1860-Vize verrät Details

Sitzberger: Ismaik hat Fans getäuscht - Ersatzsponsor stand bereit

Die Vizepräsidenten des TSV 1860 München, Hans Sitzberger (l.) und Heinz Schmidt.
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Die Vizepräsidenten des TSV 1860 München, Hans Sitzberger (l.) und Heinz Schmidt.

Obwohl Hasan Ismaik das Geld für die Drittliga-Lizenz verweigerte, hätten die Löwen fast die erforderlichen Millionen aufgetrieben. Dies verriet Vizepräsident Hans Sitzenberger.

München - Hans Sitzberger gilt nicht als Meister der freien Rede. Drei Tage nach dem zweiten Abstieg des TSV 1860 binnen einer Woche bittet der Vizepräsident und Sponsor die Münchner Presse in seine Straßenreinigungsfirma; dort, im Bürogebäude, hinter einer Flotte Kehrfahrzeugen und einem Berg Rollsplit, zeigt sich der 64-Jährige bestens vorbereitet. Seine Gedanken hat er auf vier Computerseiten zusammengefasst, wesentliche Punkte markiert („Warum bin ich so enttäuscht?“) oder mit Fettdruck versehen. Selten weicht er vom Protokoll ab, das erste Mal nach 30 Minuten, als er auf seine „schwere Kindheit“ zu sprechen kommt. Seine Lehre daraus: „Ich bin einer, der gibt nie auf.“

Sitzbergers Firma wirbt bei 1860 mit dem Slogan: „Mia kehrn zsam.“ Das passt, denn der Berg an Scherben, den es zusammenzukehren gilt, ist gigantisch. Der Verein liegt seit Freitag in Trümmern, jeder schießt gegen jeden. Eine gemeinsame Zukunft mit Investor Hasan Ismaik scheint unmöglich – die angestrebte Abnabelung von ihm dürfte zumindest schwer werden. Sitzberger jedoch hat seinen Kampfgeist längst wiedergefunden. Mit Robert Reisinger wurde im Eiltempo ein neuer Präsident berufen, Hauptsponsor „Die Bayerische“ hat sich klar positioniert – gegen Ismaik. Dazu gibt es Rainer Kochs BFV, der den Löwen offenbar sehr wohlgesonnen ist. Sitzberger improvisiert noch einmal bei seinem Vortrag und zitiert Angela Merkel: „Wir schaffen das!“

Wie, das wollte oder konnte er allerdings noch nicht im Detail verraten. Zunächst ging es ihm darum, sich und seinen Vizekollegen Heinz Schmidt vom Vorwurf freizusprechen, nicht alles für die Rettung seiner Löwen getan zu haben. Zur Veranschaulichung berichtet Sitzberger von fieberhaften Bemühungen auf der Geschäftsstelle, noch in den letzten Minuten bis zum Ablauf der DFB-Frist am Freitag, 15.30 Uhr, Gelder zur Rettung der Drittligalizenz aufzutreiben. Kurzfristig sei noch einen Sponsor aufgetaucht, „der 9 Millionen Euro für Werbung auf den Ärmeln zahlen wollte“. In der Kürze der Zeit sei ein seriöser Vertragsabschluss aber nicht zu realisieren gewesen. Ismaiks Beitrag dagegen: Er habe „um 15.31 Uhr“ auf den Knopf gedrückt – und die Fans mittels einer Rundmail und einer SMS an die Süddeutsche Zeitung (einziger Inhalt: „4“) auf eine Zukunft in der Regionalliga vorbereitet.

Ismaik will klagen

Sitzbergers Eindruck zum Mitgesellschafter, den er lange gestützt habe: „Er täuscht unsere Fans, er täuscht unsere Mitglieder.“ Nicht nur der Unternehmer hat den Eindruck, dass Ismaik den Abstieg ins Amateurlager billigend in Kauf nahm – weil er sich davon versprochen haben könnte, ohne 50+1-Fesseln einen Durchmarsch nach dem Vorbild von RB Leipzig zu starten. Diese Einschätzung teilt auch Heinz Schmidt, der kürzlich meinte: „Irgendjemand scheint ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt zu haben.“ Die Idee, dass sich der Weg zur absoluten Macht außerdem des Zuständigkeitsbereichs von DFB/DFL einfacher gestalten könnte.

Das jedoch wusste der clever antizipierende BFV zu verhindern. Am 2. Juni, dem Tag der Entscheidung über die Zukunft der Löwen, bestätigte Rainer Koch, dass sein Verband die Satzung dahingehend geschärft habe, dass 50+1 nun auch zweifelsfrei im Bereich des BFV gelte. Ismaiks Reaktion: Er kündigte eine Klage an – um 50+1 generell zu Fall zu bringen.

Warum die beiden Löwen-Vizes nicht früher Alarm geschlagen hätten, begründete Sitzberger mit den Statuten: „Wir vom e.V. dürfen ja rechtlich nicht ins operative Geschäft eingreifen.“ Alle hätten sich zudem an die kühnen Visionen geklammert, die Ismaik mit seinen Investitionen von 30 Millionen Euro allein in dieser Saison gestützt hatte: „Wir waren in einer Euphorie – durch seine ganzen Versprechungen.“ Ian Ayre, Ex-Manager des FC Liverpool, sei ihnen zudem als „Messias“ erschienen, „der alles in Ordnung bringen wird – mit dem Hasan seiner Unterstützung“. Entsprechend groß war dann der Schock, als Ismaik am 24. Mai „unerfüllbare Forderungen“ stellte – und neun Tage später tatenlos zusah, wie selbst die Drittligalizenz zur Illusion wurde.

Doch wie geht es nun weiter mit dem tief gefallenen TSV? Sitzberger sagt: Auf jeden Fall in der Regionalliga. Ein Aufnahmeantrag werde gestellt, sobald sich der Beirat einen Geschäftsführer eingesetzt habe – „notfalls mittels 50+1“, sprich: gegen Ismaiks Willen. Mit Markus Fauser soll am Dienstag ein neuer Geschäftsführer installiert werden. Wunschtrainer ist Daniel Bierofka, die Vorbereitung soll am 15. Juni starten.

Für die Zukunft der Löwen hat Vize Sitzberger vor allem einen Wunsch: „Eine freie Fußballwelt.“ Eine ohne Ismaik. Wie weit beide Parteien auseinander liegen, zeigte sich am Samstag nach dem Zwangsabstieg: e.V.-Vertreter wie Sitzberger klopften sich den Staub aus den Kleidern – Ismaik postete Selfies, die ihn beim Champions-League-Finale in Cardiff zeigen.

Alle Entwicklungen zu den Löwen gibt‘s hier im News-Ticker in der Übersicht!

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