Geld für erneute Lorenz-Leihe? „Keine Chance“

TSV 1860 ohne Aufstiegsheld? Bierofka: „Sehe mich als temporäre Person“

„Meine Hoffnung war, dass man aus den Fehlern lernt“: Bierofka im Gespräch mit Sportredakteur Uli Kellner.
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„Meine Hoffnung war, dass man aus den Fehlern lernt“: Bierofka im Gespräch mit Sportredakteur Uli Kellner.

Kaum gerettet, hängt der Haussegen beim TSV 1860 schief wie lange nicht. Die Gesellschafter: geschiedene Leute. Die Fans: tief gespalten. Geld ist mehr denn je Mangelware, was nicht nur das Profiteam zu spüren bekommt.

In Kürze wird der Drittligist ein bis zwei NLZ-Talente verkaufen, um die Lizenzauflagen zu erfüllen. Ein zweiter Innenverteidiger fürs Drittligateam ist Stand jetzt nicht finanzierbar. Ausbaden muss es wie so oft Daniel Bierofka, der seinen Frust kaum verbergen kann, als er unsere Zeitung zum Interview in seinem Trainerbüro empfängt.

Daniel Bierofka, den Fußballlehrer mit der Note 1,3 abgeschlossen, den Klassenerhalt vorzeitig unter Dach und Fach gebracht. Mit sich selber müssten Sie sehr im Reinen sein, oder?

Diese beiden Sachen unter einen Hut zu kriegen, war wirklich anstrengend, vor allem mental. Ich wusste vorher nicht, ob’s möglich ist, deswegen bin ich schon ein bisschen stolz, das geschafft zu haben – vor allem bei einem Verein wie 1860.

Bei dem nicht alle von sich behaupten können, geliefert zu haben, oder?

Ich sag’s mal so: Wir hatten nach dem Aufstieg eine super Stimmung, haben den Löwen wieder zum Leben erweckt. Wir hatten wieder einen richtig guten Ruf. Deswegen muss man ganz allgemein die Frage stellen: Was ist in diesem einen Jahr passiert?

Wie sehen Sie es?

Es gab ja einen Zweijahresplan. Ich halte zwar nicht viel von Mehrjahres-Plänen, aber mir und Günther Gorenzel (dem Sportchef/Red.) wurde es so dargelegt, dass wir im ersten Jahr die Mannschaft stabilisieren können, um dann im zweiten Jahr die Aufstiegsplätze anzugreifen. Im Dezember hieß es dann plötzlich: Der Kurs wird geändert, der Etat stark reduziert. Das Problem dabei sind auch nicht die drei Millionen (statt 4,5 Mio. Euro), sondern die bestehenden Verträge. Ich kann den Spielern ja schlecht die Pistole auf die Brust setzen und sagen: Tut mir leid, ihr müsst jetzt alle gehen.

Das Präsidium empfiehlt, kreativ zu sein . . .

Wie soll das gehen, wenn kein Spielraum da ist? Und das allergrößte Problem ist: Wir können Stand jetzt keine Verträge verlängern. Das bedeutet: 2020 können alle ablösefrei gehen. Dann bleiben genau vier Spieler übrig.

Ein Vertrauensbruch seitens der Vereinsführung?

Das ganze Gerüst ist momentan einfach so, dass kein zielführendes Arbeiten möglich ist. Es wird sehr viel geschimpft im Verein. Wichtiger wäre aber, eine Lösung zu finden, damit das Profiteam wieder eine Perspektive hat.

Die Stimmung in der Kabine dürfte von alldem nicht unberührt bleiben.

Ist ja klar. Der Günther ist im April zu den Spielern hin und hat ganz ehrlich gesagt, wie’s aussieht. Bis dahin lagen wir auf Platz fünf, danach kam ein Einbruch, was absolut menschlich ist. Ich war ja auch 15 Jahre Spieler. Das soll jetzt keine Ausrede sein, aber es macht schon was aus, wenn man nicht weiß: Wird man noch gebraucht? Wie geht’s überhaupt weiter? Deswegen muss ich auch den Hut vor der Mannschaft ziehen. Wie sie gegen Fortuna Köln noch mal aufgetreten ist, das war schon stark. Wenn ich allein an Simon Lorenz denke: Der hat mit Nasenbeinbruch und Bänderriss gespielt . . . Aber auch die anderen. Auf den Charakter meiner Spieler lasse ich nichts kommen. Umso tragischer ist, dass es diese Mannschaft nicht mehr geben wird. Sie wird wegbrechen.

Es ist also nicht mal Geld vorhanden, um beispielsweise Lorenz ein weiteres Jahr auszuleihen?

Nein, null. Keine Chance. Momentan sieht der Kader für nächstes Jahr so aus: zwei Torhüter, 14 Profis, die einsatzfähig sind, drei Langzeitverletzte und drei bis vier Perspektivspieler – wobei wir mindestens einen verkaufen müssen, um überhaupt im Finanzrahmen zu bleiben.

Haben Sie noch eine kleine Hoffnung, dass Ihr Hilferuf erhört wird? Und wenn ja: von wem?

Ich setze da auf alle. Mir wird ja gerne angeheftet, ich sei nur auf der Seite von Hasan Ismaik. Das stimmt aber nicht. Ich bin für den Verein 1860, und da nehme ich jeden in die Pflicht. Ich sage es ganz deutlich: Mit diesem Kader werden wir vom ersten Spieltag an gegen den Abstieg spielen – und es wird bis zum Schluss ein brutaler Kampf werden. Es darf auch wirklich gar nichts mehr mit Verletzungen passieren.

Glauben Sie, dass die Fans den Kurs mittragen?

Die Fans sind und bleiben unser großes Pfand, aber die Erwartungshaltung, die lässt sich nie runterschrauben – nicht in der 2. Liga, nicht in der Regionalliga, nicht mal in der Bayernliga. Sieht man ja auch daran, dass Pfiffe kommen, wenn wir zur Pause gegen den Tabellenzweiten Karlsruhe hinten liegen. Die Fans wollen Spiele gewinnen, meine Spieler – und ich auch.

Ihre Aussage nach dem Köln-Spiel, dass einige im Verein aufwachen müssen, war vermutlich auf Präsident Robert Reisinger gemünzt, der den Sparkurs verantwortet . . .

Nein, auch die war auf alle gemünzt. Jedem sollte daran gelegen sein, das Maximale für den Verein rauszuholen, und zwar jeder in seinem Bereich.

Sollte sich nicht noch was ändern: Hätte das Einfluss auf Ihre Motivation? Ihr Vertrag läuft ja noch bis 2022, eigentlich . . .

Meine Hoffnung war, dass man aus den Fehlern gelernt hat. Die Regionalliga war hart genug, und wenn es so bleibt, wird es schwierig. Mir tut es auch extrem weh, was die Spieler betrifft. Ob das Aaron Berzel ist, Nono Koussou oder ein anderer – im Profibereich ist es normal, dass man sich mal trennt. Nicht normal ist, dass man gar keine Entscheidungsgewalt mehr hat.

Sie werden ja bereits mit anderen Vereinen in Verbindung gebracht, mit Jahn Regensburg oder Nürnberg. Ist da was dran?

Das sind Spekulationen. Also, ich hab noch keinen Kontakt zu anderen Vereinen. Noch versuche ich, im Rahmen meiner Möglichkeiten alles dafür zu tun, dass wir nächstes Jahr ein vernünftiges Team aufs Parkett schicken.

Für viele Fans ist der TSV 1860 ohne Daniel Bierofka kaum noch vorstellbar.

Ja, aber ich sehe mich nach wie vor als temporäre Person. In der Zeit, die ich hier bin, versuche ich, das Maximale rauszuholen – und das mit großer Leidenschaft und total viel Herzblut. Gleichzeitig weiß ich, dass es im Profiverein relativ schnell vorbeigehen kann. Aber dann ist es halt so. Dann nehm’ ich meine Sachen – und dann waren das eben zwei schöne Jahre. Oder drei, vier. Oder wie viele auch immer.

Interview: Uli Kellner

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