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Tanner: Die Kritiker haben vom Fußball gar keine Ahnung

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Ernst Tanner bei seinem letzten Auftritt für die Löwen: Im letzten Spiel der Amateure in der Saison 2008/2009 wurde der langjährige Nachwuchsleiter gebührend verabschiedet. © sampics

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, warum beim TSV 1860 viele Talente nicht den Sprung in die Profimannschaft geschafft haben, was Ernst Tanner von seinem Nachfolger Jürgen Jung hält und warum er sich auch heute noch zu seiner Kritik am Verein bekennt, die er nach seinem Abschied geäußert hat.

Die Liste der Spieler, die bei 1860 den Sprung vom Nachwuchsbereich zu den Profis letztlich nicht geschafft haben, ist lang: Jungwirth, Eberlein, Burkhard, Baumgartlinger... Woran liegt's?

Tanner: Dass Jungs den letzten Schritt in den Profibereich nicht schaffen und auf der zweiten Ebene hängen bleiben, wird es immer geben. Für mich ist aber entscheidend, dass man mit jungen Spielern sehr individuell arbeitet, um auf ihre Stärken und Schwächen einzugehen. Man muss einen Jugendlichen anders und differenzierter trainieren als einen 28 Jahre alten Profi, bei dem es täglich nur noch darum geht, ihn bei Laune zu halten und seine Kondition zu erhalten. Mir ist aber bewusst, dass das Verständnis dafür noch nicht besonders groß ist.

Sie hätten bei 1860 viele Spieler gerne länger in der Jugend gehalten. Kam für das Tafelsilber der Löwen der Profibereich zu früh?

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Tanner über seine Kritik am Verein: "Wenn man die Wahrheit nicht mehr sagen darf, dann muss man aufhören." © sampics

Tanner: Das ist nicht nur bei 60, sondern landläufig ein Problem. Sicherlich ist es nicht glücklich, wenn ein 17-Jähriger in der zweiten Liga spielt, der körperlich dazu noch gar nicht reif ist. Wenn ich jetzt sehe, wie etwa Sven Bender oder Marcel Schäfer in der Bundesliga auftrumpfen, wundert man sich schon. Keine Frage, in der zweiten Liga waren sie auch gut, aber wenn ich mir Statistiken ausschaue, war Sven mehr als die Hälfte seiner Zeit bei den Löwen verletzt. Das ist ein klarer Hinweis, dass es einfach zu früh ist, wenn der Spieler körperlich noch nicht so weit ist.

Im Sommer hatten Sie deshalb auch zu einem Rundumschlag gegen den Verein ausgeholt, als bekannt wurde, dass Sie nach Hoffenheim gehen. Würden Sie aus heutiger Sicht etwas anders machen? Der Verein warf Ihnen vor, Ihre Kritik sei Stammtisch-Gerede.

Tanner: Wenn Sie das Interview, das Sie hier ansprechen, heute im Rückblick sehen, hat sich fast alles von dem, was ich gesagt habe, bewahrheitet. Wenn man die Wahrheit nicht mehr sagen darf, dann muss man aufhören. Ich bekenne mich zu dem, was ich gesagt habe und würde das auch immer wieder so sagen. Diejenigen, die das als Stammtischparolen abgetan haben, haben vom Fußball gar keine Ahnung.

Mit Jürgen Jung hat ein Mann aus den eigenen Reihen Ihre Aufgabe übernommen. Die richtige Entscheidung?

Tanner: Ich schätze den Jürgen sehr. Er ist ein echter Arbeiter und ein sehr fähiger Kerl. Ich glaube, es wäre schwierig gewesen, in diesem speziellen Ressort jemanden zu finden, der hier geeigneter gewesen wäre.

Die Frage bleibt Ihnen leider nicht erspart: Wie würden Sie die aktuelle Situation beim TSV 1860 beurteilen?

Tanner: Auf bayerisch gesagt: Wie's immer war.

Wie viel Herzblut hängt noch am Verein?

Tanner: Ehrlich gesagt: Ich bin froh darum, dass ich einen gewissen Abstand gewinnen konnte. Wenn ich so weiter gemacht hätte, hätte ich mich wahrscheinlich aufgearbeitet. Im Nachhinein ist es gut, dass es so gekommen ist wie es jetzt ist.

Sie sind also rundum glücklich in Baden-Württemberg?

Tanner: Meine Familie fühlt sich hier sehr wohl. Nach längerer Zeit konnten wir jetzt endlich wieder einen längeren Urlaub machen. Das hat wirklich gut getan.

Gab's schon Situationen, in denen Sie als Bayer in Baden-Württemberg angeeckt haben?

Tanner: Ich bin hier ja in Baden. Auch wenn das Bundesland zusammengehört, ist die Rivalität zwischen den Badenern und den Württembergern groß. Da ist man als Bayer zum Teil sogar willkommener als einer, der aus dem Schwabenländle kommt. Aber klar, es gibt immer Dinge, an die man sich erst gewöhnen muss.

Zum Beispiel wenn man in der Kneipe ein helles Hefeweizen-Bier statt einem Weißbier bestellen muss?

Tanner: (lacht) Ich bin eher ein Weintrinker, in die Konfliktsituation komme ich nicht. Aber wenn man's ihnen erklärt, verstehen sie hier auch, was ein Weißbier ist.

Das Interview führte Christoph Seidl.

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