Die Lage in München-Giesing

TSV-1860-Boss Gorenzel träumt von Unabhängigkeit und sieht Schwierigkeiten wegen Corona: „Müssen übervorsichtig sein“

Michael Köllner und Günther Gorenzel befinden sich mit dem TSV 1860 derzeit auf einem Höhenflug
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Michael Köllner und Günther Gorenzel befinden sich mit dem TSV 1860 derzeit auf einem Höhenflug.

Kann es für den TSV 1860 in diesem Jahr eine Etage höher gehen? Sportchef Gorenzel über die DNA der Löwen, Talententwicklung, Verträge der Spieiler und Ski-Ass Straßer.

  • Aktuell befindet sich der TSV 1860 auf einem Höhenflug, der optimalerweise möglichst lange anhält.
  • Wie die Stimmung im Verein ist, was die Führungsriege plant und welche Gedanken die 2. Liga spielt?
  • Günther Gorenzel spricht im ausführlichen Interview über die vergleichsweise entspannte Situation.

München - Mit dem Montagsspiel gegen den FC Ingolstadt endet für den TSV 1860 die Hinrunde der dritten Drittligasaison. Wir sprachen mit Sportgeschäftsführer Günther Gorenzel über Entwicklungen, Probleme und Perspektiven der Sechziger. Und über Ski-Löwe Linus Straßer.

Herr Gorenzel, eine kurze Rückblende auf den vergangenen Samstag: Was ist Ihnen beim Zusammenprall zwischen Joshua Zirkzee und Marco Hiller durch den Kopf gegangen?
Günther Gorenzel: Ich hatte die Kollision kommen sehen. Zirkzee war zu spät dran, und ich weiß, wie schnell Marco rauskommt. Im ersten Moment dachte ich mir nur: Hoffentlich ist ihm nichts am Auge passiert. Wenn man den Cut an der Nase sieht, da hat nur ein Zentimeter gefehlt. Von daher bin ich heilfroh, dass unser Marco noch so glimpflich davongekommen ist.
Hiller hat weitergespielt und sich in die Bälle geworfen, als wäre nichts passiert. Wie viel Symbolkraft für 1860 steckt in diesen Bildern?
Gorenzel: Es waren natürlich dramatische Bilder mit all dem Blut - ich will das jetzt nicht zu hoch hängen. Aber es dient wahrscheinlich wirklich nicht ungut zur Metapher, wie unsere Mannschaft auch seit Monaten Widerstände niederkämpft, nach Rückständen nie den Kopf hängen lässt und sich meistens dafür belohnt. Die DNA von 1860 war ja schon immer: alles geben. Und damit meine ich nicht nur unsere Mannschaft auf und neben dem Rasen, sondern da spreche ich glaube ich für jeden Einzelnen der Löwenfamilie. 
Ein Unterschied zur Rückrunde?
Gorenzel: Wir sind in einer stetigen Entwicklung. Über unserer Kabine haben wir nicht umsonst den Spruch anbringen lassen: Ein Team, ein Weg. Michael Köllner und meine Person versuchen diesen Teamgedanken tagtäglich vorzuleben. Sehen sie sich die erfolgreichen Vorbilder an, schauen sie nach Liverpool - nur so kann Fußball meiner Meinung nach erfolgreich funktionieren. Das ist inzwischen tief eingesickert in die Seele der Mannschaft. Fakt ist: Wir haben trotz der nicht wenigen Abgänge, des Integrationsprozesses der vielen jungen Spieler aus unserem NLZ, also dem Aufbau einer neuen Löwengeneration letzten Sommer, fünf Punkte mehr und ein um 19 Tore besseres Torverhältnis im Vergleich zur Vorsaison. Das ist signifikant. Das ist das vorläufige Resultat eines Kraftaktes, von jedem Einzelnen, wenn das kein Beweis ist für die tolle Arbeit und den Zusammenhalt der Löwenfamilie.

TSV 1860: Gorenzel frohlockt über Nachwuchsarbeit - „Nächste Reihe schon auf dem Weg“

In der Endphase der vergangenen Saison wurde der Teamgedanke laut Köllner von den Corona-Maßnahmen torpediert. Das Hygienekonzept führte bei 1860 im Trainingsbetrieb zur Aufteilung der Mannschaft auf zwei Kabinen. Wie ist es jetzt?
Gorenzel: Sehr streng, das heißt wir sind vielleicht sogar noch mehr als andere bedacht auf eine lückenlose Einhaltung des Hygienekonzepts. Sind wir ehrlich: Diese Pandemie kann keiner berechnen. Wir, und damit meine ich nicht nur 1860, müssen weiterhin übervorsichtig sein. Das fängt bei jedem EINZELNEN an, eben FÜR die GEMEINSCHAFT. In der Kabine achten wir strikt auf Kontaktzeiten und Abstände, bei jeder Besprechung herrscht selbstverständlich Maskenpflicht. Aber wir haben keine Trennung mehr. Das ist ein Vorteil, ganz klar.
Nach der Verpflichtung von Merveille Biankadi wiesen Sie darauf hin, dass aus internen Mitteln kein weiterer Wintertransfer möglich sei. Hat Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik schon auf den Wink reagiert?
Gorenzel: Ich bin ein Mann der klaren Worte und Handlungen – danke für diese Frage an dieser Stelle. Sehen sie, ich arbeite tagtäglich mit Leidenschaft und voller Kraft in dem mit mir vertraglich vereinbarten Aufgabenfeld, und das ist beim Geschäftsführer Sport namentlich der Erfolg der Mannschaft. Zusätzlich zu meiner Kernaufgabe geht es aber auch um die wirtschaftliche Balance. 
Heißt, den Wunsch nach weiteren Verstärkungen hätten Sie schon?
Gorenzel: Wir sind der Meinung, dass es nicht sein kann, dass wir die Mannschaft nur verstärken können, indem wir ständig Forderungen an die Gesellschafter stellen. Unser Konzept sieht vor, dass wir uns die Breite im Kader auch erarbeiten. Durch gezielte Talentförderung. Namen wie Greilinger, Gresler, Diayo oder Knöferl stehen exemplarisch für diesen Ansatz. Und als passionierter Eishockeyspieler lassen sie mich das so sagen: die nächste Reihe ist schon auf dem Weg.
Die Biankadi-Leihe konnte durch den Weggang von Martin Pusic finanziert werden. Rein von der Position her ist er aber kein 1:1-Ersatz.
Gorenzel: Das hängt mit der Entwicklung unseres Systems zusammen. Wir spielen inzwischen kein 4-1-3-2 mehr, sondern eher aus einem 4-1-4-1 heraus. Darum haben wir uns entschieden, einen Siebener oder Elfer zu holen. Merv kann beide Außenpositionen spielen und dazu noch vorne neben Sascha oder um Sascha herum.

TSV 1860: Planungssicherheit? „Wir sind viel weiter als in den vergangenen Jahren“

Daniel Wein hat sich vor wenigen Wochen an dieser Stelle offensiv in Sachen Vertragsverlängerung geäußert, auch Sascha Mölders hat bereits angekündigt, weiterspielen zu wollen. Sind das Ihre beiden Haupt-Baustellen zurzeit?
Gorenzel: Die Gespräche mit Beratern und Spielern zählen zu den Aufgaben meiner aktuellen Arbeit, sie verstehen aber sicher, dass ich dazu keine Wasserstandsmeldungen abgeben werde. Das gebietet für mich allein der Respekt vor unseren Spielern und (zwinkert) ein wenig Verhandlungstaktik. Bei anderen Vereinen sickern vielleicht Informationen durch, ich tue viel dafür, dass wir bei 1860 München das anders handhaben. Das soll auch so bleiben. Einzelne Namen in den Fokus zu rücken, wäre ebenso allein schon kontraproduktiv im Sinne des Gemeinschaftsgeistes. Nur so viel: Entscheidend sind vier Kriterien. Erstens die aktuelle Entwicklung, zweitens die Perspektive, drittens die finanziellen Bedingungen und viertens, besonders, was das Beste für die Entwicklung der Mannschaft darstellt.
Ist es korrekt, dass sich Ihr Geschäftsführer-Vertrag mit dem Jahreswechsel verlängert hat?
Gorenzel: So, wie ich es mit den Spielern halte, so halte ich es auch mit meiner Person. Alles andere wäre widersinnig.
Aber es wäre ein Zeichen von Kontinuität nach Außen.
Gorenzel: Kontinuität ist im modernen Fußball sicherlich ein Schlüsselfaktor.
Okay. Inwiefern ist es für Sie angenehmer zu arbeiten, jetzt wo der Etat für die kommende Saison schon feststeht?
Gorenzel: Aufgrund von Corona haben wir immer noch eine gewisse Schwankungsbreite, und trotzdem sind wir viel weiter als in den vergangenen Jahren. Wo es früher zum jetzigen Zeitpunkt noch wenig Planungssicherheit gab, hilft uns jetzt ein klar abgesteckter Rahmen. Oder anders gesagt ein Korridor, bei dem wir wissen, wo wir rauskommen müssen. Das macht es einfacher. Aber was die Kommunikation im Detail in finanziellen Angelegenheiten angeht, das wissen sie, ist mein geschätzter Geschäftsführerkollege Marc Pfeiffer verantwortlich.

TSV 1860 München: Erinnerungen an das kultige Gespann Wildmoser und Lorant

Wie würden Sie Ihre Rolle in der Öffentlichkeit charakterisieren? Was macht das Duo Köllner/Gorenzel aus?
Gorenzel: Wir haben ein ähnliches Wertebild und ergänzen uns sowohl inhaltlich als auch von den Persönlichkeiten her sehr gut. Darum funktionieren wir als Duo. Vertrauen, Verständnis und Mitgefühl – da haben wir eine große Schnittmenge.
Würden Sie Michael Köllner als Freund bezeichnen?
Gorenzel: Natürlich. Wir haben ein sehr enges, intensives Arbeitsverhältnis und auch wenn Freundschaften im Profifußball sich immer schwierig gestalten, weil sie immer eine gewisse Befangenheit mit sich bringen. Am Ende des Tages geht es aber immer um Sechzig - dem Klub hat sich jede Entscheidung unterzuordnen. Das war, wenn sie prominente Beispiele aus der Vergangenheit wollen, selbst bei Wildmoser und Lorant oder Hoeneß und Heynckes nicht anders, oder?
Wer sind die härtesten Widersacher im Aufstiegsrennen?
Gorenzel: Es ist klar, dass die beiden Klubs mit dem größten Etat gute Karten haben, also die Absteiger Dresden und Wehen-Wiesbaden. Auch Ingolstadt spielt eine bärenstarke Saison. Aber wir können gegen jeden gewinnen. Auch aus Dresden hätten wir einen Punkt mitnehmen können, ja müssen. Für mich ist jedes Spiel immens wichtig: Ingolstadt am Montag genauso wie danach Meppen, Magdeburg und Zwickau. Wer am wenigsten liegenlässt, wird am Ende vorne stehen. 
Zum Abschluss aus aktuellem Anlass noch eine Ski-Frage: Was macht das mit Ihrer Team-Austria-Seele, wenn ein Deutscher im Slalom gegen die Österreicher gewinnt?
Gorenzel: So lange der Deutsche für Sechzig fährt, darf das so sein. Ansonsten hab ich was dagegen (lacht). Ich verfolge den Skisport sehr genau und finde es toll, wie sich Linus Straßer in die Weltspitze vorgekämpft hat und mit Rückschlägen umgegangen ist. Wir können ganz sicher voneinander lernen.

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