Ex-Löwe Tanner: Ich durfte die Wahrheit nicht mehr sagen

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Im Sommer verließ Ernst Tanner die Löwen nach 15 Jahren.

München - 15 Jahre lang kümmerte sich Ernst Tanner bei den Löwen um den Nachwuchs. Doch am Ende der vergangenen Saison packte er seine Koffer in Richtung Hoffenheim. Im Interview erklärt er seine Gründe.

Hoffenheim, vier Uhr Nachmittags. Ernst Tanner hebt ab, seine Stimme am Telefon klingt entspannt. Um zwei Uhr Nachts erst ist er wieder daheim angekommen: Familienurlaub auf Kapverde, dem ersten seit Jahren. "Das hat richtig gut getan, endlich mal ausspannen", schwärmt der neue Nachwuchsleiter der TSG 1899 Hoffenheim. Auf die Löwen angesprochen, klingt seine Stimme weit weniger euphorisch: "Eigentlich bin ich nicht besonders scharf darauf etwas über 1860 zu sagen."

Am Ende tat er es doch. Ein Interview über Tanners neue Herausforderung in Hoffenheim, über Wahrheiten, die nicht mehr ausgesprochen werden dürfen, verkannte Talente beim TSV 1860 und warum der Urbayer keine Probleme hat, wenn er in Baden ein Weißbier bestellt.

Herr Tanner, wie haben Sie sich nach Ihrer Zeit beim TSV 1860 in Hoffenheim eingelebt?

Ernst Tanner: Ich bin hier sehr gut aufgenommen worden. Es wurde mir alles sehr leicht gemacht. Die Position, die ich begleite, hat es in dieser Form bei 1899 noch nicht gegeben. Auch im Nachwuchs- und Amateurbereich befinden wir uns gerade mitten in einer Phase der Umstrukturierung.

Wie sieht Ihr Aufgabenbereich denn konkret aus?

Tanner: Bisher hat es hier keinen Leiter des Nachwuchsleistungszentrums gegeben. Auch die Amateurmannschaft war eigenständig. Wir haben sie mit dem Jugendbereich zusammengeführt. Darüber trage ich jetzt die Verantwortung.

Was unterscheidet Ihren jetzigen Verantwortungsbereich von Ihrer Arbeit bei den Löwen?

Tanner: Eigentlich nicht viel. Bei 1860 sind wir diesen Schritt nur schon sehr viel früher gegangen.

Ist Hoffenheim für Sie ein Neuanfang mit mehr Erfahrung im Gepäck?

Tanner: Klar, ich bringe meine Erfahrung aus dem Prozess mit, den wir bei den Löwen 2003 in die Wege geleitet haben. In Hoffenheim war aber bereits sehr viel Knowhow und Kompetenz da, als ich kam.

"In Hoffenheim muss ich nicht alles alleine machen"

Was reizt Sie an Ihrer neuen Aufgabe?

Tanner: Ich kann hier in einem starken Umfeld arbeiten. Es sind viele Leute da, die bundesweit im Spitzenbereich zu sehen sind. So kann auch ich mich weiterentwickeln. In Hoffenheim muss ich nicht immer alles alleine machen. Es gibt viele Leute im Verein - wie etwa Ralf Rangnick-, die sehr genau auf den Jugendbereich schauen. Ralf möchte dort seine Vorstellungen verwirklicht sehen.

Das Argument für die Löwen war immer, dass junge Spieler dort schneller im Profibereich Fuß fassen können. Wie ist das in Hoffenheim?

Tanner: Die Durchlässigkeit ist immer da, weil sie maßgeblich von den entscheidenden Personen abhängt. Ralf Rangnick sucht immer gezielt nach jungen Spielern, die er einbauen kann. Das entscheidende Kriterium für einen jungen Spieler in Hoffenheim ist jedoch, dass er auf dem Level der ersten Mannschaft mithalten kann. Einen Spieler in der ersten Liga auf Topniveau zu bringen, ist weitaus schwieriger, als ein Talent in der zweiten Liga bei einer durchschnittlichen oder vielleicht sogar unterdurchschnittlichen Mannschaft zu integrieren.

Sprechen Sie mit der unterdurchschnittlichen Mannschaft Ihre Vergangenheit an?

Tanner: Da bei den Löwen kein Geld da war und man deshalb zwangsläufig auf eigene Talente setzen musste, hat man junge Spieler zum Teil so genommen, wie sie waren - und das war oft viel zu früh. Bei der TSG 1899 ist die Situation eine andere. Wir haben eine sehr gute Bundesliga-Mannschaft. Somit kann das Talent in der U23 so lange reifen, bis es wirklich soweit ist. Dann erst kann ein junger Spieler in den Kader der Profis integriert werden. Für unsere Talente ist das in Hoffenheim sicher eine beschaulichere und ruhigere Situation als bei den Löwen.

Wann sieht die Bundesliga den ersten Hoffenheim-Profi, der den Ernst-Tanner-Stempel trägt?

Ernst Tanner über Jugendarbeit: "Ich arbeite gerne in der Jugend, gerade weil man hier sehr viel ausprobieren kann und nicht nur am kurzfristigen Erfolg gemessen wird."

Tanner: Bei uns bekommt niemand einen Stempel aufgedrückt. Die Jugendarbeit in Hoffenheim ist langfristig angelegt. Das Niveau der ersten Mannschaft wurde in den letzten drei Jahren extrem hoch angesetzt. Im Jugendbereich müssen wir deshalb Geduld zeigen und warten, bis sich eigene Talente bei den Profis etablieren können. Ich bin mir aber sicher, dass wir in den nächsten Jahren die Früchte unserer Arbeit tragen werden. Wir haben in den unteren Mannschaften sehr gute Jahrgänge. Von der B-Jugend abwärts müssen wir jetzt versuchen, diese Jungs sukzessive hochzufahren.

Im Grunde bauen Sie in Hoffenheim also ein Fundament auf, ähnlich wie Sie es bei den Löwen gemacht haben?

Tanner: 1993/94 war die Jugend bei 60 am Boden. Letztendlich hat es dort vier bis fünf Jahre gedauert, bis wir die ersten Talente bei den Profis integrieren konnten. Ähnlich muss man das auch in Hoffenheim sehen, nur dass wir hier bessere Grundlagen haben.

Warum Hoffenheim? Beruflich hatten Sie nach Ihrer Zeit bei den Löwen ja auch andere Perspektiven als die Jugendarbeit.

Tanner: Ich arbeite gerne in der Jugend, gerade weil man hier sehr viel ausprobieren kann und nicht nur am kurzfristigen Erfolg gemessen wird. Ich wollte nach meiner Zeit bei 60 eine neue Perspektive, einen Verein, bei dem ich die Möglichkeit bekomme, wieder etwas dazuzulernen, um mich noch mal selbst zu verwirklichen. In Hoffenheim habe ich optimale Bedingungen vorgefunden. Der Schritt war die richtige Entscheidung.

Wood, Manga, Imbongo: Das ist die neue Löwen-Zukunft

Auf Markus Ziereis hält Reiner Maurern große Stücke: "Ziereis bewegt sich sehr gut und hat eine unglaubliche Nase für gefährliche Situationen." © sampics
David Manga war in der vergangenen Saison der Leistungsträger bei der U23. Elf Vorlagen und fünf Tore kann der 21-Jährige vorweisen. Unter Ex-Coach Lienen trainierte Manga schon bei den Profis mit. © Sampics
Dimitry Imbongo Boele kam 2008 aus Frankreich zu den Löwen. In der vergangenen Saison schoss er in 16 Spielen sechs Tore für die zweite Mannschaft. Stoffers glaubt: Boele wird der neue Mlapa. © Sampics
Eigentlich hatte Manuel Schäffler den Sprung zum Stammspieler bereits geschafft. Doch unter Ewald Lienen war der 21-Jährige bei den Löwen nicht mehr erste Wahl. © getty
Trotz des Trainerwechsels packte Schäffler seine Sachen und will nun beim MSV Duisburg Spielpraxis sammeln. Dorthin ist er für ein Jahr auf Leihbasis gewechselt. © getty
Aleksandar Ignjovski besticht auf dem Spielfeld mit seiner Übersicht. Der serbische U19-Nationalspieler ist im defensiven Mittelfeld gesetzt. © Sampics
Ignjovski ist auf dem Transfermarkt heiß begehrt. Wird es seine letzte Saison bei den Löwen? Der AC Florenz besitzt ein Vorkaufsrecht. © getty
Sandro Kaiser hat sich in kürzester Zeit in die Herzen der Löwenfans gespielt. Unter Ewald Lienen stand Kaiser immer wieder in der Stammelf. © Sampics
Kaiser kam 2001 zu den Löwen. Sein Vertrag läuft noch bis 2012. © getty
Neben Sandro Kaiser durfte auch Tarik Camdal in der  vergangenen Saison immer wieder Profiluft schnuppern. © getty
Trotz seines Alters gehört das junge Talent bereits zu den Geheimwaffen beim TSV. Ob ihm in dieser Saison der Durchbruch gelingt? © getty
Lange Zeit musste Emanuel Biancucchi auf seinen ersten Einsatz im Löwendress warten. Seit dieser Saison gehört er endgültig zum Profikader. © Sampics
Miki Stevic verlängerte seinen Vertrag bis 2012. © getty
Wer kennt ihn nicht bei den Löwen? „Das ist  doch der, der gegen den Ribéry gespielt hat“, heißt es oft. Nach dem Pokal-Auftritt von Benny Schwarz gegen den französischen Nationalspieler war der Löwe in aller Munde. © getty
Der Linksverteidiger war lange verletzt. Nach einem Streit mit Ewald Lienen stand Schwarz auf dem Abstellgleis. Nach einem halben Jahr in Unterhaching will sich Schwarz in der Vorbereitung wieder in die erste Mannschaft spielen. © getty
Der Deutsch-Albaner Kushtrim Lushtaku fand in der vergangenen Saison den Weg an die Isar. Er überzeugte Ex-Trainer Ewald Lienen im Probetraining.  © Sampics
Auf einen Einsatz in der zweiten Liga wartet Lushtaku immer noch. © getty
Christopher Schindler ist bei den Löwen ein Urgestein. Er kickt bereits seit der E-Jugend beim TSV 1860. Bei Trainingsauftakt durfte der 20-Jährige bereits mit den Profis trainieren. © Sampics
Tobias Strobl (20) ist gebürtiger Münchner. Der Defensiv-Spezialist sollte in der kommenden Saison auf Leihbasis für Unterhaching spielen, ein Engagement zerschlug sich. © Sampics
Björn Bussmann gilt in Deutschland als großes Torwart-Talent. Der 19-Jährige stand schon in England im Nachwuchs der Blackburn Rovers zwischen den Pfosten. © Sampics
In dieser Saison ist Bussmann hinter Gabor Kiraly und Phillipp Tschauner als dritter Torwart eingeplant. © Sampics
Vitus Eicher ist seit 2000 bei den Löwen. Der 19-Jährige darf sich in der Vorbereitung im Wechsel mit Björn Bussmann bei den Profis beweisen. © Sampics
Kevin Volland ist ein Mann für die Offensive - vielleicht ja auch bald die der Profis © sampics
Bobby Wood ist das sonnige Naturell ins Blut gelegt - er wurde auf Hawaii geboren. Bei den Löwen steht dem Offensiv-Allrounder eine große Zukunft bevor © sampics

Haben Sie diese Perspektiven in München nicht mehr gesehen?

Tanner: Der Jugendbereich entwickelt sich fort, und das hängt auch maßgeblich mit der finanziellen Situation zusammen. Bei den Löwen ist die Frage, wie lange man den jetzigen Status in der zweiten Liga noch aufrechterhalten kann. Zudem habe ich nie einen Hehl daraus gemacht, dass es mir darum geht, die Jungs, die wir ausgebildet haben, im Profibereich entsprechend weiterzubilden. Für mich ist das in der Jugendarbeit ein notwendiger Punkt. Hier sehe ich in Hoffenheim klar die besseren Möglichkeiten.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, warum beim TSV 1860 viele Talente nicht den Sprung in die Profimannschaft geschafft haben, was Ernst Tanner von seinem Nachfolger Jürgen Jung hält und warum er sich auch heute noch zu seiner Kritik am Verein bekennt, die er nach seinem Abschied geäußert hat.

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