Interview mit ehemaligem 1860-Chef

Ex-Löwen-Präsident Schneider: „Es war ein Opfer“

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„Man hätte so viel aus diesem Verein machen können“: Ex-Präsident Dieter Schneider.

Seit gut vier Jahren ist Dieter Schneiders Job als Präsident des TSV 1860 München vorbei. Im Exklusiv-Interview blickt er zurück auf eine turbulente Zeit und verrät, was seiner Meinung derzeit den Erfolg bei den Löwen verhindert.

München – Im Garten zwitschern die Vögel um die Wette, drinnen steht ein Topfenkuchen auf dem Tisch, den Gipsy Schneider in der Früh gebacken hat. Der Hausherr kommt zur Tür rein, Pantoffeln mit 1860-Logo an den Füßen, doch dieses Bekenntnis sollte man nicht überbewerten. Die Löwen-Liebe von Dieter Schneider wurde seit seinem Aus im Frühjahr 2013 einer schweren Prüfung unterzogen, und auch der Ex-Präsident selbst hat keine einfache Zeit hinter sich. Ein operativer Eingriff setzte ihn lange außer Gefecht, der schon immer hagere Unternehmer hat noch mehr an Körpergewicht verloren. Die wichtigste Nachricht aber: Sein Geist ist weiterhin hellwach, was im Interview Ausdruck findet, das unsere Zeitung vor seinem 70. Geburtstag an diesem Samstag im Schneiderschen Anwesen in Röhrmoos geführt hat.

Herr Schneider, Sie sind seit ein paar Wochen aus der Rehaklinik zurück, Ihren Löwen dagegen geht es schlechter denn je. Haben Sie das 1:2 gegen Bochum live mitverfolgt?

Dieter Schneider: Ich wollte es auf Sky anschauen, aber irgendetwas hat mit meinem Receiver nicht gestimmt. Meine Frau hat mir dann vom Handy runter den Liveticker vorgelesen.

Vor etwas mehr als vier Jahren endete Ihre Präsidentschaft, nachdem Sie der Aufsichtsrat aus dem Amt gedrängt hatte. Was empfinden Sie jetzt, da Ihr Verein auf der Schwelle zur 3. Liga steht?

Schneider: Ich denke an die Bedingungen, die wir damals hatten: Mit einem Budget von 6,5 Millionen Euro haben wir um Platz fünf mitgespielt – und sind schwer dafür kritisiert worden. Aktuell schätze ich den Kader vorsichtig auf 13 bis 15 Millionen, aber es bewahrheitet sich die alte Regel: Geld schießt keine Tore.

Was steht dem Erfolg aus Ihrer Sicht im Wege?

Schneider: Ich denke, es fehlt der innere Zusammenhalt. Angefangen bei der Führung – bis zum letzten Mann auf dem Platz. Das ist wie in einer Firma: Wenn die Stimmung von oben runter nicht passt, dann kann auch die Leistung nicht kommen. Geld hilft, aber nicht, wenn man es einfach so reinschustert nach dem Motto: Ich hole mir für jeden Posten einen Hochkaräter – und dann wird’s schon klappen. Investiert man dagegen entlang einer Philosophie, kann man viel erreichen.

Welcher Kardinalfehler wurde gemacht?

Schneider: Ich sag’s mal so: Ein Verein, der im Abstiegskampf 40.000 Zuschauer zieht, der hat ja eine gefestigte regionale Kultur. Die darf man nicht zerstören. Globalisierung schön und gut, aber ein Verein braucht regionale Identifikationsfiguren, und die gibt es nicht.

Diente nicht die Rückholaktion Stefan Aigner genau diesem Zweck?

Schneider: Der arme Aigner steht doch auf verlorenem Posten. Verstehen Sie mich nicht falsch: Auch ein Gabor Kiraly oder Necat Aygün kann Identität stiften – das hat nichts mit der Nationalität zu tun. Eine natürliche Hackordnung kann sich nur um Leute herum bilden, die sich voll mit dem Verein identifizieren.

„Es sind die Geister, die man gerufen hat“

Im Grunde ist ja genau das eingetreten, was Sie stets verhindern wollten: Dass Investor Hasan Ismaik alle Macht an sich reißt.

Schneider: Es sind die Geister, die man gerufen hat. Seinerzeit habe ich den Aufsichtsrat fast angefleht, dass wir gemeinsam eine Linie fahren – nicht gegen Ismaik, wie das bösmeinende Menschen dargestellt haben. Sondern für unsere Philosophie – auf Augenhöhe mit dem Investor. Das Resultat war, dass einige Personen den Hasan regelrecht gegen mich aufgehetzt haben.

Wer zum Beispiel?

Schneider: Die betroffenen Personen gingen ja damals mehrmals durch die Presse (lächelt). Da wurde teilweise mit Ellbogen gearbeitet, um als Erster beim Hasan hinten drin zu sein. Die Weichen, die damals gestellt wurden, wirken sich heute so richtig aus.

Peter Cassalette macht es komplett anders als Sie: Er scheint auf jeglichen Widerstand zu verzichten . . .

Schneider: Als Cassalette Präsident wurde, hat er mich direkt kontaktiert und zum Essen eingeladen. Das hatte Stil.

Was war Ihr Eindruck?

Schneider: Er schien die Risiken zu kennen und hat nach meinen Informationen schwer mit dem Verwaltungsrat gekämpft – zumindest am Anfang.

Ein verlorener Kampf?

Schneider: Den ganz tiefen Einblick habe ich nicht mehr, aber was ich erlebt habe, war tief unter der Gürtellinie. Ich war im Vorstand von Konzernen wie Elektrolux. Das war auch eine Ellbogengesellschaft, aber nichts gegen das, was bei 1860 ablief. Unvorstellbar!

Sie klingen, als hätten Sie sich emotional entfernt von Ihrem Verein.

Schneider: Das ist auch so. Eine bewusste Entscheidung – meiner Gesundheit zuliebe. In dieser Hinsicht war meine Präsidentschaft ohnehin ein Fehler. Die Zeit hat mich tief unter die Haut getroffen. Um es mit Pathos auszudrücken: Es war ein Opfer von mir – aber es war’s vielleicht wert.

„Man hätte so viel aus dem Verein machen können“

Weil Sie den Verein damals gerettet haben?

Schneider: Es gab damals nur zwei Alternativen: Insolvenz und Zwangsabstieg – oder Rettung mit Hilfe eines Investors. Man kann bis heute darüber streiten, was besser gewesen wäre – ich verschließe mich da keinem Gegenargument. Nur eines sollte jedem bewusst sein: Ein Neuanfang im Amateurlager wäre schief gegangen ohne Ende mit unseren Gremien damals.

Angenommen, die Löwen steigen jetzt in die 3. Liga ab. Was würde das für den Verein bedeuten?

Schneider: Auch in der 3. Liga wäre aus meiner Sicht keine erfolgversprechende Philosophie vorhanden, keine Identifikationsfigur. Wobei ich dem Hasan den guten Willen gar nicht absprechen möchte. Die ganze Entwicklung tut einfach nur weh. Man hätte so viel aus dem Verein machen können.

Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu Leuten aus dem Verein?

Schneider: Vereinzelt. Ich möchte aber keine Namen in der Zeitung nennen, weil das diesen Personen schaden könnte.

Sogar als Sponsor haben Sie sich zurückgezogen.

Schneider: Ich wurde zurückgezogen, muss man korrekterweise sagen. Ich hatte immer 14 VIP-Sitze, für die ich 70.000 Euro pro Jahr bezahlt habe. Zusammen mit meinem Sponsoring waren das ungefähr 200.000 Euro pro Jahr, aber die wollte man nicht mehr.

Das müssen Sie näher erklären.

Schneider: Es ging darum, dass ich meine Business-Plätze verlängern wollte. Daraufhin wurde mir von Noor Basha und Markus Rejek, den damaligen Geschäftsführern, mitgeteilt: Oh, das geht leider nicht. Weil ich dem Hasan ein Dorn im Auge sei. Er wollte mich aus dem VIP-Bereich raus haben. Ganz im Sinne auch von meinem Nachfolger Gerhard Mayrhofer. Der konnte nicht so gut damit umgehen, dass jemand unter Umständen beliebter war als er selbst.

Jubelnden Funktionären des FC St. Pauli soll es ähnlich wie Ihnen ergangen sein. Was dachten Sie, als Sie von dieser Affäre gehört haben?

Schneider: Was dachte ich? Man schämt sich und sagt sich: Typisch, Sechzig. Mein Stil ist das nicht, denn ich bin altmodisch erzogen worden und habe stets großen Wert auf Gastfreundschaft gelegt – wie ich sie übrigens auch in allen Stadien erfahren habe.

Stichwort Gastfreundschaft. Feiern Sie am Samstag in größerem Stil?

Schneider: Nein, nur in ganz kleinem Rahmen. Ich mache mir nicht so viel aus großen Feiern. Es beschränkt sich weitgehend auf den Familienkreis. Unser Enkelkind wird auch dabei sein. Sie kam im Februar auf die Welt und ist momentan unser größtes Glück.

Interview: Uli Kellner

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