Ex-Löwen Sportchef im Interview

Florian Hinterberger über Zeit beim TSV 1860: „Es war eine absurde Komödie mit Ismaik“  

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„Er will halt nur Fußball spielen“ – so lautet der Titel der von Florian Hinterberger verfassten Anekdotensammlung

Florian Hinterberger war Sportchef beim TSV 1860 München. Im Interview hat er über seine Zeit bei den Münchner Löwen und sein neu erschienenes Buch gesprochen.

München – Eine „autobiografische Anekdotensammlung“ – so beschreibt Florian Hinterberger sein frisch erschienenes Buch „Er will halt nur Fußball spielen“. 70 Geschichten hat der 61-jährige gebürtige Oberpfälzer verfasst – von der Kindheit als Regensburger Domspatz über den UEFA-Cup-Triumph mit Bayer Leverkusen 1988 bis zum Posten als Sportchef des TSV 1860. Wir trafen den Autor zum Interview.

Herr Hinterberger, Sie haben in Ihrer turbulenten Zeit als Sportchef beim TSV 1860 einige Male den Satz losgelassen: „Das muss unbedingt in mein Buch!“

So war das regelmäßig (lacht). Aber die Impulse kamen auch von außen. Ich bin von Freunden und in der Familie immer wieder angesprochen worden, dass ich meine ganzen Anekdoten doch mal aufschreiben soll. Vor anderthalb Jahren hab ich mich dann hingesetzt. Erstaunlich, an was man sich alles erinnert, wenn man sich drauf einlässt.

„Georg Ratziner konnte auch sehr jähzornig sein“

Beginnen wir ganz vorne bei den Regensburger Domspatzen. Der am 1. Juli verstorbene Domkapellmeister Georg Ratzinger war eine prägende Figur Ihrer Kindheit. Welches Bild kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an ihn denken?

Sein entgeisterter Blick, wie er sich bei der Chorprobe unter den Flügel beugt und mich drunterliegen sieht. Mir hatte ein Mitschüler einen Schlappen von hinten weggeschossen, genau unter den Flügel. Ich wollte ihn unbemerkt rausholen, plötzlich hat die Musik gestoppt und wie in Zeitlupe ist dieses Gesicht vor mir aufgetaucht. Danach gab’s wieder einen schmerzhaften Ohrwaschl-Dreher. Ratzinger war ein 1000-prozentiger Profi, was die Musik anging, sein Gehör war unglaublich. Aber er konnte auch sehr jähzornig sein. Bei einem seiner Ausbrüche hat er vor lauter Zorn mal den Klavierdeckel aus der Verankerung gerissen.

Das klingt jetzt spaßiger, als es war. Die Kapitel übers Internat lesen sich stellenweise wie eine Abrechnung.

Ich bin von den sexuellen Übergriffen, die später herausgekommen sind, verschont geblieben, davon wusste ich damals auch nichts. Aber ich hab als Zehnjähriger schon gespürt, dass das nix zusammenpasst. Diese Frömmigkeit auf der einen Seite, die Züchtigungen und emotionale Kälte auf der anderen. Ich war froh, dass mich meine Mutter erhört hat und ich aus diesem gefühlten Gefängnis raus durfte. Andere haben nicht so viel Verständnis erfahren dürfen wie ich.

Angebote des FC Bayern und TSV 1860 München hatten sich zerschlagen - Umweg über Fürth

„Er will halt nur Fußball spielen“, war der Satz Ihrer Mutter, mit dem sie Ratzinger Ihren Abgang erklärte. War der Fußball Ihre Erlösung?

Ja, so hat es sich angefühlt, als ich zurück nach Weiden ziehen durfte. Ich war wieder ein freier Mensch auf einem vernünftigen Gymnasium. Und als ich zum ersten Mal das Trikot der SpVgg Weiden anziehen durfte, das war das Höchste für mich.

Dann lassen Sie uns zum Fußball kommen, spulen wir einige Jahre nach vorn. Über Weiden schafften Sie 1978 den Sprung zur SpVgg Fürth in die Zweite Liga.

Eine großartige Schule! Auch wenn ich anfangs enttäuscht war, dass sich erst ein Wechsel zum FC Bayern zerschlagen hatte und dann auch noch der zu 1860. Im Nachhinein muss ich sagen, dass Fürth genau das Richtige für mich war, um ins Profigeschäft reinzuwachsen.

Ihre größten Erfolge als Profi feierten Sie im Westen – zunächst bei Fortuna Köln, dann bei Bayer Leverkusen. Vor allem „de Schäng“, Fortuna-Patriarch Jean Löring, scheint Sie schwer beeindruckt zu haben. Sie schreiben von einem Colt im Handschuhfach...

Der Schäng hat mich nach dem Training oft im Auto mitgenommen, wenn er zu einer seiner Baustellen oder zu einem Geschäftstreffen gefahren ist. „Komm, Jung, loss uns fahre’!“ Eines Tages hat er während der Fahrt im Handschuhfach gekramt und ich hab eine Knarre blitzen sehen. Vielleicht war es auch eine Attrappe, ich hab nicht nachgefragt. Aber so ganz ungefährlich wird seine Welt nicht gewesen sein.

„Die Prämienverhandlungen vor dem Finale haben sich richtig hochgeschaukelt“

Das 0:1 verlorene Pokalfinale gegen den 1. FC Köln 1983 hatte auch mit dem Schäng zu tun...

Wir haben auf dem Weg ins Finale Braunschweig, Gladbach und Dortmund rausgeworfen, drei Erstligisten. Für jedes Weiterkommen gab’s 1000 Mark – ein Witz! Die Prämienverhandlungen vor dem Finale haben sich dann richtig hochgeschaukelt, wir sollten doch erstmal „spille“ und dann weiterschauen, meinte der Schäng. Dieses ganze Theater in den Tagen vor dem Finale hat uns die paar Prozente zum Sieg gekostet, davon bin ich heute noch überzeugt.

Der große Coup gelang Ihnen 1988 mit Bayer Leverkusen. UEFA-Cup-Sieger gegen Espanyol Barcelona. Im Elfmeterschießen – nach einem 0:3 im Hinspiel. Trotzdem hatte der Abend einen sehr bitteren Beigeschmack für Sie.

Erich Ribbeck, unser Trainer, hat mich kurz vor dem Spiel aus der Startelf genommen – aus taktischen Gründen. Ich bin auch nicht eingewechselt worden. Das war ein persönlicher Niederschlag, an dem ich zu knabbern hatte. Auch wenn der Sieg natürlich vieles gutgemacht hat.

Und am nächsten Tag hat der brasilianische Star Tita tatsächlich den Autokorso verpasst?

Er konnte kein Deutsch und nur ein bisschen Englisch. So ist er zum Trainingsgelände gefahren, wo natürlich niemand war – und danach direkt heim. Mit seinen Kindern hat er Sesamstraße geschaut im WDR – plötzlich kamen die Livebilder vom Autokorso und ihn traf der Schlag. Ich weiß nicht, ob er noch nachgekommen ist. Die Geschichte hat er beim 25-jährigen Jubiläumstreffen erzählt. Ein Brüller.

„Mit Ismaik kam es nie zu einer fachlichen Zusammenarbeit“

Und eine gute Überleitung zu den Löwen. Sie haben als Spieler in zwei Jahren Himmel und Hölle erlebt.

Alles, was Sechzig an Drama hergibt (lacht). Erst der Aufstieg 1991 aus der Bayernliga mit Karsten Wettberg – ein einziger Gefühlsrausch mit einer wunderbaren Kameradschaft. Und dann die vermaledeite Zweitligasaison, wo wir wegen zwei Toren Unterschied zu Mainz in diese blöde Abstiegsgruppe reingerutscht sind. Der ganze Hass, der uns da im Osten entgegengeschlagen ist, der Abstieg, meine dritte Schulterverletzung und der Kreuzbandriss – es war furchtbar. Ein unschönes Karriereende.

Nach Trainerstationen in Starnberg und bei der Löwen-U21 wurden Sie 2011 Sportdirektor beim TSV 1860, kurz vor dem Investoren-Einstieg. Mit Hasan Ismaik gehen Sie nicht zimperlich um im Buch.

Er hat immer Respekt eingefordert, aber da fehlte oft die Balance. Ich habe mich immer korrekt verhalten ihm gegenüber bei den wenigen Treffen und sogar angeregt, dass er eine Art sportlichen Supervisor holen soll, aber es kam nie zu einer fachlichen Zusammenarbeit. Wir hätten in den drei Jahren mit einem konsequent umgesetzten Plan aufsteigen können, aber es war immer ein Tauziehen mit persönlichen Animositäten, eine absurde Komödie. Ich musste in jeder Transferperiode mit drei Etats jonglieren, Spieler hinhalten, dann wieder absagen. Trotzdem waren wir zweimal Sechster und einmal Siebter in der Zweiten Liga. Mit einem höchst mittelmäßigen Etat.

„Ich weiß nicht, wo der Erfolg bei 1860 unter den aktuellen Voraussetzungen herkommen soll“

Zum Guten hat sich nach Ihrem Aus 2014 nichts verändert…

Das ist sehr milde ausgedrückt. Zweimal fast abgestiegen, dann gleich doppelt. Dazu die tiefe Spaltung im Verein. Ich weiß nicht, wo der Erfolg unter den aktuellen Voraussetzungen herkommen soll.

Keine Hoffnung?

Mich würd’s ja freuen, ich mag 1860 seit Kindertagen. Aber ohne einen gemeinsamen Plan wirst du aus dieser Liga nicht rauskommen. Du brauchst Qualität in der Breite. Auch ein Michael Köllner kann nicht zaubern.

Was treiben Sie heute außer Bücherschreiben?

(lacht) Ich habe nach meinem 60. Geburtstag meine Work-Life-Balance justiert, bin Teilhaber eines Rehastudios, scoute hin und wieder für verschiedene Trainer und Vereine, aber bin nicht mehr jeden Tag in dieser Mühle drin. Von Tutzing am Starnberger See aus lässt sich die Welt relativ entspannt verfolgen. Und alle zwei Monate haben wir unseren Stammtisch mit ehemaligen Löwen, da ist immer eine Gaudi.

(Krammer Ludwig)

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