Mehr Pflichtspiele als der FC Bayern

Bierofka exklusiv: „Aufstieg - sonst droht ein Knacks“

+
Löwe aus Überzeugung: Bierofka lebt Biss und Charakter vor - das Team folgt ihm.

Daniel Bierofka geht mit dem TSV 1860 als Regionalliga-Tabellenführer in die Winterpause. Im Interview spricht der Coach über charakterstarke Spieler, Sportchef-Kandidat Benjamin Lauth und seine vereinspolitisch neutrale Haltung.

München - Mit einem ausgelassenen Abend im Szeneclub „MC Müller“ ließ die Mannschaft des TSV 1860 das Fußballjahr 2017 ausklingen. Mit dabei war auch Trainer Daniel Bierofka - trotz einer entzündeten Magenschleimhaut, die ihn seit Montag in den Krankenstand zwang. „Ich hoffe, ich kann nicht nur Tee trinken“, sagte Bierofka schon wieder scherzend, als er unsere Zeitung am Mittag zum Interview traf.

Herr Bierofka, kaum war das letzte Punktspiel 2017 abgepfiffen, streikte Ihr Körper. Ausdruck der ganzen Last, die nach turbulenten Monaten von Ihnen abgefallen ist?

Bierofka: Klar war’s anstrengend mit den vielen Spielen und dem Drumherum, aber man muss da nicht zwingend einen Zusammenhang herstellen. Vielleicht hab ich auch zu viel Kaffee getrunken in der stressigen Phase (lacht).

22 Spiele in der Liga, drei im Toto-, eins im DFB-Pokal. Selbst der FC Bayern ist in diesem Zeitraum nur auf 22 Pflichtspiele gekommen. Wird die Regionalliga in der öffentlichen Wahrnehmung unterschätzt?

Bierofka: Von der Belastung her ganz klar. Auch, was die kleineren Vereine leisten. Rosenheim hatte genauso viele Spiele wie wir, dafür kommt bei uns noch die mentale und mediale Komponente dazu. Hier bricht gleich die ganze Welt zusammen, wenn du einmal verlierst - und bei einem Unentschieden gibt’s zumindest was aufs Dach. Die jungen Spieler mussten auch lernen, dass sie in jedem Spiel an ihre Grenzen gehen - denn gegen uns geht auch jede Mannschaft an ihre Grenzen. Ich hab’s ja schon mal gesagt: Es ist ähnlich wie beim FC Bayern - nur drei Ligen drunter.

Das Ergebnis - Platz 1 mit 7 Punkten Vorsprung - kann sich aber sehen lassen. Hätten Sie damit gerechnet, die Liga vom Start weg so zu dominieren?

Bierofka: Ehrlich gesagt nicht. Und wir haben ja auch gleich das dritte Spiel verloren - wobei das in Buchbach mit dem tiefen Platz durchaus lehrreich war. Bei den meisten Auswärtsspielen in der Regionalliga hast du eben nicht so einen super Rasen wie bei uns im Grünwalder Stadion. Teilweise sind die Plätze grenzwertig, dann musst du halt über den Kampf kommen - und das können die anderen auch.

Die zu Grunde liegende Idee scheint aber aufgegangen zu sein, also das Gerüst aus einer halben U 21, einigen Routiniers und Ex-Löwen, die höherklassig gespielt haben.

Bierofka: Ob’s voll aufgegangen ist, wissen wir erst am Ende der Saison, aber bis jetzt bin ich sehr zufrieden. Der Teamspirit ist herausragend, das betonen auch die Spieler immer wieder. Ein anderes Pfund ist, dass sich die ältere Riege um Timo Gebhart und Sascha Mölders gut im Verein auskennt. Die kann hier nichts mehr überraschen.

Bilder: Löwen laufen Richtung Winterpause - Bierofka zurück

Für die Zusammenstellung des Kaders sind ja in erster Linie Sie verantwortlich. Welche Rolle spielten dabei die Erfahrungen, die Sie im letzten, spektakulär verkorksten Zweitligajahr gesammelt haben?

Bierofka: Eine große - gerade was das Thema Identifikation und Charakter angeht. Bei einem Verein wie Sechzig ist die Persönlichkeit des Spielers noch wichtiger als anderswo, und genau das hat im letzten halben Zweitligajahr grundlegend gefehlt. Solange es läuft, sind immer alle gut drauf – aber wehe, es kommen Rückschläge. Daran habe ich mich orientiert - und an Spielern, die ich persönlich kenne.

Stimmt die Rechnung Stammspieler = Volltreffer, haben Sie eine hundertprozentige Trefferquote bei Transfers. Provokativ gefragt: Wozu brauchen Sie da einen Sportchef, den Sie zuletzt einforderten?

Bierofka: Da war natürlich auch Glück dabei. Irgendwann liege ich mit Sicherheit auch mal daneben - und wir wollen ja auch nicht ewig in der Regionalliga bleiben. Spätestens mit Blick auf die 3. Liga sollten wir uns in allen Bereichen verbessern und Stück für Stück wieder professionelle Strukturen aufbauen. Nach dem Doppelabstieg im Sommer war ja nichts mehr da. Ich bin aber auch überzeugt davon, dass das dann passieren wird.

Als Kandidat wird immer wieder Ex-Publikumsliebling Benny Lauth genannt, Ihr früherer Teamgefährte. Wäre einer wie er die Ideallösung oder sollte es ein externer Manager mit Erfahrung sein?

Bierofka: Grundsätzlich wären mir bei dieser Personalie drei Sachen wichtig: A) Er sollte ein gutes Netzwerk haben. B) Er sollte sich im Verein auskennen. C) Er sollte sehr teamfähig sein. Selbstdarsteller können wir nicht gebrauchen. Wenn es soweit ist, müssten wir uns intensiv mit den Kandidaten austauschen, und was Benny angeht: Bei ihm passen schon mal zwei der drei Punkte . . .

Geschäftsführer Markus Fauser scheint aufgeschlossen für Ihren Wunsch zu sein, auch die Investorenseite. Das Präsidium dagegen steht auf dem Standpunkt: In der 4. Liga braucht’s keinen Manager.

Bierofka: Als Angestellter des Vereins muss ich manche Sachen akzeptieren - und das habe ich irgendwann gemacht.

Fauser, den Sie stets lobend erwähnen, wird den Verein wohl zum Jahresende verlassen. Ein Verlust?

Bierofka: Noch ist es ja nicht offiziell, aber klar: Ich schätze ihn sehr, er schätzt mich. Als hier im Sommer alles den Bach runtergegangen ist, haben wir gemeinsam versucht, das Boot über Wasser zu halten - da wäre es natürlich schade, wenn das schon nach so kurzer Zeit auseinandergeht.

Eine Debatte, von Ihnen selber angestoßen, betrifft die fehlende Perspektive im tief gespaltenen Verein. Dabei entstand der Eindruck, dass Sie der Investorenseite näher stehen als zum Beispiel Präsident Robert Reisinger. Fühlen Sie sich ausreichend von ganz oben unterstützt?

Bierofka: Zuerst möchte ich betonen, dass ich absolut neutral bin. Ich stehe weder der einen Seite nahe noch der anderen - mir geht’s ausschließlich um den Klub. Das war auch nicht als Hilferuf von mir gemeint, sondern als Appell, dass man sich noch mal zusammensetzt. Ich will, dass der Klub wieder vorwärts kommt. Regionalliga ist schwer genug. Schon weil sie als semiprofessionelle Staffel irgendwie zwischendrin hängt - und weil du wenig Planbarkeit hast wegen der Aufstiegsregelung.

„Unmenschlich, wenn ein Pfostenschuss in den Playoff-Spielen entscheidend ist . . . “

Die soll an diesem Freitag beim DFB-Bundestag reformiert werden - aber wohl nicht in Ihrem Sinne, dass es künftig fünf Direktaufsteiger gibt.

Bierofka: Ich sehe die Problematik in einem großen Land wie Deutschland. Ich verstehe auch Herrn Koch (den BFV-Chef/Red.), dass man Feierabendfußballern aus dem Allgäu nicht zumuten will, weit in den Osten zu reisen. Andererseits: Wenn du 36 Spieltage lang vorne stehst und wahnsinnig viel investiert hast, dann ist es fast schon unmenschlich, wenn du wegen eines Pfostentreffers nicht aufsteigst - so wie es Waldhof Mannheim in der Relegation gegen Meppen passiert ist. Das musst du als Sportler erst mal wegstecken. Das kann einen richtigen Knacks geben.

Mal angenommen, es klappt mit dem Aufstieg in die 3. Liga: Wird dann vieles einfacher für Sie und den Verein? Oder wird’s dann erst richtig problematisch, weil der Verein sich wohl nur mit finanzieller Hilfe von Ismaik einen Profikader leisten könnte?

Bierofka: Das Finanzielle müsste man Herrn Fauser fragen - oder gegebenenfalls seinen Nachfolger. Für mich als Trainer wäre es auf jeden Fall einfacher, weil du dann wieder im Profibereich bist und Spieler locken kannst, die jetzt noch illusorisch sind. Unser Image ist ja inzwischen auch wieder recht positiv. Und: Die 3. Liga hat eine klare Aufstiegs- und Abstiegsregelung.

Und angenommen, es klappt nicht. Bricht das Kartenhaus dann zusammen? Ist ein Ausnahmespieler wie Timo Gebhart für ein weiteres Regionalligajahr zu motivieren und zu finanzieren?

Bierofka: In finanzieller Hinsicht sehe ich da kein Problem, denn es ist ja nicht so, dass wir gesagt haben: Wir gehen „all in“, auf Gedeih und Verderb. Bei uns ist alles auf zwei Jahre ausgelegt. Und zur Frage nach der Motivation: Es ist die Entscheidung des Spielers, ob er sich ein weiteres Jahr 4. Liga vorstellen kann. Wir haben ein schmales Budget und können nicht mit so viel investieren wie ein FC Bayern. Was die für ihre zweite Mannschaft zahlen, werden wir nie zahlen können. Ich denke, Timo weiß, was er an 1860 hat. Er wohnt in Memmingen, wird bald Papa - und ich glaube, er fühlt sich auch recht wohl hier.

14 Punktspiele sind es noch bis zu den Playoffs. Spüren Sie schon den „heißen Atem“ der Bayern, wie es Karl-Heinz Rummenigge ausgedrückt hat?

Bierofka: Da müsste ich ja andauernd irgendeinen Atem spüren (lacht). Vielleicht bin ich schon zu lange dabei, dass mich solche Aussagen weder aufregen noch nervös machen. Nach der Winterpause beginnt die heiße Phase - und dann werden wir sehen, welche Mannschaft auch mental am stabilsten ist.

Die letzte Frage, von Ihnen selber kürzlich gestellt: Wo steht 1860 in zwei, wo in fünf Jahren?

Bierofka: Schwierige Frage. Wir sind gerade dabei, das alles zu klären und einen Fünfjahresplan aufzustellen. Im Fußball hängt vieles am Finanziellen, deswegen verbietet es sich, irgendwelche Traumschlösser zu bauen. Es liegt an anderen Personen, das zu klären. Wir können nur versuchen, im sportlichen Bereich alles in die Waagschale zu werfen.

Sie sind aber vermutlich fester Bestandteil dieses Fünfjahresplans . . .

Bierofka: Das kann ich nicht sagen. Im Fußball geht es so schnell . . . Ich hab kürzlich mal eine Trainerliste gesehen - da gibt es kaum einen, der länger als zwei Jahre irgendwo ist. Wenn der Verein einen findet, der besser passt, dann ist das eben so. Ich nehme mich da selber nicht so wichtig.

Das könnte Sie auch interessieren

Edel-Fan als Diplomat und Warner: „Es herrscht absoluter Stillstand bei 1860“

Winterfahrplan 2017/18 des TSV 1860: Testspiel in England?

Christian Köppel über wichtige Tore, seinen Glauben und die Löwen

Mölders sendet Dankeschön - und hebt einige besonders hervor

Interview: Uli Kellner

WhatsApp-News zum TSV 1860 gratis aufs Handy: tz.de bietet einen besonderen Service für Löwen-Fans an. Sie bekommen regelmäßig die neuesten Nachrichten zu den Löwen direkt per WhatsApp auf Ihr Smartphone. Und das kostenlos: Hier anmelden!

Quelle: tz

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Verstärkung für die 1860-Abwehr? Das sind die Kandidaten aus der Regionalliga
Verstärkung für die 1860-Abwehr? Das sind die Kandidaten aus der Regionalliga
Löwen-Hammer: NLZ-Chef Schellenberg vor dem Aus
Löwen-Hammer: NLZ-Chef Schellenberg vor dem Aus
Löwen bestätigen Vertragsauflösung mit NLZ-Chef Schellenberg
Löwen bestätigen Vertragsauflösung mit NLZ-Chef Schellenberg
Freisings Junioren zeigen Junglöwen die Zähne
Freisings Junioren zeigen Junglöwen die Zähne

Kommentare