"Bei 1860 bin ich noch mit vollem Herzen dabei"

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Florian Jungwirth (l.) wurde im Trikot der Löwen U19-Europameister

Karlsfeld - Vor einem Jahr hat Florian Jungwirth beim TSV 1860 frustriert die Koffer gepackt. Bei Dynamo Dresden trumpft er nach schwerer Verletzung auf. Sein Herz schlägt immer noch für 1860.

April 2010. Es läuft die 40. Minute im Spiel gegen den FC Ingolstadt. Dynamo Dresdens Abwehrchef Florian Jungwirth klärt den Ball vor der Grundlinie zur Ecke. Plötzlich geht der Fußballer aus Karlsfeld zu Boden. Der Innenverteidiger wird sofort behandelt. Er kann nicht mehr laufen, muss mit der Trage abtransportiert werden. „Ich habe nur kurz gehört, dass es geknackt hat“, erinnert sich Jungwirth. „Aber eigentlich hatte ich keine Schmerzen.“

Der Innenverteidiger steht wenig später wieder an der Seitenlinie, will aufs Spielfeld zurück. Doch bereits beim nächsten Zweikampf ist endgültig Schluss. „Mir ist schlecht geworden, mein ganzer Körper hat gezittert. Wir sind gleich danach in die Klinik gefahren.“

In der Klinik dann der Schock: Saison-Aus! Das Kreuzband im rechten Knie ist gerissen. Es war der schlimmste Moment in der Karriere des jungen Karlsfelders.

Seit drei Jahren begleiten die Dachauer Nachrichten bereits die Karriere des jungen Fußballprofis, der die deutsche U 19-Nationalmannschaft vor drei Jahren als Kapitän zum Europameistertitel geführt hat. Bei den Löwen schaffte er unter Trainer Ewald Lienen nicht den Sprung zu den Profis. Frustriert packte er in München vor einem Jahr seine Koffer und wechselte zu Dynamo Dresden. Dort hat der Innenverteidiger voll eingeschlagen. Nach seiner Verletzung fühlt er sich stärker als je zuvor. Auch wenn sein Vertrag im Sommer ausläuft, hat er mit Dynamo Dresden noch große Ziele.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als die Ärzte gesagt haben, wie schlimm die Verletzung ist?

Jungwirth: Nicht viel. Für mich ist die Welt zusammengebrochen. Ich hatte immer Angst vor so einer Verletzung. Das ist mit das Schlimmste, was dir im Fußball passieren kann.

Sie sind fast ein halbes Jahr lang ausgefallen. Wie haben Sie Ihre erste schwere Verletzung überstanden?

Jungwirth: Die Zeit während der Reha war sehr schwer für mich. Ich wurde in der Nähe von München behandelt, musste jeden Tag vier bis fünf Stunden trainieren und habe in dieser Zeit keinen Fußball zu Gesicht bekommen. So etwas möchte ich nie wieder erleben. Als ich im Oktober gegen Hansa Rostock zum ersten Mal wieder auf dem Platz stand, lief es mir eiskalt den Rücken runter. Die Fans haben meinen Namen gerufen. Das war Gänsehaut pur.

War es die richtige Entscheidung, die Löwen zu verlassen?

Jungwirth: Im Nachhinein kann ich sagen, dass es der richtige Schritt war. Ich fühle mich in Dresden sehr wohl und habe hier auch den nächsten Schritt in meiner Entwicklung gemacht.

Nach Ihrem Wechsel von den Löwen wollten Sie beweisen, dass Sie im Profifußball bestehen können. Dresden sollte für Sie das Sprungbrett für höhere Aufgaben sein. Dann kam der Kreuzbandriss dazwischen...

Jungwirth: Dresden ist für mich keine Durchgangsstation. Der Verein ist mir sehr ans Herz gewachsen. Ich habe hier meine Chance bekommen. Trotz meiner Verletzung hatte ich im vergangenen Sommer die Möglichkeit, ins Ausland oder in die Zweite Liga zu wechseln. Ich habe mich trotzdem für Dynamo entschieden. Hier habe ich das Vertrauen des Trainers und will das auch zurückzahlen.

Vertrauen ist ein gutes Stichwort. Mit Matthias Mauksch haben Sie in Dresden einen Trainer, der zu 100 Prozent hinter Ihnen steht. Das war in Ihrer Karriere nicht immer so...

Jungwirth: Ich hatte vom ersten Tag an das Gefühl, dass Matthias Mauksch auf mich baut. Ich durfte endlich auf dem Platz stehen und Fußball spielen. Das war auch der Grund, warum ich mich für Dynamo entschieden habe.

Nicht nur beim Trainer findet Ihre Leistung Anerkennung. Die Dynamo-Fans wählten Sie im Sommer zum Spieler der Saison.

Jungwirth: Das habe ich im Nachhinein auch erfahren. Gerade als Abwehrspieler stehst du normalerweise nicht so sehr im Rampenlicht. So eine Auszeichnung macht einen dann natürlich unglaublich stolz.

Während Ihrer Verletzungspause haben Sie sich auch zu den Dynamo-Fans in den Block gestellt, um Ihre Mannschaft anzufeuern. Dabei haben die Dresdner in der Bundesliga nicht den besten Ruf.

Jungwirth: Das ist die Meinung derer, die den Verein nur von außen sehen. In dieser Liga gibt es keinen Verein, der einen besseren Fandurchschnitt und eine bessere Stimmung hat. Jeder Zweitligist wäre glücklich, wenn er solche Fans hätten. Die Zeit im Fanblock war ein geiles Erlebnis. Ich wollte die Stimmung miterleben, wie die Fans mit uns feiern und uns anfeuern.

Timo Gebhart, Sven und Lars Bender – alle haben den Sprung in die Erste Liga geschafft. Können Sie sich am Samstag eigentlich noch die Sportschau anschauen?

Jungwirth: Ja klar. Ich freue mich natürlich, dass die Jungs den Sprung in die Erste Liga geschafft haben. Leider ist der Kontakt nicht mehr so gut wie früher.

Schwingt da nicht ein bisschen Wehmut mit in Ihrer Stimme? Vor drei Jahren sind Sie mit den Benders und Gebhart U 19-Europameister geworden.

Jungwirth: Auf gar keinen Fall. Ich bin von mir überzeugt und glaube daran, dass sich harte Arbeit bezahlt macht. Ich weiß, dass ich meinen Weg gehen werde und mich in der Bundesliga etablieren kann. Ob es dann früher oder – wie bei mir – eben ein bisschen später klappt, ist auch vom Glück abhängig. Mich freut es natürlich, dass es die Jungs jetzt schon geschafft haben. Aber ich habe das Ziel Erste Liga noch nicht aus den Augen verloren.

Schaffen Sie das mit Dynamo Dresden? Nach dem 1:1 zum Rückrundenauftakt gegen Braunschweig beträgt der Rückstand bereits sechs Punkte. Zudem haben Sie bereits ein Spiel mehr.

Jungwirth: Wir arbeiten hart daran, dass wir die Sensation noch schaffen. Träumen ist immer erlaubt. Aber gerade deswegen haben wir in dieser Saison schon etliche Punkte liegen gelassen. Wir wollen uns ab jetzt immer nur auf das kommende Spiel konzentrieren. Sonst kannst du in Dresden keinen Erfolg haben.

"Bei 1860 bin ich noch mit vollem Herzen dabei"

Verfolgen Sie noch, was bei den Löwen los ist?

Jungwirth: Ich habe fast zehn Jahre beim TSV 1860 gespielt. Da ist es klar, dass ich noch mit vollem Herzen dabei bin. Ich schaue mir fast jedes Spiel im Fernsehen an und verfolge im Internet, was in München los ist.

Wie geht’s nach der Saison weiter? Ihr Vertrag in Dresden läuft aus.

Jungwirth: Darüber mache ich mir noch keine Gedanken. Ich bin froh, dass ich wieder zurück bin in der Mannschaft. Ich fühle mich hier wohl und kann mir durchaus vorstellen, noch länger in Dresden zu bleiben. Ich möchte mit Dynamo Erfolg haben.

Interview: Christoph Seidl

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