Viele schwarze Schafe bei MPU-Anbietern

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Seit einer Gesetzesänderung im August 2018 können Begutachtungsstellen die Gebühren für ihre Tätigkeit frei festsetzen. Kosten bis zu 2000 Euro sind daher keine Seltenheit. Wer sich für eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) anmelden will, sollte daher vorher unbedingt die Preise vergleichen. Von Anbietern mit einer „Erfolgsgarantie“ rät der ADAC ab. Fast jeder Zweite scheitert bei der Untersuchung. Doch Experten haben Tipps, wie es klappt.

Thorsten Leifert (Name geändert) ist verzweifelt. Der Student ist erst vor kurzem vom Land nach Frankfurt gezogen und war im Sommer auf seine erste WG-Party eingeladen. Dort trank er ein paar Gläser Apfelwein. „Ich wollte nicht als Spielverderber gelten und habe mich danach trotz erster Weigerung überreden lassen, bei einem Trinkspiel mitzumachen“, erzählt er rückblickend. Dieses hat er nach eigenen Worten „gnadenlos verloren“. Als Leifert nachts auf sein Fahrrad stieg, dachte er sich nichts dabei. Auf dem Land sei es normal gewesen, in so einem Zustand noch nach Hause zu fahren. In der Stadt sah die Polizei das natürlich anders. Nach 200 Metern hielt ihn ein Streifenwagen wegen seiner auffälligen Fahrweise zur Alkoholkontrolle an. Ergebnis: 1,9 Promille. Damit war Leiferts Autoführerschein weg. Auf dem Fahrrad gilt ein Höchstwert von 1,6 Promille. Um seinen „Lappen“ wiederzubekommen, muss er sich jetzt zu einer medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) anmelden – im Volksmund Idiotentest genannt.

So wie Leifert ergeht es vielen Verkehrsteilnehmern. Allein im Jahr 2018 mussten sich laut Bundesanstalt für Straßenwesen über 87.000 Personen bei einer MPU begutachten lassen. Der Grund dafür waren in fast jedem dritten Fall Drogen und Medikamente. Damit ist diese Gruppe zum ersten Mal seit der Datenerfassung größer als die der sogenannten erstmals Alkoholauffälligen (26 Prozent). Im Auto droht ab 1,1 Promille eine MPU. Elf Prozent sind sogar wiederholt mit Alkohol hinter dem Steuer erwischt worden. In diesem Fall können schon mehr als 0,5 Promille für eine MPU reichen. Weitere Gründe ergeben sich, wenn das Punktekonto in Flensburg die Maximalpunktzahl erreicht hat. Auch bestimmte Straftaten oder körperliche Gebrechen können Auslöser sein. Den Führerschein wiederzubekommen ist gar nicht so einfach. Die MPU bestanden haben wie die letzten Jahre auch nur knapp 60 Prozent, 36 Prozent sind als „ungeeignet“ durchgefallen – der Rest als wurde als „nachschulungsfähig“ eingestuft.

Wie hoch die Kosten für eine MPU sind, lässt sich nicht pauschal sagen. Seit einer Gesetzesänderung im August 2018 können die Begutachtungsstellen die Gebühren für ihre Tätigkeit frei festsetzen. Bevor sich Kandidaten daher für eine Gutachterstelle entscheiden, sollten sie daher vorher unbedingt nach den Kosten fragen. Außerdem richten sich der Preis nach dem jeweiligen Tatbestand, wegen dem es zum Führerscheinentzug kam. Es macht also einen Unterschied, ob jemand zum ersten Mal mit Alkohol am Steuer erwischt wurde oder wiederholt alkoholisiert Fahrerflucht begangen hat. Grundsätzlich muss aber mit 400 bis 800 Euro gerechnet werden. Zusätzliche Kosten für Vorbereitungskurse, Gutachten und Screening-Verfahren treiben den Preis oft in die Höhe. So können komplizierte Fälle auch mit 1800 Euro zu Buche schlagen – mehr als der Führerschein in der Regel gekostet hat.

Wenn der Führerschein entzogen wurde, rät der Automobilclub ADAC zu den kostenlosen Informationsabenden der anerkannten Beratungsstellen oder gleich zu einem anerkannten Verkehrspsychologen zu gehen. In dieser Eingangsuntersuchung für rund 100 Euro werden die Weichen für eine erfolgreiche Begutachtung gestellt. Danach bieten sich verkehrstherapeutische Einzelgespräche an, bei denen für insgesamt rund 1000 Euro der Fahrplan für den Weg zurück zum Führerschein erstellt wird. Wer sich das nicht leisten kann, dem empfehlen Experten Gruppenkurse. 18 Sitzungen kosten zwischen 500 und 600 Euro. Das ist zwar auch viel Geld, aber immer noch günstiger, als mehrere Fehlversuche. Manche Kurse können sogar die Führerschein-Sperrzeit um bis zu drei Monate verkürzen. Von Anbietern mit einer „Geld-zurück-Garantie“ rät der ADAC, die Finger zu lassen. „Die dabei oft versprochene schnelle Lösung oder gar eine Erfolgsgarantie gibt es nicht.“

Das Gutachten selbst muss ein anderer Verkehrspsychologe durchführen, weil die Vorbereitung auf die MPU laut Gesetz in anderen Händen liegen muss als die Begutachtung. Diese dauert mehrere Stunden und besteht aus drei Schritten. Zuerst wird die Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit des Fahrers überprüft – das ist für die meisten in der Regel kein Problem. Danach folgt die Untersuchung durch einen Verkehrsmediziner. Dabei wird über Erkrankungen gesprochen, der Körper untersucht und je nach Grund für die MPU Blut- oder Urinproben genommen. Als letztes folgt mit dem psychologischen Gespräch der Schwerpunkt der Untersuchung. Dabei wird die Einstellungen zum Verkehrsverhalten erfasst, beispielsweise ob das eigene Fehlverhalten eingesehen wird, sich mit den Ursachen auseinandergesetzt wurde und die richtigen Konsequenzen gezogen wurden.

Um die MPU zu bestehen, empfehlen Experten, sich mit anderen Menschen zu unterhalten, die die Begutachtung wegen eines ähnlichen Vergehens bereits erfolgreich gemeistert haben. Wer im Bekanntenkreis nicht fündig wird, kann es über die vielen MPU-Foren im Internet versuchen. Da in der MPU Fachfragen gestellt werden, sollten sich die Teilnehmer dringend mit dem Grund für den Entzug des Führerscheins auseinandersetzen – egal, ob es sich um Alkohol, andere Drogen oder Raserei handelt. Es ist entscheidend, die innere Einsicht zu haben, einen Fehler begangen zu haben. Dies nur auswendig zu lernen und aufzusagen, dürfte bei den wenigstens Gutachtern von Erfolg gekrönt sein. Natürlich übt die MPU „unnötigen Druck“ aus, wie ADAC, renommierte Psychologen, Juristen und selbst Politiker sagen. Aber der Staat sitzt am längeren Hebel. Experten raten daher, innerlich das Machtgefälle zum Gutachter zu akzeptieren und die Begutachtung als Chance für eine Veränderung zu sehen – auch wenn es schwerfällt.

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