Nach dem Olympia-Wunder: Unsere Serie

Eishockey in Deutschland: Trainer, die den Boden beben lassen

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Natürliche Autorität: Marco Sturm, Trainer des Silber-Teams – auch ohne große Berufserfahrung. 

Die Nationalmannschaft erlebt tiefste Tiefen, dann folgt ein Höhenflug - wie kommt es zu diesen steten Wechseln.

München– 2018 war die Entschädigung für vieles in der deutschen Eishockey-Geschichte. Der Ausgleich dafür, dass unter „Olympische Spiele 2014“ nichts steht.

Fünf Jahre erst ist es her, dass die deutsche Nationalmannschaft ihren tiefsten Tiefpunkt erreicht hatte. In Bietigheim-Bissingen. Die Gegner waren Niederlande, Italien, Österreich. Das Qualifikationsturnier für Sotschi 2014. Man hätte es gewinnen müssen. Das gelang nicht. Feixend fuhren die Österreicher von dannen, die Wiener Zeitungen höhnten in Richtung der Deutschen: „Euer Eis-Cordoba.“

Und das knapp drei Jahre nach der Heim-WM 2010. Eröffnungsspiel auf Schalke vor 80 000 Zuschauern, Halbfinale, Platz vier, Torwart Dennis Endras bester Spieler des Turniers. Alles festgehalten auf DVD: „17 Tage im Mai.“

Wie kann es sein, dass sich die Nationalmannschaft im steten Wechsel befindet zwischen Abstiegsgefahr und Anschluss an die Weltklasse? Wie kommt es dazu, dass auf Begeisterung verlässlich Frustration folgt?

Die Nationalmannschaft ist immer Endverwerter. Sie ist angewiesen auf die Vorleistung in den Vereinen und Ligen, auf die Spieler, die dort ausgebildet werden. Sie ist zudem davon abhängig, welche dieser Spieler ihr dann auch zur Verfügung stehen. Der Star, der es nach Nordamerika in die NHL geschafft hat, kann in der Regel nicht zur WM kommen, weil er da mit seinem Team noch in den Playoffs steht. Und nach einer Saison mit über 70 Pflichtspielen sind auch DEL-Akteure Ende April körperlich und geistig einfach durch und mögen sich nicht noch aufraffen zu einem Turnier, bei dem die Anforderungen noch höher sind als in der Liga. Der langjährige Nationalspieler Tino Boos, heute bei der DEL zuständig für die Bearbeitung von Disziplinarfällen, sagte, er habe am Ende der Saison immer überlegt, „ob noch Lust da ist auf eine WM“.

Und oft spielt auch der Bundestrainer eine Rolle. Schafft er es, die Spieler in die Verantwortung zu nehmen für die Nationalmannschaft?

Ein Großmeister der Überzeugung war Xaver Unsinn, der Ur-Trainer des Nationalteams in weiten Teilen der 70er- und 80er-Jahre. Man spielte beständig in der A-Gruppe, die anfangs sechs, dann acht Länder umfasste (inzwischen sind es 16). Er konnte Spieler in die Wehrlosigkeit reden – sie kamen dann halt. Das jährliche Kämpfen gegen den Abstieg in die B-Gruppe kostete Überwindung für die, die in der Bundesliga Stars waren: Zum Saisonabschluss mussten sie sich auf internationale Niederlagen und Kritik einstellen. Lukrativ war das nicht. Gerd Truntschka rechnete mal aus, im Monat, den er an die Saison dranhänge, verdiene er „schlechter als ein Hilfsarbeiter“.

In den 90ern verpflichtete der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) nacheinander zwei Trainer, die mit ihren Heimatnationen schon Weltmeister geworden waren: Unter dem Tschechen Dr. Ludek Bukac und dem Kanadier George Kingston setzte das Nationalteam zu Höhenflügen an – die aber kurz blieben. Unter Bukac spielte man eine starke Heim-WM 1993 (Platz fünf), doch kam ein Jahr später nicht mehr ins Viertelfinale. Mit Kingston schaffte das DEB-Team 1996 die Qualifikation für den World Cup of Hockey in Nordamerika, aber 1998 ging der über Jahrzehnte gesicherte Platz in der A-Gruppe (bei bereits zwölf Nationen) verloren. Die neue Realität hieß: Zweitklassigkeit. Nach dem Bosman-Urteil von 1995 fehlte es an deutschen Spielern.

Den Wiederaufbau des Nationalteams erledigte Hans Zach: aus den Tiefen der B- zurück ins Viertelfinale der A-Gruppe. Unter dem Tölzer zeigte sich, dass die Auswahlmannschaft am besten funktioniert, wenn an ihrer Spitze ein glaubwürdiger Trainer steht. Einer, der keinen Job erledigt, sondern eine Mission. Der Antrieb für die Spieler war, in der Nationalmannschaft Zeichen zu setzen: Warum werden uns in der Liga immer wieder drittklassige Ausländer vor die Nase gesetzt? Es ging um die Arbeitsplätze.

Seit der Ära Zach lässt sich sagen: Bessere Zeiten erlebte die Nationalmannschaft mit deutschen Chefs, weniger gut läuft es unter der Leitung ausländischer Trainer, auch wenn sie wie Greg Poss (2004/05) oder Pat Cortina (2012 bis 15) aus der Liga kamen. Der größe Flop war der Schweizer Jakob Kölliker (2011/12), der eines der schlimmsten WM-Spiele aller Zeiten zu verantworten hatte: eine 4:13-Niederlage gegen Norwegen. Nach einer halben Stunde stand es 0:9. Und bei Cortina sagten am Ende zwanzig Spieler für die Weltmeisterschaft ab.

Unter Uwe Krupp (2005 bis 11) gab es auch Negativerlebnisse, doch die Gesamtbilanz des ersten deutschen Stanley-Cup-Siegers war positiv. „Wenn er die Kabine betritt, bebt der Boden“, umschrieb Franz Reindl, seit 1991 im DEB tätig und seit 2014 Präsident des Verbands, die Wirkung des NHL-Helden Krupp.

Ähnlich ist der Effekt bei Marco Sturm, der in der NHL deutscher Rekordspieler war. Er leitet die Nationalmannschaft ohne Vorerfahrung als Trainer, aber mit natürlicher Autorität. Trainer zu sein, hatte Hans Zach einmal gesagt, sei eine Sache der Persönlichkeit. Hat man oder hat man nicht.

Sturm ist mit 19 und marginalen Englisch-Kenntnissen aufgebrochen ins Abenteuer NHL, viele warnten, das sei zu früh, er werde im Farmteam landen. Sturm widerlegte alle, legte eine Riesenkarriere mit über 1000 Profi-Spielen hin. Er reifte. Darüber, dass er bei der ersten Reise nach San Jose seinen Landshuter Mitspieler Christian Künast (mittlerweile sein Schwager und Co-Trainer) als Dolmetscher mitnehmen musste, schmunzelt er mit einem „Ja, ist aber lange her“.

Von Florida ist Sturm mit Familie vor einem Jahr wieder fest nach Landshut gezogen, doch hält Kontakt zu den deutschen Spielern in den amerikanischen und kanadischen Ligen. „Wenn Marco bei einem NHL-Klub anruft, dann kennt man ihn auch“, sagt DEB-Boss Reindl.

Was Sturm in seinem Trainer-Job noch zu schaffen macht, ist das Selektieren einer Mannschaft – wenn aus einem vorläufigen ein endgültiger Kader wird und er einigen Spielern sagen muss, dass sie nicht mitfahren zum nächsten Turnier.

Für die, die er auswählt, tut Sturm dann aber wirklich alles. Aktueller Liebesbeweis: Zusammen mit seinen Co-Trainern verzichtete er beim Zehn-Stunden-Rückflug aus Südkorea auf die ihnen zustehenden Plätze in der Business Class. Er setzte sich mit seinen Kollegen in die Economy und überließ die bequemeren Sitze den Spielern, die schon am Mittwoch wieder für ihre Klubs aufs Eis gehen müssen.

Charaktersache.

Morgen

Zum Abschluss unserer Serie: Das deutsche Eishockey hat immer noch jede Menge Probleme – allerdings auch schon einige Lösungen.

Quelle: Merkur.de

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