Erste Löwen-Krise: Meister Wolfsburg als Mutmacher

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Auf dem Weg zur „Nr. 1“ ist noch viel zu tun: Das weiß auch Trainer Lienen.

München - Da ist sie also, die erste Krise der Saison. Vier Spieltage hat es nur gedauert, bis die hoffnungsvoll gestarteten Löwen jegliche Euphorie getötet haben.

Und was die Sache noch schlimmer macht für den leidenden Anhang: Es gäbe ja einen relativ einfachen Weg aus der Krise, der Lokalrivale hat ihn soeben vorgemacht. Der Haken dabei: Ein Kaliber wie Arjen Robben wird sich kaum bis Mitternacht auftreiben lassen, wenn die Transferliste schließt. Ein weiterer kleiner Haken: Die knapp 25 Millionen Euro, die die Bayern für den niederländischen Dribbelkünstler hingelegt haben, entsprechen etwa vier Saisonetats des TSV 1860. Und überhaupt: So desolat, wie die Blauen beim 0:0 in Ahlen aufgetreten sind, würde eine Verstärkung kaum reichen.

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Im Löwen-Lager steht man mal wieder vor einem Rätsel: Wie ist es möglich, dass eine auf entscheidenden Positionen erneuerte Mannschaft binnen kürzester Zeit genau in jenen Trott verfällt, den man bis zum Frühjahr Marco Kurz anlastete? Dass sich das als Traumsturm gefeierte Duo Kenny Cooper/Benny Lauth gerade mal eine Torchance beim Tabellenvorletzten erspielt? Dass ein geordneter Spielaufbau nicht stattfindet? Dass Profis wie Florin Lovin, die bei ihrer Ankunft vor Selbstvertrauen und Tatendrang strotzten, nicht wiederzuerkennen sind? Und Ewald Lienen hilflos kritisiert, dass der Schiedsrichter überpünktlich abgepfiffen hat?

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Erklärungsversuche. Die von einem langjährigen Beobachter geäußerte Theorie, dass Werner Lorant bei seiner Demission vor acht Jahren einen Fluch ausgesprochen hat und Löwen-Mannschaften seither untrainierbar sind, klingt zwar plausibel, wenn man die vielen Trainernamen durchgeht, die sich seither versucht haben (Pacult, Götz, Vanenburg, Bommer, Maurer, Schachner, Kurz, Wolf). Letztlich führt die These des glühenden Lorant-Verehrers aber auf populärwissenschaftliches Glatteis. Es muss also eine andere Ursache geben. Vermutlich kommt man der Sache etwas näher, wenn man das Wirken der Faktoren Geld, Qualität und Erwartungshaltung in einen Zusammenhang stellt.

Man kann den Löwen ja nicht unbedingt vorwerfen, dass sie unbegabte Spieler zusammengekauft haben. Kiraly, Felhi, Lovin und Cooper sind allesamt international erprobt, der junge Ignjovski gilt zudem als Versprechen, das auch bei Erstligisten Begehrlichkeiten weckte. Doch das Bestreben, nicht nur eine neue Mannschaft zusammenzustellen, sondern auch eine völlig neue Hierarchie einzurichten, hat schon bei weitaus prominenteren Klubs Geduld erfordert. Das beste Beispiel ist der VfL Wolfsburg, bei dem die Magath-Ära auch eher schleppend in Gang kam. Die Wölfe, die viel mehr Geld in die Hand genommen haben, um Dutzende neuer Profis zu erwerben, hatten nach vier Spieltagen erst vier Punkte (wie 1860 jetzt), nach dem Ende der Hinrunde noch immer eine negative Bilanz – erst als sich das Team gefunden hatte, stellten sich Erfolge ein: Platz fünf am Ende des ersten Magath-Jahres – und die Meisterschaft 2009 als krönenden Abschluss.

Genau diese Geduld wünschen sich nun die Löwen, die mit Lars Bender zuletzt einen Stabilisator abgegeben haben, der in dieser Phase womöglich fehlt. „Vier Punkte sind sicher kein Traumstart“, sprach Sportchef Miroslav Stevic sich und dem Umfeld Mut zu, „aber es auch kein Grund, jetzt alles in Frage zu stellen. Wir wussten, dass es ein langer Weg wird.“ So ähnlich sieht es auch Benny Lauth, der Kapitän. „Die Mannschaft ist noch im Findungsprozess“, sagte der Torjäger vor einem kollektiven Brunch am Sonntag. „Wir müssen die Ligapause nutzen, um an unserem Offensivspiel zu arbeiten.“ Angriffsspektakel dauern eben etwas länger, wenn man nicht in der glücklichen Lage ist, bei der Hausbank die Festgeldabteilung ansteuern zu können.

Uli Kellner

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