Rummenigge: So haben wir den Löwen geholfen

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Karl-Heinz Rummenigge spricht über die Millionenhilfe für den TSV 1860

München - Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge verrät im Interview mit dem Münchner Merkur, wie der deutsche Rekordmeister dem TSV 1860 finanziell unter die Arme gegriffen hat.

Herr Rummenigge, ein turbulentes Jahr geht zu Ende, auch, was das Verhältnis zwischen dem FC Bayern und dem TSV 1860 angeht. Ist zu Weihnachten der Friede eingekehrt?

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews

Rummenigge: Die neuen Chefs, Herr Schäfer und Herr Schneider, waren vor kurzem bei uns. Wir haben den Eindruck, dass die beiden bemüht sind, alle Leichen bei 1860 aus dem Keller zu holen - und sie auch hoffentlich mal zu beerdigen. Das ist genau der Ansatz, den 1860 braucht. Die haben einen schweren Job vor sich, aber es sind Leute, die bereit sind, anzupacken. Man hat bei 1860 Jahre versucht, sich finanziell über die Zeit zu retten. Aber irgendwann kommt der Koloss an Problemen in voller Größe raus. Ich hoffe, die neue Führung packt es.

„1860 ist bemüht, alle Leichen aus dem Keller zu holen“

Immer wieder haben die Löwen den FC Bayern um Hilfe gebeten - haben Sie weiter ein offenes Ohr?

Rummenigge: Wir haben die Miete im Stadion schon um 50 Prozent reduziert, 1860 hat sich damit in den zurückliegenden Jahren bereits neun Millionen gespart. Dazu haben wir einen großen Beitrag geleistet, dass 1860 überhaupt noch die Lizenz hat. Die aktuelle Löwen-Führung weiß genau, dass der FC Bayern kein Interesse am Untergang von 1860 hat. Wir werden immer um ein vernünftiges Verhältnis bemüht sein. Die neuen Leute stehen mit beiden Beinen fest auf dem Boden, gehen die Probleme mit offenem Visier an, reden Klartext und sich nichts schön. Das ist eine Basis.

War der Gang vor Gericht von 1860 wegen der Catering-Zahlungen 2010 Ihre größte Enttäuschung?

Rummenigge: Das nicht. Aber der größte Witz war für uns, dass der damalige Geschäftsführer beim Lizenzierungsverfahren der DFL die streitbaren Summen bereits auf der Habenseite aufgeführt hatte. Da habe ich mir gedacht: Wenn so etwas auch noch möglich ist, verstehe ich die Welt nicht mehr. Der Prozess war ja zu keinem Zeitpunkt für 1860 zu gewinnen. Nicht ansatzweise.

Wie wichtig ist die Miete von 1860 für die Refinanzierung des Stadions?

Rummenigge:Natürlich trägt auch 1860 mit Zahlungen dazu bei, dass sich das Stadion trägt. Aber der größte Fehler des damaligen Geschäftsführers war, dass er den Fans so lange eingeredet hat, dass die Allianz Arena kein gescheites Stadion ist - obwohl es das mit Abstand beste und funktionellste im ganzen Land ist. Jetzt denken die 1860-Fans, sie dürfen da nicht hingehen, weil der Vermieter FC Bayern davon profitiert. Aber das ist ein Märchen. Sie tun 1860 was Gutes, wenn sie in die Allianz Arena kommen und ihren Klub anfeuern - nicht uns. Die Mannschaft spielt ja diese Saison auch recht schönen Fußball.

Wäre eine Alternative, 1860 zu entlassen und dafür künftig mit Konzerten Kasse zu machen?

Rummenigge:Nein, das wollen wir nicht. Das Konzept wurde von Anfang an exklusiv auf Fußball ausgerichtet. Konzerte gehören ins Olympiastadion. Ich war wegen der Stadionplanung viel unterwegs, in Amsterdam, in London, ich habe viele multifunktionelle Arenen gesehen - und alle dort haben uns geraten: Macht das nicht! Der Chef der Amsterdam-Arena war kürzlich da und hat uns wieder bestätigt: Ihr habt das perfekt gemacht. 

Finanziell steht der FC Bayern ohnehin bestens da. Der Stichtag rückt näher, dass die UEFA von den Klubs „Financial Fairplay“ verlangt. Man will Kosten besser kontrollieren. Wie gelassen sehen Sie neuen Auflagen entgegen?

Rummenigge:Wir sind gut vorbereitet auf das, was die UEFA in eineinhalb Jahren einführen wird. Es gibt einige große Klubs in Europa, die ihr Finanzverhalten gerade komplett überdenken. Wir müssen unsere Politik hingegen nicht umstellen, und das wird den FC Bayern in der Zukunft noch stärker machen. Mit den Vertragsverlängerungen von Lahm, Ribery und Schweinsteiger haben wir unsere Hausaufgaben gemacht - und sie waren Zeichen, dass wir unsere Spieler nicht kampflos abgeben.

Der FC Bayern wird in Europa immer beliebter: Die Rangliste

Eine Untersuchung des Marktforschungsunternehmens Sport+Markt hat die beliebtesten Vereine Europas festgestellt. Platz 28: Borussia Dortmund (4,2 Millionen Fans) © Getty
Platz 26: Hamburger SV (4,5) © Getty
Platz 23: Werder Bremen (4,9) © Getty
Platz 21: FC Schalke 04 (5,0) © Getty
Platz 20: Dynamo Kiew (5,3) © Getty
Platz 19: AS Rom (6,0) © dpa
Platz 18: Fenerbahce Istanbul (6,1) © Getty
Platz 17: Olympique Lyon (6,6) © dpa
Platz 16: Galatasaray Istanbul (6,8) © Getty
Platz 15: Ajax Amsterdam (7,1) © Getty
Platz 14: Olympique Marseille (7,8) © Getty
Platz 13: Spartak Moskau (9,0) © Getty
Platz 12: ZSKA Moskau (10,5) © dpa
Platz 11: Zenit St. Petersburg (12,6) © Getty
Platz 10: Juventus Turin (13,1) © Getty
Platz 9: FC Liverpool (16,4) © Getty
Platz 8: Inter Mailand (17,5) © Getty
Platz 7: AC Mailand (18,4) © Getty
Platz 6: FC Arsenal (20,3) © dpa
Platz 5: FC Bayern München (20,7) © Getty
Platz 4: FC Chelsea (21,4) © Getty
Platz 3: Manchester United (30,6) © Getty
Platz 2: Real Madrid (31,3) © Getty
Platz 1: FC Barcelona (57,8) © Getty

In den letzten Jahrzehnten wurde die Schraube sehr hoch gedreht - glauben Sie, dass gerade die ausländische Konkurrenz, die oft fragwürdige Wege beschritten hat, einfach zurückrudern kann?

Rummenigge:Die Bereitschaft, umzudenken, hält sich momentan tatsächlich noch etwas in Grenzen. Das verwundert mich. Ich glaube, viele Klubs haben noch nicht realisiert, was auf sie zukommt. Wenn ich etwa Manchester City nehme: Die haben 38 Spieler unter Vertrag, die kosten viel Geld. Dabei kann man in England nur 25 Mann zum Ligabetrieb anmelden. In Zukunft ist nur noch eine limitierte Finanzspritze von Mäzenen möglich. Ich weiß nicht, wie ein solcher Klub dann alles handhabt. Momentan zahlt da ja alles noch ein Scheich. Mir fehlt momentan ein bisschen der Glaube, dass alle bereit sind, die Vorgaben umzusetzen. Ich bin aber überzeugt, dass die UEFA das Thema seriös umsetzen wird. Denn wenn man so etwas einführt, dann muss das auch fair und ohne Kompromisse ablaufen.

Wie sehr in Sorge sind Sie eigentlich beim Stichwort Fußballwettmafia?

Rummenigge:Ich sehe im deutschen Fußball da kein wirklich dramatisches Problem. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich ein Bundesliga- oder Zweitligaspieler auf dieses Glatteis begibt. Dafür verdienen die Spieler hier einfach zu gut. Und du bist erledigt, wenn du sowas machst. In den unteren Klassen mag die Tür vielleicht nicht zur Gänze zu schließen sein, das hat aber auf die Seriosität des Fußballs keinen Einfluss.

Ist die größte Aufgabe hinter den Kulissen von Fußball-Deutschland in naher Zukunft das Thema Fernseh-Verträge?

Rummenigge:Der FC Bayern steht grundsätzlich zur zentralen Vermarktung. Sie ist die Grundlage, dass auch die kleineren Vereine überlebensfähig bleiben. Wir müssen die Einnahmen aber dringend steigern. Die Bundesliga ist von den fünf großen Ländern - England, Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland - Letzter in der Tabelle der TV-Einnahmen. Das ist Fakt. Ich weiß, dass der deutsche TV-Markt schwierig ist und sich Pay-TV hier nicht so durchsetzt wie gewünscht. Aber wenn die 400 Millionen Euro, die wir derzeit einnehmen, Bestand haben, wird der deutsche Fußball auf Dauer ein großes Problem bekommen. Wir können nicht immer nur mit Nachwuchsarbeit der internationalen Konkurrenz Paroli bieten. Es muss uns gelingen, aus dem Pay-TV-Bereich nachhaltig mehr Geld zu erhalten. In anderen Ländern wird in diesem Bereich mehr als das Doppelte bezahlt.

Ein großer Aufreger in der Hinrunde war der Streit zwischen Bayern und dem niederländischen Verband nach Arjen Robbens Verletzung. Wie ist da der Stand der Dinge?

Rummenigge:Die Gespräche laufen inzwischen auf sympathischer Ebene. Die Niederländer sind bemüht, die Kuh vom Eis zu holen. Uns ist sportlich und finanziell Schaden entstanden. Eventuell könnte eine Lösung sein, dass man ein Spiel Niederlande gegen Bayern macht und unseren Schaden mit den Einnahmen kompensiert. Beide Parteien sind da willig.

-Wie sehen Sie derzeit die FIFA? Die Entscheidung, die WM nach Katar zu vergeben, erntete nicht nur Applaus . . .

Rummenigge:Die Zusammenarbeit zwischen FIFA und Klubs muss sich wesentlich verbessern. Es gibt noch Vereinbarungen bis 2014, an die sich die Klubs halten müssen. Aber wenn sich nicht einiges gewaltig zum Wohle der Klubs ändert, werden wir infrage stellen, ob wir unsere Spieler wirklich in dem Maße abstellen müssen, wie es bisher immer der Fall war. Die FIFA erwirtschaftet mit unseren Angestellten Milliarden - ich bin nicht mehr bereit, das ohne weiteres zu akzeptieren. Wenn wir kein seriöseres Miteinander finden, kann ich mir vorstellen, dass es die Klubs zum Krach mit der FIFA kommen lassen.

„Klubs sind irritiert - es kann zum Krach mit der FIFA kommen“

Wo sehen Sie konkret Verbesserungspotenzial?

Rummenigge:Wenn ich zum Beispiel lese, dass man überlegt, eine WM in den Januar zu verlegen - das sind Dinge, die muss die FIFA mit den Klubs besprechen. Das hat Einfluss auf den kompletten Fußballkalender. Die FIFA trifft Entscheidungen im stillen Kämmerlein, ohne Absprachen mit den Vereinen - das werde ich so in Zukunft nicht mehr akzeptieren. Der Zusammenschluss europäischer Klubs ECA ist inzwischen auf 197 Mitglieder angewachsen - und diese Vereine sind von der FIFA und ihren Entscheidungen gerade sehr irritiert.

Das Gespräch führte Andreas Werner

Quelle: tz

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