1860 hat ein Zahlenproblem

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Auch Löwen-Kapitän Daniel Bierofka ist ratlos. Er fragt: "Was sollen wir denn tun?"

München - Frohe Weihnachten gibt es bei 1860 München nicht. Sportlich gab es zum Hinrundenabschluss mit dem 0:1 gegen Paderborn einen herben Dämpfer. Und finanziell stehen die "Löwen" vor dem Ruin.

Die Aufstiegsplätze sind weit entfernt, die Zuschauer laufen davon und mit über fünf Millionen Euro Schulden droht dem TSV 1860 München der finanzielle Kollaps: Die “Löwen“ haben am Ende ihres Jubiläumsjahres ein massives Problem mit den Zahlen. “Was sollen wir denn tun?“, fragte “Löwen“-Kapitän Daniel Bierofka nach der 0:1-Heimpleite am Sonntag in der 2. Fußball-Bundesliga gegen den SC Paderborn ratlos: “Wir können ja nicht einfach den Kopf in den Sand stecken.“ Trainer Reiner Maurer räumte erstmals ein, dass die Geldnot den Spielern an die Nerven geht: “Die stecken das nicht so einfach weg.“

Pleite für 1860 gegen Paderborn: Es hagelt nur so die Note 5

Der TSV 1860 München empfing zum Jahresabschluss den SC Paderborn. Doch viele Augen waren auf Dieter Schneider gerichtet. Schließlich kursierten mal wieder neue Spekulationen um die Schuldenlast der Löwen durch die Allianz Arena. Der Vizepräsident musste vor dem Spiel viele Fragen beantworten - und doch ist noch immer so vieles unklar. © Sampics
Auf der Tribüne drückte Kardinal Reinhard Marx (hier links neben Franz Maget) den Löwen die Daumen. © Sampics
Doch der himmlische Beistand sollte den Löwen an diesem Tag nicht viel helfen. © dpa
Paderborn erwies sich als der berfürchtet zähe Gegner. © dpa
Und die Löwen spielten über weite Strecken behäbig und uninspiriert. Ein fatales Handspiel unterlief aber nicht etwa Djordje Rakic ... © dpa
... sondern Innenverteidiger Kai Bülow, dem der Ball in der 23. Minute bei einer Grätsche im eigenen Strafraum an die Hand sprang. Der Schiedsrichter entschied auf Strafstoß gegen die Löwen - eine harte, aber auch vertretbare Entscheidung. © Sampics
Edmond Kapllani nutzte die Gunst und verwandelte. © dpa
Dennoch kamen die Sechzger im weiteren Spielverlauf zu Torchancen. © Sampics
Der letzte Biss fehlte jedoch im Spiel der Gastgeber. © Sampics
Dabei war die Chance doch so groß, sich über den Winter in der Spitzengruppe der 2. Bundesliga festzubeißen. © Sampics
Stattdessen herrscht jetzt mal wieder Tristesse. © Sampics
Ausgerechnet am letzten Hinrundenspieltag setzte es die erste Heimniederlage der Saison. © Sampics
Die zwischenzeitliche Erfolgsserie mit zehn ungeschlagenen Spielen in Folge - sie zählt jetzt nichts mehr. © Sampics
Manchmal hatte man das Gefühl, dass sich die Tauben auf dem Grün der Allianz Arena wohler fühlen als die Spieler des TSV 1860. © Sampics
Mehr als eine wehende Mähne hatte Stürmer Djordje Rakic kaum zu bieten. © Sampics
Und auch der eingewechselte Kenny Cooper ... © Sampics
... war im Sturm nur ein laues Lüftchen. © Sampics
Nach dem Spiel herrschte Wut ... © Sampics
... und Sprachlosigkeit ob der enttäuschenden Leistung. Es folgen die Löwen in der Einzelkritik. © Sampics
Király: Dicker Patzer, der fast das 0:2 bedeutet hätte. Ansonsten nicht viel geprüft. Note: 4 © Getty
Rukavina: Vergab in der 11. Minute eine große Chance. Der Frust darüber schien so groß gewesen zu sein, dass er in der Folge seine Aktivitäten einstellte. Note: 5 © Getty
Bülow: Hatte Pech, als der Handelfmeter gegen ihn gepfiffen wurde. Verhinderte mit einer artistischen Rettungsaktion das 0:2 (31.). Note: 4 © Getty
Bell: Ganz schwache Vorstellung in der ersten Halbzeit. Manchmal wie weggetreten. Note: 5 © Getty
Buck: Läuft weiterhin seiner Form hinterher. Legte teilweise unerklärliche Aktionen hin. Note: 5 © Getty
Bierofka: Verzettelte sich zu oft in Einzelaktionen. Er wollte, aber konnte meistens nicht. Note: 5 © Getty
Ab 81.: Volland ohne Bewertung © Getty
Schindler: Anstelle des verletzten Ignjovski zum zweiten Mal von Beginn an dabei. Wirkte vor der Pause total überfordert, manchmal direkt hilflos. Note: 5 © Getty
Ab 60: Leitner: Konnte auch nicht für den erhofften Umschwung sorgen. Zu pomadig. Note: 5 © Getty
Lovin: Begann schwach, bekam überhaupt keinen Zugriff zum Spiel. Nach einer halben Stunde dann etwas besser in der Partie. Note: 5 © Getty
Halfar: Seine Flanken landeten überall, aber keine einzige mal dort, wo sie hinsollte. Ging viel in Zweikämpfe, aber meistens auch als Verlierer heraus. Note: 5 © Getty
Ab 71. Cooper ohne Bewertung © Getty
Rakic: Machte in den ersten 45 Minuten keinen Stich, das Spiel lief völlig an dem langen Serben vorbei. Tore schießt er schon lange keine mehr. Note: 5 © Getty
Lauth: Hätte nach einer schönen Einzelaktion in der 32. Minute fast das 1:1 erzielt. Erhielt ansonsten im Angriff so gut wie keine Unterstützung. Pech bei einem Kopfball an den Pfosten (75.). Note: 4 © Getty

Für 1860 endet ein denkwürdiges Jahr: In Manfred Stoffers und Robert Niemann schmissen gleich zwei Geschäftsführer hin. Wochenlang suchte der Verein nach seinem urplötzlich verschollenen Spieler Savio Nsereko, dem inzwischen gekündigt wurde. Und Ende Oktober wendeten die Sechziger gerade noch eine drohende Insolvenz ab. Außerdem strich die Deutsche Fußball Liga (DFL) wegen Lizenzierungsfehlern zwei Punkte vom 1860-Konto. “Sechzig hat leider das Bild eines Chaos-Vereins“, gibt Sportdirektor Miroslav Stevic zu: “Dieses Image wieder aufzupolieren, ist ein langfristiger Prozess.“

Stürmerstar Benjamin Lauth findet: “Das ist 1860: Jedes Jahr ist irgendetwas los. Dennoch wünsche ich mir, dass es im nächsten Jahr etwas ruhiger wird.“ Wünsche sind erlaubt, doch die Vorzeichen für ein unaufgeregtes Jahr 2011 an der Grünwalder Straße stehen schlecht. Am 13. Januar muss 1860 der DFL einen Liquiditätsnachweis von rund 5,3 Millionen Euro erbringen. Sonst droht ein weiterer Punktabzug ­ oder gar der Lizenzentzug. Aufsichtsratschef Otto Steiner spricht von einer “Fifty-fifty“-Chance, um “durch dieses Nadelöhr“ zu kommen: “Ohne Investoren ist eine Sanierung schwer möglich.“ Die neue Finanz-Führung der Münchner, der erst 34 Jahre alte Geschäftsführer Robert Schäfer und Vizepräsident Dieter Schneider, müht sich, um die Insolvenz des Traditionsvereins abzuwenden. “Wir räumen hier auf, wir müssen das tun“, begründete Schäfer Gehaltskürzungen und Entlassungen. “Sonst wäre es bald vorbei mit 1860.“

Ihre Vorgänger haben dem Duo Altlasten hinterlassen. Es seien “Einnahmen vorgezogen und Ausgaben ins nächste Jahr geschoben worden“, hatte Schäfer bald feststellen müssen. In der Winterpause werden den Verein wohl wieder einige Spieler verlassen müssen. “Der Kader ist zu groß und sicher nicht der günstigste der Liga“, sagte Schneider. Dem 63-Jährigen bereiten auch die vielen leeren Ränge bei den Heimspielen weitere Sorgen. In der Hinrunde fiel der Zuschauerdurchschnitt in der teuer gemieteten Allianz Arena auf unter 20 000 zurück. Immerhin: Bislang lieferte die Mannschaft ansprechende sportliche Leistungen, der Anschluss zu den Aufstiegsrängen blieb gewahrt ­ bis Sonntagnachmittag. Ein umstrittenes Handelfmetertor des Paderborners Edmond Kapllani (23. Minute) versetzte 1860 in Weihnachtsdepressionen. “Dieser Schiedsrichter war eine einzige Enttäuschung“, schimpfte Coach Maurer. Beim sonst so besonnenen Schwaben lagen die Nerven blank, man hörte ihn noch über eine Stunde nach Abpfiff lautstark wüten.

 dpa

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