Wie das Eishockey drüben wirklich war

„Mehr als Berlin gegen Weißwasser“

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Nach der Wende im Westen ein bekannter Schiedsrichter: Peter Slapke, einer der größten Spieler im DDR-Eishockey.

Peter Slapke, 70, hat die Sportart Eishockey durchgespielt. Er war Nationalspieler, Trainer, Spitzenschiedsrichter. Und er war mittendrin in der deutschen Geschichte: Seine erste sportliche Karriere machte er in der DDR, die zweite im Westen. Wir besuchten ihn in Gaißach bei Bad Tölz.

Unsere westliche Vorstellung vom DDR-Eishockey war: Es gab nur zwei Teams, Weißwasser und Dynamo Berlin, und die spielten die ganze Saison gegeneinander.

Stimmt überhaupt nicht. Bis 1970 waren wir acht Mannschaften, da war Rostock dabei, Karl-Marx-Stadt, TSC Berlin, Crimmitschau, Erfurt, Dresden. Wir haben Meisterschaftsrunden und Pokale ausgespielt. Das DDR-Eishockey war gut. 1970, bei meiner ersten A-WM in Schweden, sind wir Fünfter geworden – dann kam der Leistungssportbeschluss. Nicht mehr gefördert wurden Moderner Fünfkampf, Ski alpin, Feldhandball, Wasserball, Military, wir.

Was bedeutete es, als Sportart nicht mehr gefördert zu werden?

In Standorten wie Chemnitz und Crimmitschau ist kein Geld mehr geflossen, die mussten zusehen, wo sie Material herkriegten und wie sie zu Eiszeiten kamen. Die Eisstadien sind verkommen. Die guten Spieler wurden wegdelegiert. Es gab noch eine DDR-Bestenermittlung – aber nicht lange. Hobbyniveau.

Dynamo Berlin und Weißwasser überlebten aber.

Dynamo unterstand dem Ministerium für Staatssicherheit, wir in Weißwasser waren Polizei – wir beide haben das volle Programm bekommen. In Weißwasser hatten wir ein Internat mit Sauna, mit zwei Physiotherapeuten, wir haben im Verein gefrühstückt und zu Mittag gegessen, haben Top-Material aus dem Westen bekommen. Es war profihaft. Wir haben sechzig Spiele pro Saison gemacht, nicht nur gegeneinander. Wir haben gegen sowjetische und tschechische Clubmannschaften gespielt, waren im Europacup.

Trotzdem: Um die DDR-Meisterschaft spielten nur zwei Clubs. Wie war ihre Rivalität?

Brutal. Die waren Hauptstadt, wir waren Provinz. Unter uns Spielern war das Verhältnis in Ordnung, im Nationalteam mussten wir uns vertragen. Seitens der Zuschauer ging es aber ab. Man muss sich das System der Versorgung in der DDR vor Augen halten: Es kam immer zuerst Berlin. Im politischen Kampf gegen Westberlin musste man was bieten, darum hat man vieles in Ostberlin reingesteckt. Dann kamen die Bezirks- und am Ende die Kreisstädte. Wollte man Adidas-Schuhe, musste man in die Hauptstadt. Da gab es, wenn eine Lieferung kam, übertrieben gesagt, eine Million Paar, in Dresden tausend, in Weißwasser hundert.

Weißwasser hatte ein legendäres Freiluftstadion. War es immer voll?

Wenn Länderspiele waren, gegen Kanada, die UdSSR, und manchmal gegen Berlin schon, da kamen bis zu 12 000 Zuschauer. Sonst waren es 6000 bis 10 000.

Wie kam es eigentlich, dass die Kanadier ab und zu in der DDR spielten?

Obwohl wir nicht anerkannt waren vom Deutschen Turn- und Sportbund: Zwischen dessen Chef Manfred Ewald und Willy Daume auf westdeutscher Seite gab es gute Beziehungen, die international wohl manches ermöglicht haben. Da ging dann schon mal eine schöne Vase aus Meissener Porzellan rüber.

Wie war es mit Reisen?

Wir hatten ein Kontingent. Als Club durften wir zweimal im Jahr ins kapitalistische und fünfmal ins sozialistische Ausland. Unser Reisepass hat für die Einreise nach Österreich, Schweiz, Schweden, Finnland gegolten, aber nicht für NATO-Länder wie Norwegen. Da mussten wir mit dem Bus nach Westberlin, bekamen dort einen Pass.

Gab es fürs Eishockeyspielen Geld?

Wir sind nach Dienstgrad bezahlt worden, waren gleich besoldet wie ein Streifenpolizist oder Kripobeamter. Warst du Nationalspieler, bist du schneller befördert worden. Ich habe 800 bis 1000 Mark verdient, die Miete betrug 75 Mark, eine Semmel kostete fünf Pfennig. Einmal bekamen wir Prämien, nach Platz fünf bei der WM 1970. Es gab drei Gruppen: 5000, 4000, 3000 DDR-Mark. Es kam ein Herr aus Berlin, der die Spieler nacheinander in sein Auto bat, hundert Meter weiter in den Wald fuhr und ein Kuvert übergab: „Genosse Slapke, Sie sind Gruppe 2. Ich übergebe 4000 Mark. Unterschreiben Sie. Aber das Geld bitte nicht auf die Bank schaffen und bitte nicht alles auf einmal ausgeben, damit es nicht auffällt.“

Was war das Geld wert?

Für 3500 Mark konnte man einen Farbfernseher kaufen. Ein Auto kostete 20 000, wir mussten nur drei bis fünf Jahre warten statt 15. Wir Spieler sind nicht reich geworden, haben aber gut gelebt.

Kamen Sie an Devisen?

Wenn wir drei Tage in Norwegen waren, haben wir 30 Westmark bekommen. Was hast du gemacht? Für Kinder und Frau Schokolade mitgebracht. Oder du hast gesammelt und bei der WM was Größeres gekauft. Kassettenrecorder, Fernseher, gute Textilien – was bei uns Mangelware war. Das haben sie an der Grenze durchgelassen. Allergisch waren sie bei der Kontrolle bei Schallplatten und Pornoheften – wurde man damit erwischt, haben sie einen gleich degradiert.

Habt ihr die westdeutsche Bundesliga verfolgt?

Nicht richtig. Die war ja auch nicht gut. Wir sind Anfang der 70er-Jahre im Rahmen eines Ost-West-Vergleichs gegen den EV Füssen angetreten und haben klar gewonnen. In Westberlin haben wir mal gegen den Schlittschuhclub gespielt und verloren. Aus dem Bus durften wir nur zum Essen aussteigen, wir bekamen kein Tagegeld und fühlten uns psychologisch eingeschüchtert, weil wir gewinnen mussten. Danach war noch ein Essen, da sollten wir nach Teams getrennt sitzen, doch die vom Schlittschuhclub haben erwirkt, dass man durchmischte. Wir haben uns zwar nicht verbrüdert, aber gut unterhalten.

Wie stand es um Kontakte zu West-Spielern?

Bei der WM 1976 in Kattowitz waren wir mit dem Westen in einem Hotel. Da herrschte Alarmstufe Rot. Aber wir haben mit denen Bierchen getrunken, Filme geguckt. In Polen hatten wir mal mehr Geld als sie und kannten uns aus. Natürlich gab es ein paar von uns, die nicht mitgegangen sind, ich habe auch um die Ecke geschaut, ob jemand aufpasst.

Die großen Ost-Themen des Westens: Doping und Stasi.

Wir haben Turinabol geschluckt. Vor Auslandsreisen wurden wir getestet. Es ist keiner aus der DDR rausgefahren, wenn die Werte nicht gestimmt haben. Dann warst du halt verletzt. Man konnte uns nicht erwischen. Jeder wusste, es ist Doping, aber es war unter Betreuung. Gezwungen worden ist man dazu nur insofern, als du bei einer Weigerung ausgeschlossen wurdest vom Sportclub. Und kein Olympia oder WM bestreiten konntest. Viele im DDR-Sport haben die Schnauze gehalten und geschluckt. Für eine Goldmedaille gab es 15 000 Mark, eine Reise auf dem Schiff oder Urlaub in Mexiko. Was die Stasi betrifft: Auch ich bin gefragt worden, ob ich IM machen würde, ich habe es abgelehnt. Aber wir wurden abgehört. Meine Frau hat im Telefon eine Wanze gefunden. Leider hat sie sie weggeschmissen, so gab es keinen Beweis.

Man hat sich mit dem Leben aber arrangiert?

Uns hat auch der Arsch voller Tränen gehangen, wenn du gesehen hast, dass deine Geschwister alle arbeiten, doch weder ein Auto noch ein Telefon hatten und nie in den Westen konnten. Wir Spieler hatten nichts auszusetzen – man musste halt offiziell gehorchen. Am 1. Mai sind wir mitmarschiert und haben „Es lebe die DDR“ gerufen. Danach sind wir Fußball spielen oder trinken gegangen. Und in der Diplomsportlehrerarbeit gingen die ersten zehn Seiten eben über Marxismus-Leninismus.

Gab es Zweifel?

Wenn du in dem System aufgezogen wurdest, denkst du, dass alles gut ist – bis du älter wirst und merkst, so ist es nicht. Man hat uns erzählt, dass es Moskau alles gibt, was man braucht – als ich das erste Mal dort war, sah ich Bruchbuden und Kriegsveteranen ohne Beine. Wenn wir in Schweden spielten, mussten wir nach der Rückkehr erzählen, dass das alles nur Potemkinsche Dörfer sind und hinter den Kulissen die Bettler liegen. Schweden war aber ein Traum. Übers Ruhrgebiet hieß es, es sei dreckig. Als wir mit den Alten Herren von Weißwasser in Unna spielten, dachte ich: Wenn das dreckig sein soll, sind wir mit unserer Chemie in Leuna weit hinterher.

Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Da spielten wir in Berlin. Mitte des ersten Drittels war ein Gemurmel in der Halle, im Wellblechpalast. Es ging um: Die Grenzen sind offen. Das Spiel war nebensächlich. Meine Frau und ich sind nicht in den Westen rübergefahren. Wir wussten nicht: Kann man zurück? Die Kinder waren zu Hause. Für uns in der Kleinstadt war es überraschend, dass es so gekippt ist von heute auf morgen. Bei uns war keiner in der Kirche gewesen, es hatte keine Demonstrationen gegeben.

Weißwasser und Dynamo Berlin wurden 1990 in die Bundesliga aufgenommen. Erste Meldungen verhießen, Weißwasser würde 10 000 Dauerkarten verkaufen. Gespielt wurde aber nur in der Trainingshalle, es ging den Bach runter. Warum?

Da kam ein Anton Helmus aus Krefeld, von der Agentur Design Division. Der war der Totengräber, der alles verscherbelt hat. Wir hätten locker bestehen können in der Bundesliga, wir hatten junge Spieler wie Bresagk, Handrick, Hantschke, Gebauer, die gingen aber alle weg.

Im Stadion wurde nie mehr gespielt.

Inzwischen ist es abgerissen.

Sie hatten 1980 als Spieler aufgehört. Wurden Sie gleich Schiedsrichter?

Ach wo. Ich habe 1980 nicht aufgehört, ich musste aufhören. Der bisherige Trainer wurde Clubchef, der älteste, der ein Diplom hatte, musste Trainer der ersten Mannschaft werden. Ich war unerfahren, habe viele Fehler gemacht, nach eineinhalb Jahren habe ich dann die Junioren übernommen. Als Nachwuchstrainer habe ich oft Linesman gemacht oder gepfiffen – wir hatten sonst keine Leute. 1990, nach der Wende, wurden je drei Schiedsrichter aus Ostberlin und Weißwasser zu einem Lehrgang nach Füssen eingeladen. Wir waren ja alle ehemalige Nationalspieler und haben erst mal gelacht, wie die aus dem Westen Schlittschuh gefahren sind. Ich wurde dann gleich als internationaler Schiedsrichter eingeteilt und habe sofort B-WM in Klagenfurt gepfiffen. Die österreichischen Spieler sind schlechter vorwärtsgelaufen als ich rückwärts.

Im Westen wurden Sie als Schiri richtig bekannt.

Ab 1993 war ich bei der A-WM. Ich habe ’93 in München zwar nur zwei Spiele bekommen, aber es war super: Untergebracht waren wir im Marriott, ich habe meine Frau kommen lassen, die anderen Schiedsrichter, wenn sie frei hatten, zu mir nach Greiling zum Grillen eingeladen, oder wir haben Ausflüge an den Achensee unternommen. Meine Art ist bei den Spielern gut angekommen, das einzige Handicap war, dass ich nicht Englisch konnte, darum habe ich nie ein Endspiel bekommen.

Sie zogen nach der Wende nach Oberbayern.

Die Kinder sind hierhergezogen, wir zwei Jahre später hinterher. Eine Tochter ging als Physiotherapeutin in eine Nobelklinik an Tegernsee, die andere arbeitet in der Gastronomie. Ich war hauptamtlicher Nachwuchstrainer in Weißwasser, der Iserlohner Eishockey-Funktionär Heinz Weifenbach hat mich gefragt, ob ich in Weißwasser ein Gartencenter eröffnen würde – doch ich habe es nicht so mit Büchern und Zahlen, und meine Frau hat gesagt, sie will nicht ohne unsere Kinder leben. Also sind wir hierher. Ich hätte Nachwuchscheftrainer in Rosenheim machen können, doch ich wäre nie zu Hause gewesen, wie früher, ich war nicht mal bei den Geburten und Einschulungen da.

Sie wurden dann . . .

. . . Bierfahrer. Als Offizier und Nationalspieler. Es blieb mir aber nichts anderes übrig, ich hatte bis aufs Eishockey hier keine Beziehungen. Die drei, vier Jahre waren die schönste Zeit. Ich war unabhängig, bin in der Früh auf meinen 7,5-Tonner und aufs Brauneck gefahren, habe ausgeladen ohne Stress, bin zum Mittagessen in der Sonne gesessen. Was ich verdient habe, hat gereicht. Meine Frau hat als Krankenschwester gearbeitet. Nebenzu war ich in Tölz im Nachwuchs tätig. Nach den Bierfahrer-Jahren bin ich zum Eishockey-Ausrüster Norbert Ewald gewechselt.

Eishockey im Osten und Westen sind nicht sehr verschieden, oder?

Es ist wirklich eine große Familie. Ich bin durchs Eishockey nicht reich geworden, aber es hat mir getaugt. Alles richtig gemacht.

Interview: Günter Klein

Quelle: Merkur.de

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