Nach dem Olympia-Wunder: Unsere Serie

Eishockey in Deutschland: Olympia-Silber soll die Kids locken

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Der zufriedene Präsident: Franz Reindl – zugeschaltet ins Aktuelle Sportstudio. 

Schwacher Nachwuchs, mit Ausländern überladene Klubs - auch nach Pyeongchang bleiben reichlich Probleme

München– Franz Reindl war im Juli 2014 zum Präsidenten des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) gewählt worden – und er versprach: Wir werden reden.

Das geschah dann einige Wochen später, an Allerheiligen, einem Samstag im Leonardo-Hotel am Münchner Olympiapark. Der „Dialogtag des deutschen Eishockeys“.

Die Funktionäre, Trainer, viele ehemalige Nationalspieler waren gekommen, um sich Vorträge anzuhören und sich in Workshops auszutauschen. Hans Zach verschob den in Bayern an diesem Tag üblichen „Besuch am Grab“ auf die späteren Stunden des Tages, die ehemalige NHL-Größe Uwe Krupp setzte sich interessiert mit den Sorgen des kleinen EHC Klostersee auseinander. Einige stritten auch beherzt – wie Ernst Höfner, der damalige Sportdirektor des Verbands, und Rupert Meister, der engagierte Nachwuchstrainer des EV Landshut („Sei mir net bös, Ernst, aber. . . „).

Nach einem durchdiskutierten Tag brummte allen der Schädel – doch man war’s zufrieden: ein Anfang. Vielleicht bessert sich was. An ein traumhaftes Erlebnis wie die Olympischen Spiele 2018 dachte 2014 natürlich niemand.

Die Nationalmannschaft als Aushängeschild hat das Image des deutschen Eishockeys massiv verbessert. Unter Marco Sturm, der 2015 ins Amt des Bundestrainers und General Managers kam (am 1. November 2014 war diese Personalie noch nicht absehbar), gab es fast nur Erfolge.

Die Gefahr im Silber von Pyeongchang liegt aber darin, dass es den Blick auf die Probleme verstellen könnte.

Das größte: der Mangel an deutschen Spielern. Eine Auswertung des Portals eliteprospects.com zeigt: Die DEL hat unter den Eishockey-Ligen den zweithöchsten Anteil an ausländischen Spielern: 46 Prozent, ihr Unterbau, die DEL2, steht mit 31,2 Prozent an sechster Stelle weltweit. Die Spitzenplätze gehören Ligen ohne internationale Bedeutung – wie der britischen (65,1 %), der hauptsächlich österreichischen EBEL (42,1 %) oder der französischen (39,2 %). Starke Ligen wie NHL (28,3 %), schwedische SHL (23,7 %), Schweizer Nationalliga A (23,7 %), osteuropäische KHL (21,5 %) und die finnische Liiga (12,7 %) sind weniger bis kaum überfremdet.

Die deutschen Ligen sind das Paradies für eingebürgerte Spieler von überall her, die Kontingente für „transferkartenpflichtige Spieler“ sind mit die üppigsten in Europa. Doch nur dank dieser Quellen sind die kleineren DEL-Klubs wettbewerbsfähig, die aktuellen Nationalspieler verteilen sich auf wenige Vereine. Für Aufsehen sorgt gerade der Fall der fünftklassigen (und es gibt nur sechs Liga-Stufen) Kissinger Wölfe aus Unterfranken, die im Wesentlichen russische Spieler beschäftigen.

Es gibt ein Nachwuchsproblem in Deutschland. Die Junioren-Liga, die DNL, ist nicht stark genug, dass ein Spieler sofort zu den Profis hochgezogen werden könnte. Die besten DNL-Spieler haben die Oberliga im Kreuz, über die der Landshuter Nachwuchs-Cheftrainer Rupert Meister aber sagt: „Sie ist durch die vielen älteren Spieler zu langsam.“ Auch Bundestrainer Marco Sturm vertritt die Auffassung, dass ein ambitionierter junger Spieler in einer nordamerikanischen Juniorenliga mehr lernt.

Sturm hat die Ohnmacht selbst erleben müssen. Traditionell fungiert der Bundestrainer der A-Nationalmannschaft bei der U 20 als Assistent. Der deutsche Elitenachwuchs hängt – auch mit Sturm an der Bande – seit nunmehr drei Jahren in der B-Gruppe fest. Das zudem, obwohl etliche Spieler in der Red-Bull-Academie in Salzburg die besten Trainingsbedingungen vorfinden.

Der Getränkekonzern aus Österreich ist einer der großen Geldgeber im Eishockey. Neben dem Amerikaner Phil Anschutz (Berlin), der Hopp-Dynastie und SAP (Mannheim), dem Schmuckhändler Thomas Sabo (Nürnberg). Doch für alle ist Eishockey ein Zuschussgeschäft. Max Fedra, lange als Manager in der DEL tätig (Landshut, München, Augsburg), sagte: „Es kommt der Punkt, an dem der Gesellschafter zuschießt. Oder sich erschießt.“

Alle müssen sparen im Eishockey. Klubs, die ihre Spieler nur in den Wintermonaten beschäftigen (und sie bitten, sich im Sommer halt arbeitslos zu melden) oder an den Wochenenden Gewalttouren nächtens im Bus zurücklegen, weil Flug und Hotelübernachtung zu teuer wären. Beim DEB in München geht Arbeit weit über den Büroalltag hinaus. Wenn man mal sieht, zu welchen Uhrzeiten Pressesprecherin Ronja Jenike ihre Meldungen verschickt . . . Sie spielt Eishockey, als sie voriges Jahr bei der WM mit der Frauen-Nationalmannschaft Platz vier belegte, musste sie auch gleich selbst die Medien informieren. Das Eishockey-Geschäft wird vom Enthusiasmus derer getragen, die dem Sport verbunden sind. Von den Strukturen des Fußballs ist Eishockey weit weg.

Doch Verbesserungen sind auf den Weg gebracht worden: Die DNL soll durch eine neue Altersstruktur ein höheres Niveau bekommen, die DEL unterstützt die Nationalmannschaft mit rücksichtsvollerer Terminplanung, logistisch, personell. Und Franz Reindl hat für den DEB das Ziel verwirklicht, dass die Einnahmen in den Sport fließen. Es wurden Trainer eingestellt, die zu den Klubs in die Nachwuchsabteilungen gehen. Die Leute vom DEB kommen nun auch früher an die Talente heran, die vor der Reform unter die Hoheit der oft nicht sonderlich kompetenten Landesverbände fielen. Profiliga und DEB, nach der Abspaltung der DEL vor über zwanzig Jahren getrennt unterwegs, haben zueinandergefunden. Allein der Übergang von DEL2 zur DEL funktioniert nicht. In der Auf-/Abstiegsfrage müssen Schiedsstellen entscheiden.

Olympia-Silber und die Begeisterung rund ums Nationalteam kommen unerwartet, die Vision des deutschen Eishockeys heißt „Powerplay26“. In acht Jahren will man ernsthaft um Medaillen mitspielen. „Die Spieler“, sagt Reindl, „gibt es jetzt ja schon. Wir müssen sie ausbilden.“

Aber mit dem Schub von Pyeongchang kann man auch zehn, zwanzig Jahre weiterblicken. Darum ist aus Sicht von Marco Sturm der höchste Effekt, den Olympia erzielen kann, „dass die Kids zum Eishockey gehen, weil sie erkannt haben: Das ist ein geiler Sport.“

Quelle: Merkur.de

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