Dank Avatar im Klassenzimmer

Innovationen der Medizintechnik (2): Schule für Kranke ermöglicht Kindern Unterricht per Stellvertreter

Über das Tablet kann das Kind dem Unterricht von Zuhause aus folgen.
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Über das Tablet kann das Kind dem Unterricht von Zuhause aus folgen.
  • Marie-Julie Hlawica
    VonMarie-Julie Hlawica
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Mini-Roboter sollen kranken Kindern in der Zukunft die virtuelle Teilnahme am Unterricht ermöglichen. Jedoch werden sie nur selten eingesetzt. Wie sie aussehen und funktionieren...

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. In unserer aktuellen Serie blicken wir auf innovative Medizintechnik, die in Münchnen zur Anwendung kommt.

So wie die Mini-Roboter, welche erkrankten Kindern ermöglichen, am Unterricht ihrer Schule zumindest virtuell teilzunehmen. Was die kleinen Helfer alles können und warum der Einsatz bisher nur selten gelingt, erklärt Angelika Moosburger von der Staatlichen Schule für Kranke.

Mini-Roboter vertreten Kinder im Unterricht - Schulbildung für chronisch Kranke so von Zuhause möglich

Er ist Augen, Ohren und die Stimme des Kindes im Klassenzimmer zugleich: Gut 30 Zentimeter groß ist der „Platzhalter“ aus Kunststoff, der anstelle von zwei Schülern im Unterricht sitzt.

Die Avatare sind seit kurzem für die Staatliche Schule für Kranke in München Schwabing im Einsatz und „eine große Unterstützung für für unsere chronisch kranken Patienten, um von Zuhause aus am Unterricht teilzunehmen“, sagt Schulleiterin Angelika Moosburger. „ So halten sie den täglichen Kontakt zur Klasse und ihren Freunden. Diese Normalität im Krank-Sein ist so wichtig.“ Gerade für Kinder, die durch eine plötzliche, lebensbedrohliche Diagnose mitten aus dem Alltag gerissen werden, und einen längeren Behandlungsweg vor sich haben, ist es wichtig, nicht ganz isoliert zu werden.

Mit dem Schul-Förderverein hat Moosburger darum das elektronische Lern-Projekt seit Jahresanfang initiiert und drei Avatare für je 3500 Euro angeschafft. Derzeit sind zwei davon im Einsatz – einer in einer Grundschule in Oberaudorf, der andere in der Realschule in Maisach.

Schulleiterin Angelika Moosburger mit einem Avatar, den ein erkranktes Kind vom Krankenbett aus per Tablet steuern kann.

Wie funktioniert das System?

Der „Kunststoffkopf“ steht idealerweise am Sitzplatz des erkrankten Kindes im Klassenraum. Verbunden über Wlan, gesichert über ein Passwort und eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, wird der Avatar vom Kinderzimmer aus per Tablet gesteuert.

Der Mini-Roboter überträgt Bild und Ton aus dem Klassenraum, kann auf Befehl den Kopf drehen, mit seinem Banknachbarn flüstern oder per Lautsprecher reden, um dem Lehrer auf eine Frage zu antworten. Einmal angeschalten kann er von Lehrer zu Lehrer gereicht, vom Musiksaal in die Turnhalle mitgenommen werden.

Leuchtende Augen zeigen zudem, in welcher Stimmung der Patient daheim ist: sie imitieren dazu einen wachen, lachenden, kritischen, müden oder erschrockenen Gesichtsausdruck. Mit all dem erlaubt der elektronische Stellvertreter die aktive Teilnahme am Schulalltag – ohne, dass das geschwächte Kind von seinen Mitschülern gesehen wird.

Die Aufzeichnungen werden nicht gespeichert, auch Fotos können nicht gemacht werden: „So wird Missbrauch garantiert vermieden“, sagt Moosburger.

Neues System regt noch Misstrauen

Trotzdem sei das Misstrauen gegenüber der modernen Technik groß, müsse bei allen Beteiligten Überzeugungsarbeit geleistet werden. „Bevor der Avatar für ein Kind eingesetzt werden kann, benötigen wir mehrere Wochen intensive Vorarbeit. Der Kontakt mit der Heimatschule des von uns medizinisch und schulisch betreuten Kindes ist nur der Anfang. Lehrer, Schüler und Eltern müssen involviert sein. Ein Elternabend muss stattfinden, alle eine Einverständniserklärung abgeben.“ Verweigert nur einer, platzt das ganze Vorhaben.

„Es braucht von allen viel Offenheit, Bereitschaft und Mut. Aber es gibt einem kranken Kind eine Chance“, betont Moosburger. Idealerweise eignet sich der Avatar, der ja vom Kind selbstständig gesteuert werden soll, für Viert- bis Siebtklässler. „Aber auch im gymnasialen Bereich oder in der Berufsschule ist er denkbar.“

Zwei weitere Avatare für die Schule für Kranke hat Moosburger bei der Herstellerfirma „No Isolation“ schon bestellt. Sie sollen ab Anfang 2022 eingesetzt werden.

Das ist die Staatliche Schule für Kranke

Die Staatliche Schule für Kranke existiert seit 1984 am Schwabinger Kinderkrankenhaus und betreut alle staatlichen Schulen am Standort München. 40 Lehrkräfte, davon 12 Sonderpädagogen, ermöglichen Kindern in Münchner Krankenhäusern den Schulbesuch mit dem Lehrplan ihrer Stammschule. Zudem verhandeln sie darüber, wie Noten ausgeglichen oder der Wiedereintritt in die Schule nach Krankenhaus oder Reha gelingen kann – zum Beispiel barrierefrei. Derzeit betreut die Staatliche Schule für Kranke 220 Kinder, durchschnittlich sind es 300. 

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