"Wir sind ein Land der Sturköpfe"

Lustige Runde: Paul Breitner, Waldemar Hartmann und Karsten Wettberg.
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Lustige Runde: Paul Breitner, Waldemar Hartmann und Karsten Wettberg.

Waldi, Wettberg und Paul Breitner – Teil 2 des rot-blauen Gipfels.

Herr Breitner, mal ehrlich: Früher als Kolumnist wäre zumindest die erste Hälfte der Bayern-Vorrunde ein gefundenes Fressen für Sie gewesen…

Breitner: Nein, eben nicht! Sie übersehen da einen wichtigen Punkt. Bei mir hat jeder neue Trainer eine Karenzzeit. Ich weiß, dass jeder Spieler und Trainer zehn, zwölf Spiele brauchen, bis ich beurteilen kann: Kommt da was rüber oder nicht? Alles andere sind Wasserstandsmeldungen, auf die ich als Kolumnist bewusst immer verzichtet habe.

Was sagen Sie zu der These, dass Hoffenheim den Fußball spielt, den Bayern gerne spielen würde?

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Breitner: So etwas kann nur jemand sagen, der das, was Hoffenheim spielt, und das, was wir wollen, in einen Topf wirft.

Aber Bayern will mit Jürgen Klinsmann doch modernen Hochgeschwindigkeitsfußball spielen, oder haben wir da was falsch verstanden?

Breitner: Nein. Und wer die letzten fünf, sechs Bayern-Spiele gesehen hat, der müsste bemerkt haben, dass die Mannschaft diese Vorgaben inzwischen zu 70, 75 Prozent umsetzt. Man sieht die Handschrift unseres Trainers.

Konkret?

Breitner: Wir haben eine Mannschaft, in der Jürgen Klinsmann Hochgeschwindigkeitsfußball mit dem Gedanken des Erfolgs, des Ergebnisses in Einklang bringen muss. Wir haben keine junge Hurra-Truppe wie Hoffenheim, Arsenal oder Barcelona, die immer auf Teufel komm raus marschiert. Wir haben eine Mannschaft, die wunderbar besetzt ist und vom Alter her wunderbar gesetzt ist. Du wirst aus Luca Toni keinen Obasi machen, keinen Adebayor und keinen Eto’o. Wir sind in der Lage, diesen Hochgeschwindigkeitsfußball zu spielen, aber es ist nicht das Allheilmittel und das absolute Ziel.

Hartmann: Genehmigt, Paul. Aber wenn Ribéry verletzt ist, dann gilt doch alles nur noch zur Hälfte…

Breitner: Das stimmt überhaupt nicht, dann hast du das Spiel gegen Hoffenheim nicht gesehen. Da hat nicht Ribéry die Akzente gesetzt, da sind andere marschiert und haben die Räume genutzt. Wenn Ribéry dreifach gedeckt wird, eröffnet das Möglichkeiten.

Hartmann: Aber Paul, das war ein Spiel. Und selbst der Klinsmann gibt zu, dass Ribéry den Unterschied macht.

Breitner: Aber das ist doch klar! Schau mal: In meiner Lehrlingszeit haben uns der Franz und der Gerd zu der Spitzenmannschaft gemacht. Fünf Jahre später, von ’78 bis ’83, waren es der Kalle und ich, die den Unterschied gemacht haben. Und noch mal: Nimm in Barcelona den Messi raus, oder bei ManU den Ronaldo – ich hab die ersten Saisonspiele von ManU gesehen, als der Ronaldo verletzt war, das war so was von durchschnittlich und bieder! Und damit sind wir beim Punkt: Wenn du von den 20, 25 absoluten Welt-spielern, die es insgesamt gibt, nur einen oder zwei hast, dann machen die den Unterschied aus, ob du den europäischen Fußball mitdiktieren kannst oder nicht.

Wo wir bei den Unterschieden sind. Bei Bayern waren die zu Saisonbeginn auch größer als jetzt – Stichwort Klinsi-Revolution…

Breitner: Also, wenn ich zehn Schritte nach vorne mache, und erkenne dann, dass zwei, drei Schritte nicht so funktionieren und ich korrigiere die, dann sag’ ich doch: super! Aber wir sind ein Land der Sturköpfe mit einer Mentalität, die jeden, der seine Meinung ändert, sofort zum Umfaller stempelt. Bei uns hat doch immer derjenige Charakter, der stur seinen Weg geht und nicht bereit ist, zu lernen. Für mich ist dagegen der ein Gewinner, der sich korrigieren kann.

Wettberg: Aber richtig zugetraut hätte ich dieses Korrigieren dem Klinsmann nicht. Ich sag’s mal vorsichtig: Er ist vom Franz und vom Uli sicher gut beraten worden. Aber – Respekt – intern.

Hartmann: Ja, ihr habt da eine richtige Wagenburg aufgebaut bei Bayern…

Breitner: Weil wir vorausgesehen haben, dass die Medien jede Kleinigkeit mit Wonne aufgreifen würden. Ich hab’ es noch nie erlebt, dass ein Trainer gegen so eine Wand von Vorurteilen und negativen Schlagzeilen ankämpfen musste wie Klinsmann. Da gab es eine Minus-Toleranz.

Hartmann: Trotzdem ist es doch ungeschickt von Klinsmann, wenn er gleich beim Amtsantritt an der Säbener den Satz loslässt, er wolle jeden Spieler jeden Tag besser machen. Das ist doch eine Steilvorlage für Kritiker!

Breitner: Mag sein, aber so ein Satz löst einen Turboeffekt aus, den er anscheinend braucht. Ich finde den Satz sehr gut, das ist der Kern seiner Philosophie, die er auch lebt. Klinsmann setzt die Ansprüche so hoch es geht, so hoch, wie es für einen FC Bayern richtig ist. Und das ist der Unterschied zu Bremen, Leverkusen oder sonstwo, wo es bei Niederlagen heißt: Ach, guziguzi, dann gewinnen wir halt das nächste Mal.

Hartmann: Hat das dem Podolski niemand gesagt mit den Ansprüchen? (allgemeines Gelächter)

Breitner: Für manche mag Klinsmann hochgestochen sein, für viele zu überzogen, aber für mich ist es eine Freude, jemanden zu sehen und zu hören, der an sich einen absoluten Anspruch stellt und sagt: Ich fang nicht als Duckmäuser an!

Ist diese Negativ-Wand, von der Sie sprachen, schon poröser geworden?

Breitner: Sie ist sehr am Bröckeln.

Wann ist sie weg?

Breitner: Dann, wenn die Mannschaft Titel gewonnen hat.

Aber muss Klinsmann nicht auch eine Sehnsucht befriedigen nach einem eigenen Fußball-Stil?

Breitner: Wie gesagt, dass die Mannschaft offensiver spielt, mehr riskiert, das ist schon zu sehen. Aber eines ist auch klar: Der FC Bayern wird nie für irgendeinen Fußball stehen, das hat er auch zur großen Zeit vom Franz und Gerd nicht, da war es Gladbach, heute ist es Arsenal…

Hartmann: Hoffenheim!

Breitner: …Mannschaften halt, die 90 Minuten rauf und runter marschieren. Da sag’ ich: Lasst sie doch! Wir gewinnen. Das ist das Credo des FC Bayern. Das will der Fan.

Wettberg: Und der perfekte Spieler dafür ist Franck Ribéry. Was der für Leistungen abruft – konstant – das ist sensationell.

Breitner: Ribéry ist ein Spieler, wie du ihn dir nicht perfekter gestalten könntest. Er will immer gewinnen auf Teufel komm raus, 90 Minuten lang. Mich erinnert er da an den Franz. Da hat es auch immer geheißen: Künstler! Der schwitzt nicht! Von wegen! Wenn es da mal nicht lief bei uns, da hat der Franz sich reingehauen!

Wenn Sie gerade Ribéry loben für Willen, wie weh tut es dann, einem José Sosa zuzuschauen, der sich nicht durchsetzen kann?

Breitner: Es tut weh, wenn man weiß, welch gigantisches Talent er hat. Für mich reiht sich José leider in die Reihe der 90 von 100 Südamerikanern ein, die in jungen Jahren nach Europa kommen und zwei, drei Jahre brauchen, um sich zurechtzufinden. Einen Kaká hast du zwei Jahre lang in Mailand nicht gesehen, auch bei Demichelis hieß es damals: Was habt’s denn da für einen gekauft? Sosa braucht jetzt einen Verein, wo er konstant spielen kann, das können wir ihm nicht bieten. Aber ich bin nach wie vor überzeugt, dass José den großen Durchbruch schaffen wird – hoffentlich bei Bayern.

Stichwort Durchbruch. Damit wären wir beim Abschlussthema: Michael Rensing.

Hartmann: (grinst) Endlich. Da hat der Franz schon recht mit seiner Kritik…

Breitner: Nein Waldi, da hat der Franz ausnahmsweise nicht recht! Alle jungen Torhüter haben Stärken und Schwächen. Reitet’s mir nicht ständig auf dem Michael rum, vergleicht’s ihn nicht mit dem alten Kahn! Ich sage: Rensing kann ein deutscher Casillas werden. Ist das ein Schlusswort?

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Quelle: tz

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