Eishockey - ein Fall für Ingo Lenßen

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Der Mann mit dem Honore-de-Balzac-Bart: Rechtsanwalt, Schauspieler und Eishockey-Mensch Ingol Lenßen.

Das Gesicht erkennt jeder – schon wegen des markanten Barts. Und soll keiner sagen, er sei diesem Gesicht noch nie im Fernsehen begegnet. Ingo Lenßen hatte auf Sat1 sechs Jahre eine eigene Serie („Lenßen und Partner“) und tritt in diversen Shows auf, in denen es um das Thema Recht geht. Der 58-Jährige ist Rechtsanwalt, Schauspieler, Buchautor (aktuell: „Ungerechtigkeit im Namen des Volkes“) – und seit neustem hat er ein Amt in der Deutschen Eishockey-Liga.

Die Deutsche Eishockey-Liga gab im vergangenen Frühjahr die Neubesetzung ihres Schiedsgerichts bekannt. Dabei fiel auch Ihr Name. Und man fragte sich natürlich: DER Ingo Lenßen mit dem markanten Bart, der in der Serie „Lenßen und Partner“ interessante bis, nun ja, skurrile Fälle gelöst hat? Ja, DER Ingo Lenßen. Da erfuhren wir auch, dass er einen ausgeprägten Eishockey-Hintergrund hat, Spieler und Trainer war.

Herr Lenßen, was muss man im Schiedsgericht der DEL denn tun?

Die Aufgaben sind, dass wir die Entscheidungen der Spielleiter, gegen die Vereine vorgehen, zu überprüfen haben. Was jeder kennt: Es geht um Sperren, die nach Spieldauerdisziplinarstrafen ausgesprochen werden. Wir hören das Argument der Vereine. Zu Beginn der neuen Saison geht es los.

Um es zu verdeutlichen: Szenen wurden bisher von Tino Boos beurteilt, künftig von Lorenz Funk junior als Vorsitzendem der Disziplinarkommission. Die spricht dann für einen – sagen wir – Check gegen den Kopf drei Spiele Sperre aus. Dagegen protestiert der Verein des gesperrten Spielers und wendet sich ans Schiedsgericht.

Ich gehe davon aus, dass bei drei Spielen Sperre nichts passieren würde, aber bei acht würde er wohl ins Rechtsmittel gehen – und da wird der Fall uns vorgelegt. Insgesamt ist Eishockey aber ziemlich fair geworden. Ich glaube, es ist jetzt ein Ansinnen der DEL, etwa die Checks gegen den Kopf stärker zu ahnden. Die Geschwindigkeit des Spiels bringt irre Verletzungsgefahr mit sich.

Der Job erfordert Fachkenntnis.

Es hilft oft, dass man ein bisschen was von dem Sport versteht. Ich habe sicher Kollegen dabei, die im sportjuristischen Bereich sehr gut sind, die können das durch diese Kenntnisse wohl kompensieren, dass sie selbst keine Eishockeyspieler waren. Aber die Erfahrung eines ehemaligen Spielers und Trainers kann einen Input geben. Ich habe ewig lange gespielt, mit 38 mein letztes Spiel gemacht, ich habe den Nachwuchs des Krefelder EV durchlaufen, habe Trainerlizenzen gemacht und Mannschaften in Deutschland und der Schweiz trainiert.

Sprechen wir über Ihren Werdegang im Eishockey. KEV, einer der großen Clubs, mit eine der Wiegen des deutschen Eishockeys. . . 

. . . so empfinden die Krefelder sich auch.

Meister in den 50er Jahren. . 

. . . und, wenn ich das einfügen darf, 2003 auch noch.

Der Titel, an dem die Krefelder wegen der Prämien, die sie zahlen mussten, fast zugrunde gegangen wären.

Richtig.

Die Junioren-Bundesliga gab es damals noch nicht. Wie war zu Ihrer Zeit der Spielbetrieb im Nachwuchs organisiert?

Ähnlich. Man musste sich für die Deutsche Meisterschaft qualifizieren. Die bayerischen Clubs hatten sechs Plätze, zwei gab es für den Rest Deutschlands: Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen. Wir haben zwei Endrundenplätze ausgespielt. Also, die Wiege stand eher in Füssen, Rosenheim Peiting, Miesbach, Tölz, Landshut. Dazu kamen in der Endrunde Krefeld und Köln oder Krefeld und Düsseldorf. Mannheim hat sich, solange ich spielte, nie qualifiziert. Ich habe jedes Jahr um die Deutsche Meisterschaft gespielt. Ich muss aber gestehen: Wir haben keine entscheidende Rolle gespielt, sind Sechster, Siebter oder Achter geworden. In Kaufbeuren hat Didi Hegen gespielt, in Landshut Klaus Gotsch – das waren so die Namen, auf die man traf.

Wer hat denn bei Ihnen gespielt?

Wir haben mit drei Mann immer an der Nationalmannschaft gerochen, Bernd Peltzer, der Sohn des KEV-Meistertrainers von 1952, unser Torhüter Christian Rost und ich. Tatsächlich als Profi hat später nur einer gespielt, er ist Ehrenspielführer des Krefelder EV geworden: Uwe Fabig. Der war Verteidiger in meinem Block. Wir anderen haben den Sprung nicht geschafft. Was wir aber erlebt haben, war die Pleite.

Gegen Ende ihrer Juniorenzeit.

Wir waren vorgesehen als Junioren-Block in der Bundesliga-Mannschaft, haben im Sommer mittrainiert; dann kam der Vorstandsvorsitzende der Metro AG und verkündete, er würde Konkurs anmelden, wenn nicht bis zum nächsten Tag ein weiterer Sponsor kommt und eine Million Mark hinlegt. Das hat er auch getan. Ich habe in die erschrockenen Gesichter der Profis geschaut, Miro Slezak, Günther Kaczmarek, Lothar Kremershof – und erkannt, wie Existenzkampf aussieht.

Wie ging es für Sie weiter?

Mit einer schweren Knieverletzung und der Bundeswehrzeit, ich war eineinhalb Jahre weg vom Eishockey. Gespielt habe ich wieder in Konstanz, wo ich studierte. Als ich Torschützenkönig der Baden-Württemberg-Liga wurde, bekam ich ein Angebot, für Geld zu spielen. Habe aber abgelehnt, weil ich mein Studium zu Ende bringen wollte.

Wir haben Sie in einer Eishockey-Datenbank gefunden.

Nee!

Nicht bei „Eliteprospects“, wo auch die NHL-Stars verzeichnet sind, aber bei der auf untere Ligen spezialisierten „rodi-db“.

Kenne ich gar nicht, muss ich mir gleich aufschreiben.

1986/87 in Konstanz, Regionalliga, 21 Spiele, 15 Tore, 9 Vorlagen.

Doch noch. Da war ich schon ein betagter Herr.

Mehr Tore als Vorlagen ist ungewöhnlich.

Wahrscheinlich war ich zu eigensinnig. Ich habe Mittelstürmer gespielt, die Ecke war zu heiß für mich.

Gab’s in Konstanz Geld?

Nichts. Wir waren froh, dass wir spielen konnten. Zuschauerschnitt 400, Geldgeben war keiner da. Konstanz hat die Eigentümlichkeit, dass das Eisstadion auf der Schweizer Seite liegt, in Kreuzlingen. Viele potenzielle Fans hatten eine Hemmschwelle, rüber zu gehen.

Was macht den Zauber des Eishockeys aus?

Die Schnelligkeit. Und die Robustheit. Wobei ich jemand war, der vor Körperkontakt zurückgescheut ist. Wir hatten keinen Gesichtsschutz und ich relativ früh fünf Nasenbeinbrüche. Mit meiner Grundangst, dass was passiert, hatte ich nicht den Biss für den Profi.

Schönstes Erlebnis?

Ich habe in Vancouver den 49. Karriere-Hattrick von Wayne Gretzky erlebt. Er war Kapitän der New York Rangers. 18 000 Leute des gegnerischen Publikums stehen auf und erteilen Standing Ovations. Dieses Erlebnis des fairen Aktes und eines Spielers, der keinen Körperkontakt brauchte und unglaublich beschlagen war, haben mir imponiert. Noch heute imponiert mir, wie Spieler im Aufbau in der Lage sind, die Lücken zu lesen und die Pässe reinzuspielen.

Welche Trainerscheine hatten Sie?

Bis zur B-Lizenz, da war ich mit Harold Kreis und Marcus Kuhl (deutsche Eishockeygrößen, d. Red.) im Lehrgang, und ich habe auch eine Schweizer Lizenz erworben und bis zur dritthöchsten Klasse trainiert. Nachwuchs und erste Mannschaft.

Da gab’s aber Geld?

Wie das im Eishockey so war.

Das war in den 90ern, als die Schweiz an Deutschland vorbei zog.

Die Schweizer waren schon in den Jugendmannschaften professionell, es wurden zwischen kooperierenden Clubs Trainingspläne abgesprochen.

Es hieß immer, die Schweizer hätten nicht die mentale Stärke der Deutschen.

Wir Deutschen haben eine gewisse Arroganz gegenüber dem Dialekt der Schweizer und glauben, weil darin viele Lieblichkeiten enthalten sind, dass sie es nicht ernst meinen. Das habe ich anders erlebt. Ich hatte Jungs, die extrem entschlossen waren.

Ihre Frau haben Sie übers Eishockey kennengelernt.

Ich habe ihre Brüder trainiert, sie kam zum Training in Kreuzlingen. Und war die große Trophäe, die ich vom Eishockey mitgenommen habe.

Hatten Sie damals schon Ihren markanten Bart?

Ja. Mit 21, 22 in Konstanz ließ ich ihn wachsen. Ich habe Honore de Balzac gelesen, war ein Fan von Mantel- und Degenfilmen, d’Artagnan trug auch so einen Bart.

War er ein Markenzeichen des Eishockey-Haudegens Lenßen?

Das kriegt man selber nicht mit. Wenn wir gespielt haben, war der Bart relativ zerzauselt. Und im Winter Eiszapfen dran. Praktisch fürs Eishockey war er nicht.

Sie gehen noch zum Eishockey?

In Krefeld, in Schwenningen. Krefeld fühle ich mich verbunden, habe 2004 dort noch mal gespielt. Im Gedenken an Lothar Kremershof wurde ein Spiel ausgerichtet, von dem er immer träumte: Nationalmannschaft gegen eine KEV-Auswahl. Ausverkauft, 6000 Leute, und ich bin mit Didi Hegen und Uwe Krupp auf dem Eis gestanden. Ein Abschlusserlebnis für uns alle. Uwe sagte: „So ein schönes Gefühl – wir müssten eigentlich Geld dafür bezahlen.“

Interview: Günter Klein

Quelle: Merkur.de

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