Das Eishockey-Interview, das Russland beschäftigt

+
Einer der teuersten Eishockeyspieler der Welt: Artemi Panarin. 2017 war er mit Russland Weltmeister. In der kommenden NHL-Saison wird er 11,6 Millionen Dollar verdienen.

NHL-Star Artemi Panarin war bis vor zwei Jahren ein gänzlich unpolitischer Mensch - nun kritisiert er in einem ausführlichen Interview Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Panarin redet auch offen über Geld - und über Trunkenheitsphasen im Sommer

München – Dass es so etwas noch gibt heutzutage: Reicher und berühmter Sportler gibt ein Interview in seiner Wohnung. Öffnet für die Kamera alle Türen, führt durch die Zimmer inklusive Bad und Ankleide, preist die Vorzüge von Ikea-Möbeln und verrät, was die Immobilie gekostet hat. Geld ist kein Tabuthema für ihn. Gerade hat er einen neuen Vertrag abgeschlossen: 11,6 Millionen Euro wird er in der nächsten Eishockey-Saison verdienen. Bei den New York Rangers. Die hatten 11,0 geboten. „Doch ich habe zu meinem Agenten gesagt: Presse sie aus, wie es nur geht. Ich will dorthin.“ Das können die New Yorker ja auch hören und sehen, das Gespräch, eine Stunde lang, steht auf Youtube. Die Abrufe nähern sich der Million.

Der da so offenherzig spricht, ist Artemi Panarin. Einer der aufregendsten russischen Eishockeyspieler. 27 Jahre alt, famoser Techniker, schnell, nicht der Typ Koloss auf Kufen (1,80 m, 76 kg). Seit vier Jahren stürmt er in der NHL, schießt um die 30 Tore pro Saison, den Sommer verbringt er in St. Petersburg. Mit dem Portal sport.ru traf er sich also in lockerer Atmosphäre, Panarin ist barfuß, der Interviewer ebenfalls. Das Frage-Antwort-Spiel der beiden wühlt Russland nun auf. Weil es politisch wird. Obwohl Panarin, der Eishockeystar, ein gänzlich unpolitischer Mensch ist.

Er ist gerade in diesen Tagen im Party-Modus. Er sagt, er brauche das in den Monaten außerhalb der NHL-Saison: Feiern, trinken. In St. Petersburg wird es nicht dunkel, es sind die „Weißen Nächte“, die Brücken sind hochgezogen, Artemi kehrt irgendwann am Morgen – ordentlich angeschickert – von seinen Touren zurück. Seine Freundin Alissa hat er nach Riga geschickt, zu ihren Eltern, er braucht seine Freiräume.

Ja, Panarin ist ein Hallodri. Er beichtet, dass er immer noch nicht richtig Englisch kann. „Zu meinen Clubs in der NHL habe ich immer gesagt, dass ich Unterricht nehme. Tatsächlich habe ich auf der Playstation gezockt.“ Er hat in Chicago und Columbus, wo er bislang spielte, eine ausführliche Ticket-Historie geschaffen: für Raserei („Ich bin mit 120 Meilen an meinen Teamgefährten vorbeigerauscht, die fuhren mit 90 auch schon zu schnell“) und falsches Parken. Er sagt, er sei geläutert, halte sich an die Vorschriften. Er hatte noch einen gewissen Hang zur Gesetzlosigkeit in sich.

Das ist der Übergang. Er kann die Länder vergleichen, in denen er lebt: USA vs Russland. Er erlebt den Unterschied: „In Amerika kannst du eine Einladung ins Weiße Haus ignorieren.“ Doch könne man Wladimir Putin absagen?

Bis vor zwei Jahren hat Panarin sich auf Eishockey konzentriert und „keine Nachrichten gelesen“. Dann wurde er sensibilisiert durch das, was er in Russland sah: Rentner, die betteln müssen, Demonstranten, die bestraft werden dafür, dass sie auf die Straße gehen. „Es gibt keine Meinungsfreiheit.“ Das Volk werde zugedröhnt von Putins Propaganda: „Wenn du 24 Stunden ,Channel One’ schaust, musst du denken: Alle sind Arschlöcher, nur wir nicht.“ Panarin findet: Putin ist zu lange an der Macht, es hat sich in 19 Jahren nichts verbessert. Es ist falsch, ihn für einen Übermenschen zu halten („Millionen leben in Russland. Warum sollte er der Beste sein?“). Und man muss Putin hassen können, ohne deswegen Russland-Hasser zu sein. Jedenfalls: „Ich bin kein amerikanischer Agent.“ Und nein: Artemi Panarin wird auch keine Oppositionsarbeit betreiben. Bald ist ja auch wieder Eishockey. Dann hat er eh zu tun.

Dass im Eishockey staatskritische Gedanken keimen, das hat eine Geschichte. Vor dreißig Jahren ging der ZSKA-Moskau-Stürmer Igor Larinow im Magazin „Ogonjok“ („Flämmchen“) das Establishment an; er wollte damit die Freigabe der besten sowjetischen Spieler für die NHL erzwingen. Das gelang ihm.

Doch die jetzige Generation erscheint Putin-treu. Vor allem Superstar Alex Owetschkin (Washington) ist dicke mit dem Präsidenten, der gerne auch selbst aufs Eis geht, um seine Juvenilität zu demonstrieren. Aus Reihen der „Sbornaja“ ist Panarins Kritik an Putin der erste Angriff.

Und auch darum ist, was er sagt, brisant: Seine Lebensgefährtin Alissa ist die Tochter von Ex-Nationaltrainer Oleg Znarok (der aus seiner Zeit als Spieler in Landsberg und Freiburg auch einen deutschen Pass hat) – und wenige Wochen nach Olympia-Gold 2018 gefeuert wurde. Als Vereinstrainer war Znarok mit Putins Club SKA St. Petersburg im Halbfinale der Ligen-Meisterschaft ausgeschieden.

Quelle: Merkur.de

Auch interessant:

Meistgelesen

Eishockey - ein Fall für Ingo Lenßen
Eishockey - ein Fall für Ingo Lenßen

Kommentare