viele Schlägereien. Ich kann mir vorstellen, dass einer sagt, „die fahr ich jetzt nicht über den Haufen“. Aber möglicherweise ist es für manche auch ein besonderer Ansporn, der Frau eins einzuschenken. Im Normalfall merkt man schnell, dass man sich bei mir auch anstrengen muss, um ein Tor zu schießen. Wahrscheinlich nehmen die Spieler etwas mehr Rücksicht als bei einem Mann.

Im Falle des Aufstiegs hätten die Löwen mit Ihnen für die 2. Liga geplant. Wäre das gut gegangen?

Ich hätte nicht Nein gesagt. Aber ich seh’s realistisch: Ich weiß nicht, ob für mich recht viel mehr als Oberliga drin ist. Es muss Sinn machen, ich muss konstant gutes Niveau abliefern. Ich will meiner Mannschaft ja etwas nützen. Die soll nicht jedes Mal zittern müssen, wegen mir zu verlieren.

Was wollen Sie mit den Löwen erreichen?

Den Meistertitel zu verteidigen, wird schwierig. Bisher gab es schon einige Spiele, in denen ich nicht viel zu gewinnen hatte. Aber ich gehe davon aus, dass wir die Play-offs erreichen, und da möglichst weit kommen. Auf diese Zeit freue ich mich, ich hab’ noch nie richtig Play-offs gespielt. Jetzt will ich erst einmal eine gscheite Saison abliefern.

Als Nummer Eins im Tor?

Ich bin der einzige feste Torhüter im Kader, deshalb sehe ich mich schon als Nummer Eins. Aber da möchte ich kein Urteil drüber fällen. Ich muss auch nicht jedes Spiel machen. Aber ich würde mich ärgern, wenn ich kein Spiel machen würde, wie der Jimmy gerade. Förderlizenzen sind nicht unbedingt ein Vorteil für junge Torhüter, weil sie oft nur zwischen den Vereinen hin- und hergeschoben werden. Es gehört schon Glück dazu, in eine Mannschaft fest reinzurutschen.

Sie sind auch National-Torhüterin. Was sind Ihre Ziele mit der Mannschaft?

Die Qualifikation für Olympia 2014 ist ein sehr großes Ziel für mich. Bei den Spielen war ich leider noch nie dabei, und jetzt ist es wahrscheinlich die letzte Chance. Die Weltmeisterschaft im April ist auch etwas Besonderes.

Wie ist es als einzige Frau in der Höhle des Löwen, in der Kabine?

Wir sind eine recht gesittete Mannschaft. Man muss sich das eher wie das Verhältnis unter Arbeitskollegen vorstellen.

...Aber am normalen Arbeitsplatz wird in der Regel nicht geflucht, gefeiert, man geht nicht Duschen und läuft anschließend nackert herum...

Ja gut, ich dusche schon woanders. Das, was ich auf der Haut trage, ziehe ich woanders um. (lacht) Das brauche ich ja nicht zu erklären. Die Männer kümmern sich relativ wenig darum, wenn ich da bin, die ziehen sich ganz normal in der Kabine um.

Und Sie schauen dann einfach weg...

Genau. (lacht) Oder auch nicht.

Gibt’s Probleme?

Nein, ich gehöre zur Mannschaft, deswegen sitze ich auch mit in der Kabine. Auswärts muss ich halt schauen, dass ich irgendwo eine Dusche herbekomme.

harrer

Bilder der Löwen-Torfrau Viona Harrer

Bilder der Löwen-Torfrau Viona Harrer © Uwe Vaders
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Muss man zum Mann werden, um bei den Männer-Witzen mitreden zu können?

Der Humor von Frauen und Männer ist schon unterschiedlich. Es kann schon sein, dass man auch mal selbst blöde Witze reißt. Man wird geprägt in der Männer-Kabine. Und man wird weniger empfindlich. Es wird aber auch einfach über verschiedene Sachen geredet. Manches ist interessant, manches geht da rein und da raus. Wie im normalen Leben auch.

...aber auch im normalen Leben ist eine Frau unter 25 Männern nicht alltäglich.

Aber es ist eher von Vorteil für die Frau. Da wird man vielleicht sogar rücksichtsvoller behandelt.

Können Sie Torfrau im Männerteam empfehlen?

Man sucht sich das ja nicht aus. Man will eine Herausforderung. Im Nachwuchs spielt man zusammen. Im Feld trennen sich die Wege früher als im Tor. Aber wenn man als ehrgeiziger Sportler immer auf dem höchsten Niveau spielen will, landet man als Frau eben in der Männer-Oberliga. Da, wo man am meisten gefordert wird.

Die höchste Frauen-Spielklasse, die Bundesliga, ist Ihnen zu langweilig?

(zögert) Es ist langsamer, anders. Man kann Frauen- und Männer-Eishockey nicht vergleichen. Wenn man das Tempo bei den Männern gewohnt ist und die Schüsse, dann ist Frauen-Bundesliga, naja, langweilig möchte ich nicht sagen. Männer-Oberliga ist die größere Herausforderung für mich. Bei den Frauen sind die Schüsse langsamer, flattern mehr, es gibt mehr Abpraller, man hat mehr Zeit.

Frauen-Bundesliga ist also keine Option?

Nicht, solange ich bei den Männern spielen kann. Aber per Doppellizenz habe ich schon Frauen-Bundesliga gespielt: Heuer die zwei entscheidenden Spiele für Planegg - wir haben den Deutschen Meister-Titel geholt. Jetzt ist es keine Option mehr. So ewig lange werde ich nicht mehr Eishockey spielen.

Gibt es irgendjemanden, dem Sie nacheifern, ein Vorbild?

Wenn ich jemanden nennen muss: Oliver Kahn (ehemaliger Torhüter des FC Bayern München). Der war voll drin in seinem Sport, hat immer alles gegeben, manchmal ist er eben ein bisschen ausgetickt.

(Nick Scheder)

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