Löwen-Legende im großen Interview

Wie ist der Zustand des Münchner Fußballs? Grosser über Bayern, 1860 & Haching

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Peter Grosser wurde 1966 Deutscher meister mit dem TSV 1860.

Peter Grosser spricht im Interview über den Zustand des Münchner Fußballs und über die Rollen von FC Bayern, TSV 1860 und der SpVgg Unterhaching.

Herr Grosser, wären Sie lieber heutzutage Profi geworden als früher zu Ihrer Zeit?

Peter Grosser: Zu meiner Zeit ist der Profi ja erst eingeführt worden, 1963 bei der Gründung der Bundesliga. Davor hatte der Fußball für Medien, Sponsoren und Werbung praktisch keine Bedeutung. Das änderte sich erst mit der Bundesliga. Damals hat der DFB sogar die Gehälter und die Ablösesummen vorgeschrieben. Ein Bundesligaverein durfte nur 50.000 Mark für einen Transfer ausgeben, in der Zweiten Liga 12.000 Mark. Das Grundgehalt war 500 Mark – inklusive Prämien durfte man in den ersten Jahren 1200 Mark im Monat verdienen.

Kein Hungerlohn für damalige Verhältnisse.

Grosser: Viel war es nicht, aber im Verhältnis ungefähr das Doppelte von einem Büroangestellten. Man konnte schon sehr gut leben. 1963 habe ich mich um eine 100 Quadratmeter Mietwohnung bemüht, die kostete damals 290 Mark – ein Viertel vom Gehalt. Nehmen Sie heute mal ein Viertel vom Gehalt eines Manuel Neuer, was man sich dafür leisten könnte.

Eine schönes Haus…

Grosser (lacht): Haus? Ein Schloss!

Werden Sie da nicht manchmal neidisch?

Grosser: Ja selbstverständlich werde ich das (lacht). Von einer Million konnte man damals nicht einmal träumen. Vom Finanziellen aber mal abgesehen, haben sich auch die Trainings- und Spielbedingungen extrem geändert. Aber auch die Vorbereitung auf ein Spiel, die Ernährung und die ärztliche Betreuung. Das ist ja ein Unterschied wie Tag und Nacht. Heute gibt es individuelle Trainings für jeden einzelnen Spieler am Computer ausgerechnet. Wir wurden alle über einen Kamm geschert. Da mussten alle das gleiche Training machen, egal ob einer physisch stärker oder schwächer war. Entweder hat einer zu viel oder zu wenig trainiert. Das hat damals keinen interessiert. Trotzdem sind ja einige ganz gute Leistungen dabei rausgekommen.

„Sechzig hatte bei Bundesliga-Nominierung ein bisschen Glück“

Was war einfacher früher?

Grosser: Vom Medienaufkommen her war es damals ganz anders. Es gab keine Kameras beim Training, vielleicht hat mal ein Journalist zugeschaut. Man konnte sich besser auf das Spiel am Wochenende konzentrieren. Aber wenn man in der Stadt erkannt wird, ist das ja auch nicht so verkehrt (lacht).

Zu Ihrer besten Zeit in den 1960er Jahren waren die Löwen der Platzhirsch in München. Wie konnte es danach so schnell bergab gehen?

Grosser: Zu allererst muss man sagen, dass Sechzig bei der Nominierung für die Bundesliga ein bisschen Glück gehabt hat. Aus jeder Stadt wurde nur eine Mannschaft in die Bundesliga aufgenommen. Nach dem Punktesystem hatte der FC Bayern den höheren Schnitt, aber Sechzig wurde Süddeutscher Meister und stieg deshalb auf. Aus dieser Euphorie wurde leider viel zu wenig gemacht. Und das lag einzig und allein an der Vereinsführung, die nicht in der Lage war, diesen Vorsprung auf Bayern zu halten, geschweige denn ihn auszubauen.

Die SpVgg Unterhaching spielt wieder in der 3. Liga - und damit derzeit eine Liga über 1860.

„1860 unter Haching? Auf Dauer wird sich das wieder ändern“

Mittlerweile steht rein sportlich ja sogar Unterhaching vor den Löwen. Wie erklären Sie sich das?

Grosser: Auch das hängt mit der Führung zusammen. Das Entscheidende sind in erster Linie die Personen, die den Verein führen. Ein guter Präsident holt andere gute Leute mit ins Präsidium und die holen dann einen gescheiten Geschäftsführer und einen fähigen Sportdirektor. Zusammen wird ein guter Trainer verpflichtet und eine gute Mannschaft zusammengebaut. Es geht also von oben nach unten und nicht andersherum, wie es aktuell bei 1860 der Fall ist. Daniel Bierofka versucht alles, aber aus der Führung gibt es keine Resonanz. Im Gegenteil! Es herrscht permanent Streit zwischen den Anteilseignern. So etwas gibt es wahrscheinlich nur einmal auf der Welt.

Werden sich die Kräfteverhältnisse zwischen 1860 und Haching wieder ändern?

Grosser: In Kürze nicht, auf Dauer auf jeden Fall. Mit einer Führung, in der alle zusammenhalten gehört 1860 mittelfristig in die Bundesliga. Was Darmstadt und Ingolstadt vorgemacht haben, müsste doch eigentlich für so einen Verein, mit so vielen Mitgliedern und enthusiastischen Fans möglich sein! Außerdem gibt es doch in München und in der Umgebung viele Industrielle, die dem Verein zugeneigt sind.

Hat es dem Münchner Fußball geschadet, dass zwischen den Bayern und 1860 inzwischen ein so großer Unterschied besteht?

Grosser: Nein, das glaube ich nicht. Der große Vorteil von 1860 ist, dass es immer noch viele gibt, die damals als Zehnjährige zusammen mit dem Vater zu den ersten Spielen 1963 gegangen sind und dadurch Sechzger geworden sind. Wenn man sich einmal für einen Verein entschieden hat, bleibt man auch dabei.

Der FC Bayern hält sein Winter-Trainingslager seit jahen in Katar ab - auch aus Gründen der Internationalisierung.

Ist der FC Bayern noch ein Münchner Verein? „Selbstverständlich!“

Die jüngere Generation lässt sich schwer für 1860 begeistern…

Grosser: Das ist eine Katastrophe! Es gibt schon noch Nachwuchs. Je länger man aber in dieser unteren Klasse spielt und je länger keine absoluten Stars mehr vorzeigbar sind, wenden sich die Jüngeren an andere Idole. So werden sie vom FC Bayern infiziert.

Ist der FC Bayern für Sie noch ein Münchner Verein?

Grosser: Selbstverständlich!

Obwohl dort global gedacht wird?

Grosser: Das sind die Zeichen Zeit. Schauen Sie doch auf den Namen. Da steht immer noch FC Bayern München. Es ist absolut notwendig, dass man sich international orientiert. Das machen die Bayern ganz hervorragend.

Wie ist der Zustand des Münchner Fußballs in Ihren Augen?

Grosser: Da muss man differenzieren. Das was bei 1860 passiert ist, kann ich nicht als positiv bezeichnen. Der FC Bayern ist aber phänomenal. Ohne Schulden und ohne, dass sie sich von den überhöhten Ablösesummen drängen lassen. Trotzdem sind sie international vorne dabei.

„Das ist das große Manko von Haching“

Ist Unterhaching kein Münchner Verein?

Grosser: Unterhaching ist Unterhaching (lacht). Das ist nicht München. Es ist aber immer so tituliert worden, dass damals drei Münchner Vereine in der Bundesliga waren. Das war eine tolle Geschichte.

Warum ist Interesse der Münchner an Unterhaching so gering?

Grosser: Das ist leicht zu erklären. Zum einen ist Unterhaching relativ jung, auch wenn es schon zwanzig Jahre her ist, dass sie in der ersten Liga gespielt haben. Es ist halt doch eine kleine Gemeinde. Das große Manko von Haching ist, dass sie am Rande von zwei so großen traditionellen Vereinen angesiedelt sind. Fast alle anderen Vereine in der Zweiten und Dritten Liga sind in ihrer Stadt die Nummer Eins. Dazu kommt, dass die Latte hoch hängt, wenn du zwei Jahre in der ersten Liga gespielt hast. In einer unteren Liga ist das Interesse dann nicht mehr so groß.

Sollte der Aufstieg nicht gelingen, wird dann auch das Interesse an den Löwen geringer werden?

Grosser: Das weiß ich nicht. Meiner Meinung nach ist das Interesse aktuell in der Regionalliga viel größer als kundgetan wird. Es gibt ja pro Spiel mehr als 10.000 Anhänger, die keine Karte bekommen. Für mich ist es ein großes Manko, dass man aus der Allianz Arena rausgegangen ist. Wie es in der nächsten Saison ist, wenn der Aufstieg nicht gelingt weiß ich nicht. Ich bin aber sowieso fest davon überzeugt, dass die Löwen die Dritte Liga schaffen.

Die Fans strömen ins Grünwalder Stadion zu den Löwen - doch tausende Anhänger bekommen derzeit keine Tickets.

„1860 braucht eine Führungsmannschaft“

Bis zum FC Bayern ist der Weg weit…

Grosser: Derzeit ist es ja ein Abstand, der so groß ist, dass man ihn nicht beschreiben kann. Sei es von der ganzen Struktur her oder den finanziellen Möglichkeiten. 1860 muss sich überlegen, ob man einen Spieler aus Burghausen kaufen kann! 1860 hatte, mit Ausnahme einiger Jahre unter Wildmoser keinen Präsidenten, der mal versucht hätte, eine Struktur aufzubauen, wie es beim FC Bayern der Fall ist. 1860 braucht eine Führungsmannschaft, die den Verein dorthin führt, wo er hingehört.

Glauben Sie, dass Sie noch ein Bundesliga-Derby erleben werden?

Grosser: Sie wissen wahrscheinlich, dass ich heuer 80 werde. Also eher schwierig (lacht).

Die Hoffnung besteht aber?

Grosser: Mit einer richtigen Führung, die auch das Ziel hat dorthin zu kommen, müsste es mit Sechzig ganz schnell nach oben gehen.

Interview: Florian Fussek

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