Grafiken und Daten-Analysen

Jedes Jahr mehr Lebensmittel-Rückrufe: So gefährlich sind Fleisch, Milch und Käse wirklich

Es gibt immer mehr Rückrufe in der Statistik. Woran liegt das?
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Es gibt immer mehr Rückrufe in der Statistik. Woran liegt das?

Jährlich mehr Rückrufe bei Lebensmitteln, 2019 war ein Rekordjahr. Doch wie gefährlich ist das? Wo sind Verbraucher besonders betroffen? Eine Daten-Analyse klärt auf.

  • Fast täglich werden Lebensmittel zurückgerufen* und müssen aus den Regalen geräumt werden.
  • Die Zahl der Rückrufe nimmt laut Statistik jedes Jahr zu - aber steigt auch die tatsächliche Gefahr?
  • Welche Lebensmittel und Regionen am häufigsten betroffen sind.

München - Ob Bakterien in der Wurst oder Metallteile im Käse - Rückrufe versetzen uns zunächst in Sorge. Statistisch betrachtet nehmen Produktrückrufe* sogar von Jahr zu Jahr weiter zu. Was steckt hinter den alarmierenden Meldungen? Wir haben Statistiken und Daten analysiert und geben Antworten.

In den letzten Jahren hat die Zahl der Rückrufe laut offizieller Statistik stark zugenommen. Während zwischen 2011 und 2013 noch nicht einmal 100 Meldungen pro Jahr auf der Behörden-Website lebensmittelwarnung.de eintrudelten, nahm die Zahl der Veröffentlichungen danach stetig zu. Im Jahr 2019 wurden bereits 236 Warnungen auf dem Portal veröffentlicht - fast eine pro Werktag.

Immer mehr Lebensmittelwarnungen: Wie sich der Anstieg der Rückrufe erklärt

Wie kommt es zu dieser starken Zunahme an Rückrufen? Zum einen stehen Hersteller mittlerweile einem Rückruf weniger kritisch gegenüber als noch vor ein paar Jahren. Das zumindest vermutet auf Anfrage der Ippen-Digital-Zentralredaktion ein Sprecher des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Bei Gründung des Portals sei eine Erwähnung noch eher als Anprangerung gesehen worden. Auch spiele es eine Rolle, dass beim Aufsetzen der Seite noch nicht alle Bundesländer beteiligt waren. Das BVL, das für das Portal lebensmittelwarnung.de verantwortlich ist, hat für diese vermuteten Zusammenhänge letztlich allerdings keine klaren Beweise.

Produkt-Rückrufe: Welche Produkte am häufigsten davon betroffen sind

Weitere Zahlen stützen die Beobachtung, dass Lebensmittel nicht unbedingt häufiger Mängel aufweisen als früher. Für die letzten Jahren verzeichnete beispielsweise die Behörde für Lebensmittelüberwachung nur eine sehr kleine Zunahme der Beanstandungs-Quote bei Betriebskontrollen. Lag die 2014 bei 11,6 Prozent, waren es vier Jahre später mit 13,0 Prozent nicht deutlich mehr.

Die meisten Rückrufe gehen jedoch eh nicht auf Beanstandungen von Behörden zurück, sondern werden durch Kontrollen der Unternehmen selbst ausgelöst. Am häufigsten mussten in Vergangenheit Fleisch und daraus hergestellte Waren aus den Regalen genommen werden. Jede fünfte der rund 1.200 Meldungen auf lebensmittelwarnung.de betrafen diese Kategorie.

Einzelne Bereiche könnten in der Statistik derart stark repräsentiert sein, weil sie zu den häufig konsumierten Hauptnahrungsmitteln gehören und die Kategorien zudem relativ weit gefasst sind. Andere Kategorien, wie beispielsweise Honig oder Nahrungsergänzungsmittel, sind hingegen deutlich spezieller und haben somit automatisch einen kleineren Anteil in der Statistik. Das erklärte ein Sprecher des Bundesamtes auf Anfrage.

So gefährlich sind von Rückrufen betroffene Lebensmittel

Dass die Rückrufe generell aus sehr gutem Grund durchgeführt werden, sieht man bei den möglichen gesundheitlichen Folgen für uns Verbraucher. Keime, Bakterien und Salmonellen können Bauchschmerzen und Durchfall hervorrufen und haben nichts in Lebensmitteln zu suchen. Dennoch treten sogenannte mikrobiologische Kontaminationen ab und an auf. Mit 34 Prozent aller Meldungen sind solche Vorkommnisse sogar am häufigsten für einen Rückruf verantwortlich.

Die besonders gefährlichen Listerien tauchten etwa in einem Rückruf-Fall bei einem Schweizer Käse auf - aber auch in vielen weiteren Fällen. Listerien sind Bakterien, die Übelkeit, Erbrechen oder Fieber auslösen können. Die Symptome einer sogenannten Listeriose ähneln meist einem grippalen Infekt - aber nur dann, wenn besonders viele Erreger aufgenommen werden. Eine andere Gefährdung entsteht ebenfalls in der Produktion: Ein Honig musste beispielsweise einmal zurückgerufen werden, weil Metallteile, die von einem Rührgerät gestammt haben könnten, gefunden wurden.

45.000 AOK-Versicherte litten 2019 an einer Lebensmittelvergiftung

Wie häufig verletzen oder vergiften sich Menschen tatsächlich durch zurückgerufene Lebensmittel? Das hat die AOK auf unsere Anfrage berechnet: 45.000 AOK-Versicherte wurden im Jahr 2019 wegen Lebensmittelvergiftungen ambulant oder stationär behandelt. Dies ergibt sich aus der Abrechnungsstatistik. Zudem geht die Kasse von einer noch höheren Dunkelziffer aus. Wodurch die Vergiftungen aber genau ausgelöst werden und wie oft ein zurückgerufenes Produkt dafür verantwortlich war, geht aus den Zahlen nicht hervor. Neben Fehlern seitens der Hersteller können auch eine falsche Lagerung oder Zubereitung der Verbraucher der Grund sein.

Ein Sprecher der DAK ergänzte gegenüber unserer Redaktion, dass aus den Krankenkassendaten keine unmittelbaren Rückschlüsse auf die Gefahr durch zurückgerufene Lebensmittel gezogen werden könnten. „Wenn jemand mit Bauchschmerzen und Übelkeit zum Arzt oder zur Ärztin kommt, kann das auf einen Virusinfekt oder aber auch auf eine Lebensmittelvergiftung zurückzuführen sein“, so ein DAK-Gesundheitsexperte.

Lebensmittelwarnungen im Ländervergleich: Bayern am häufigsten betroffen

Dass es einen Unterschied macht, wo man lebt und einkauft, zeigt der Ländervergleich der Meldungen von 2019. Zwar weichen die Werte nicht extrem voneinander ab, dennoch sind Abweichungen erkennbar. Die Werte schwanken zwischen 185 Warnungen für Bayern und 116 für Saarland und Mecklenburg-Vorpommern.

Tatsächlich sind vor allem die Vertriebswege der Unternehmen entscheidend bei der Frage, ob ein Land von einer Warnung betroffen ist oder nicht. Tendenziell spielt auch die Größe und die Einwohnerzahl der Bundesländer eine Rolle, so erklärt es das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit auf Anfrage. Das könnte erklären, wieso große Bundesländer wie Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen stärker betroffen waren als Bremen oder das Saarland. Meistens spricht das jeweilige Bundesland, indem der verantwortliche Hersteller ansässig ist, eine entsprechende Warnung aus. Die anderen Ländern schließen sich dieser Warnung an, falls das betroffene Produkt auch dort verkauft wurde.

Ob sich der deutliche Trend der letzten Jahre bestätigt, wird sich zeigen. Die bisherigen Rückrufe im Jahr 2020 weisen noch nicht auf einen erneuten Zuwachs hin. Doch wie unsere Analysen zeigen, gilt eine zunehmende Anzahl an Rückrufen nicht automatisch als Zeichen für immer schlechtere Lebensmittel. Und wenn Fehler passiert sind, sind schnelle Reaktionen der Verantwortlichen das wichtigste - und die Sensibilität der Verbraucher, die durch die Rückrufe ja sogar erst entstehen soll. Von Luisa Billmayer .*Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Transparenz: Unsere Daten, Quellen und Methoden

Für die Recherche wurden als Quellen das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) sowie das Portal lebensmittelwarnung.de herangezogen. Die Zahlen, die uns das BVL auf Anfrage übermittelte, wurden aufbereitet und mithilfe von Grafiken veranschaulicht. Zudem gaben Sprecher des BVLs, des Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit und der Krankenkassen DAK und AOK Auskunft über die Rückruf-Thematik.

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