Nach dem Olympia-Wunder - unsere Serie:

Eishockey in Deutschland: Interviews in jeder Lage

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Spiel unterbrochen – Interviewzeit: In jedem DEL-Spiel üblich (wie hier bei Straubing – München). 

Teil 1: Wie der Sport seit Jahrzehnten um Öffentlichkeit kämpft - und nun auf einmal bekommt er sogar „Post von Wagner“

München– Deutschland wunderte sich. Die Eishockeyspieler gingen in die Kabine, um sich zu sammeln für die Verlängerung im olympischen Finale, gerade hatten sie ein Gegentor gefangen, Gold war ihnen aus den gepolsterten Handschuhen geglitten. Darf man sie jetzt ansprechen?

Der Fernsehreporter in Pyeongchang tat es, griff sich Dominik Kahun. Der Stürmer hielt an, schob den Helm nach hinten und sprach ein par Sätze. Analytisch, freundlich. Dann nahm er wieder Entschlossenheit auf und stapfte in die Kabine.

Im Fußball wäre es undenkbar, dass man einen Akteur interviewen kann, noch während das Match läuft. Erst nach dem Spiel geht was, und da sollte die Frage sorgsam abgewägt werden, damit einen nicht wie bei der WM 2014 Per Mertesacker den ZDF-Mann Boris Büchler gedanklich in der Eistonne versenkt („Was wolln Se?“).

Eishockey ist anders. Der Sport muss sich öffnen, damit ihn die Medien wahrnehmen. Schon in den 70er-Jahren ließ sich Schiedsrichter-Legende Jupp Kompalla verkabeln, damit man mal die Dialoge mit den Spielern während eines Matches hörte. Auch Servus TV, das viel später für vier Jahre (2012 bis 16) Partner der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) war, verlangte pro Mannschaft einen „Cable Guy“, Spieler oder Trainer, dessen Bemerkungen aufgezeichnet und ausgestrahlt wurden. Auch das Interview an der Bande, wenn gerade eine Unterbrechung war, wurde vom österreichischen Sender eingeführt, Telekomsport als Inhaber der Rechte seit 2016 hat es übernommen.

„Der Eishockeyspieler an sich“, sagt Rick Goldmann, „ist zutraulich“. Goldmann war selbst Nationalspieler, heute betreibt er Reha-Praxen in München und arbeitet in seiner Freizeit als TV-Experte. Die Fußball-Erklärer der Nation könnten froh sein, solch ein Standing bei den Zuschauern zu haben wie Goldmann: Er ist absolut unumstritten, man hört nie ein „Der schon wieder“. Mit seinen Sport1-Kollegen Basti Schwele und Sascha Bandermann war er für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Boris Becker gewann ihn schließlich in der Sparte Sport, doch am Eishockey-Tisch soll es am spaßigsten gewesen sein.

Goldmann sah es vor dieser Saison als große Chance fürs Eishockey, dass der Fußball den maßlosen Transfer des Brasilianers Neymar getätigt hatte: 222 Millionen Euro Ablöse, irre. Aber: Da könnte dieses bodenständige Eishockey, in dem die guten Spieler in Deutschland niedrig sechsstellig verdienen, ein Kontrast sein. Ist er im Moment auch – allerdings vor allem, weil die Nationalmannschaft mit dem Silber-Gewinn bei den Olympischen Spielen vorgelegt hat.

In den Wochenendzeitungen war Eishockey überall auf Seite eins. Hatte es das schon mal gegeben?

Einmal, ja. Das ist über 30 Jahre her. Damals schloss der ECD Iserlohn in finanzieller Not einen Sponsorenvertrag mit dem libyschen Revolutionsführer Gaddafi ab. Für eine halbe Million US-Dollar musste der Klub mit Trikotwerbung für die Revolutionsschrift „Das grüne Buch“ auflaufen. Empörung in der Politik. Bundesinnenmnister Friedrich Zimmermann drängte seinen Jagdfreund Otto Wanner, den Präsidenten des Deutschen Eishockey-Bundes, einzuschreiten. Die Werbung wurde verboten, Iserlohn ging pleite.

Eine große Geschichte, Eishockey war in den Schlagzeilen, den negativen. Bundesweite Beachtung ergab sich eben immer nur bei Skandalen, oder schaurigen Rekorden. David Wolf kennt das. Er ist einer der Silber-Helden von Pyeongchang. Vor vier Jahren war er der Brutalo, der geächtet werden musste: Er hatte in einem Playoff-Spiel dem Ingolstädter Benedikt Schopper mit einem Fausthieb sechs Zähne ausgeschlagen.

Dass Eishockey mehr als die übliche Beachtung als eine der besseren Randsportarten erfuhr, war auch 2008 der Fall. Und der Anlass ein trauriger: Nationaltorwart Robert Müller machte publik, dass sein Tumor im Hirn nicht operabel sei und er nicht mehr lange zu leben habe. Trotzdem versuchte er weiter zu spielen. Das öffentliche Sterben eines Spielers führte zu einem Medien-Run auf Partien mit Müller – und wohl war der Eishockeyszene dabei weiß Gott nicht.

Eishockey war nie richtig groß in den Medien. Viele glauben sich zu erinnern an ausufernde Übertragungen bei ARD und ZDF. Was stimmt: Es gab prominente Reporter beim Eishockey, das ZDF etwa schickte in den 80er- und 90er-Jahren Marcel Reif und Günter-Peter Ploog zum Eishockey, das Erste Fritz von Thurn und Taxis und Jochen Sprentzel. Doch die Sendezeit war überschaubar. Ein Plus war, dass Eishockey in der (längst abgeschafften) Freitagabendsendung mit einer Spielzusammenfassung zum Zug kam.

Mit Einführung der DEL wurde es zum Fall für die Fachsender. DF1, Premiere/Sky, Sport1, ein bisschen Eurosport, Servus TV, Telekom, die Reise in zwei Jahrzehnten. Nennenswert dotiert sind die Verträge nicht, ein Verein kann vielleicht zwei Spieler aus diesen Erlösen finanzieren.

Die Klubs versuchen inzwischen, sich in der Medienarbeit einen professionellen Anstrich zu geben und den Umgang der Spieler mit Journalisten zu kontrollieren. Mediengeschult sind die Spieler aber noch nicht, viele antworten auf Fragen nicht mit Floskeln, sondern gnadenlos ehrlich: Felix Schütz etwa, Erdinger Weltenbummler, Mitglied des Silber-Teams, verheimlicht nie, mit welchen Klubs er verhandelt und wann sein Vertrag ausläuft. Und nach dem verlorenen Olympia-Finale sagte er: „Ich freue mich für die Russen, sie probieren es schon so lange. “

Jetzt ist gerade Medien-Hype, die Eishockeyspieler wurden sogar vom Bild-Poeten Franz-Josef Wagner adressiert – als Gegenmodell zu den „parfümierten Bademantel-Männern“ aus den #metoo-Anklagen. Nun ja.

Die Szene nimmt derlei Aufmerksamkeit eher belustigt hin. Und auch mit gesunder Skepsis, wie lange das alles anhält. Co-Trainer Christian Künast weiß, dass sich das deutsche Eishockey nach guten WM-Turnieren schon öfter dem medialen Durchbruch nahe wähnte. „Erst mal sehen, ob wir was daraus machen“, sagt er.

Morgen

Warum die Nationalmannschaft zwischen tiefsten Tiefen und Höhen wie jetzt wandelt.

Quelle: Merkur.de

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